73 000 Waldbrände hat das brasilianische Weltraumforschungsinstitut INPE seit Januar gezählt. Im Vergleichszeitraum 2018 waren es rund 40 000. Foto: AFP

Der Regenwald am Amazonas schwindet in alarmierendem Maße. „Unser Haus brennt“, hatte jüngst der französische Präsident gewarnt. NGOs haben nun eine neue Idee, wie der Wald geschützt werden könnte.

Brasilia - In diesen Tagen gibt es zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, die einen Stopp des Freihandelsabkommens zwischen Europa und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur fordern, in dem sich auch das riesige Brasilien befindet. Auch die Forderungen nach einem Boykott von brasilianischen Produkten, die möglicherweise dem Regenwald schaden, werden immer lauter. Vor allem die Sojabohne, in Europa und China als Tierfutter verwendet, ist einer der großen Flächenfresser in Brasilien. Brasilien deckt bislang diesen Bedarf.

Weil die Erdbevölkerung stetig wächst, steigt auch der Bedarf nach Nahrungsmitteln. Brasiliens Agrarindustrie ist auch unter dem linken Präsidenten Lula da Silva (2003–2011) diesen Weg gegangen. Erst unter seiner Parteifreundin und Nachfolgerin Dilma Rousseff (2011–2016) gab es einen wirklich spürbaren Rückgang der Amazonas-Abholzung. Einen kompletten Stopp, wie ihn europäische Nichtregierungsorganisationen (NGO) derzeit fordern, hat es bisher in keiner brasilianischen Präsidentschaft gegeben. Die Forderungen der europäischen Umweltschützer wären also nicht weniger als ein kompletter Richtungswechsel der brasilianischen Politik.

Welche Folgen ein Boykott haben könnte

Untermauert werden diese Forderungen mit der Drohung eines Boykotts brasilianischer Produkte, die, in welcher Form auch immer, dem Regenwald schaden. Schon diese Definition wirft Fragen auf: Gilt das nur für Produkte, die erst künftig in dem Gebiet angebaut werden, oder auch für solche, die schon lange dort wachsen und die der Westen bisher dankbar abgenommen hat? Eine direkte Folge wäre zum Beispiel ein großer Mangel von Orangensaft in Europa oder zumindest dessen spürbarer Preisanstieg.

Für Brasiliens Wirtschaft hätte ein solcher Boykott dramatische Folgen. Die Agrarindustrie gehört zu den wichtigsten Säulen des Landes, ein Wegbrechen hätte für das Land, das ohnehin gerade erst langsam aus einer Wirtschaftskrise herausfindet, ähnliche Folgen, als würde sich der Rest der Welt als Konsequenz des Abgasmanipulationsskandals weigern, deutsche Autos zu kaufen.

Die Kehrtwende des Präsidenten

Schon jetzt aber entfaltet allein die Drohung, dass Europa den gerade erst ­abgeschlossenen Freihandelsvertrag mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur auf Eis legen könnte, seine Wirkung in Brasília. Brasiliens mächtige Agrarlobby fürchtet angesichts der massiven Kritik aus der Alten Welt um ihren Ruf. Das wiederum drängt Bolsonaro dazu, einen Kurswechsel zu vollführen. Die Konsequenz: Bolsonaro inszeniert sich nun als Regenwaldbeschützer: „Wir sind uns dessen bewusst und werden handeln, um Abholzung und kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen, die Menschen im Amazonasgebiet gefährden. Wir sind eine Null-Toleranz-Regierung bei Verbrechen, und auf dem ökologischen Feld wird das nicht anders sein“, sagte er am Wochenende.

Inzwischen hat der rechtspopulistische Präsident Soldaten in die betroffenen Provinzen geschickt, um die Brände aktiv zu bekämpfen. Auch dabei ist die brasilianische Regierungsarbeit nicht frei von Peinlichkeiten. So veröffentlichte Brasília in den sozialen Netzwerken ein Foto, dass die Armee bereits im Einsatz zeigen sollte. Das Bild ist aber schon viel älter.

Absurder Vorwurf Bolsonaros

Die brasilianische Luftwaffe schickte nach Angaben des Verteidigungsministeriums Löschflugzeuge in das Katastrophengebiet. Außerdem sollen rund 44 000 Soldaten die Feuerwehr bei der Brandbekämpfung unterstützen. Das Finanzministerium gab zusätzliche Nothilfe in Höhe von 38 Millionen Reais – umgerechnet etwa zehn Millionen Euro – frei, die allerdings bei Weitem nicht ausreichen werden, um der vielen Tausend kleiner Brandherde Herr zu werden.

Das alles zeigt, dass Brandbekämpfung auch für diese brasilianische Regierung Neuland ist. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die in der vergangenen Woche ausgesprochene und heimlich wieder kassierte absurde Vermutung Bolsonaros, die Brände könnten von NGOs gelegt worden sein. In der Vergangenheit brannten Flächen einfach ab, und das Feuer stoppte irgendwann von alleine.

„Unser Haus brennt“

Inzwischen erregen die Waldbrände am Amazonas weltweit Besorgnis. Papst Franziskus äußerte sich zur Feuerkatastrophe. „Wir sind beunruhigt wegen der großflächigen Brände, die sich im Amazonas ausbreiten. Diese grüne Lunge ist lebenswichtig für unseren Planeten“, sagte er auf dem Petersplatz in Rom, wo die Bischöfe im Oktober zu einer Amazonas-Synode zusammenkommen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezog sich in ihrem Videopodcast auf eine Äußerung des französischen Präsidenten Macron. Er habe recht: „Unser Haus brennt – und da können wir nicht schweigen.“

Info: Warum der Regenwald für die Welt so wichtig ist

Größtes Waldgebiet

Im Amazonas-Becken liegt das größte tropische Waldgebiet der Welt. Der Wald nimmt Kohlendioxid (CO2) auf und gibt Sauerstoff ab. Nach Berechnungen des World Wide Fund (WWF) for Nature speichert der Wald am Amazonas 90 bis 140 Milliarden Tonnen CO2.

Alarmierender Schwund

Der Amazonas-Wald schwindet in alarmierendem Maße. Innerhalb von 50 Jahren ist laut WWF etwa ein Fünftel verloren gegangen. Die Gründe sind vielfältig. Sojabauern und Viehzüchter roden für neue Anbauflächen. Hinzu kommt der Bau von Wasserkraftwerken oder Bergwerken.

Brandrodung

Seit Präsident Jair Bolsonaro Anfang 2019 an die Macht gelangte, hat sich die Entwaldungsrate laut des Weltraumforschungsinstituts INPE vervierfacht. Im Juli wurden 2254 Quadratkilometer Amazonas-Wald brandgerodet, eine Zunahme um 278 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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