Wie geht man mit dem Wald in Stuttgart um? Ein Waldbeirat soll mit entscheiden. Foto: Malte Klein

Die Bürger in Stuttgart sollen mehr mitgestalten können. Dafür wird ein Waldbeirat gegründet. Noch bis kommende Woche nimmt die Stadt Bewerbungen an.

Stuttgart - Die meisten Stuttgarter benötigen maximal zehn Minuten, um aus dem Häusermeer in ein Stück Natur zu kommen. Sie befinden sich dann in einem Park, in einem Wald, auf Feldern oder in Gartenanlagen. Das gibt es so nicht in vielen Städten dieser Größenordnung. Auch deshalb lautete ein Werbeslogan mal „Stuttgart zwischen Wald und Reben“.

Um dieser besonderen Bedeutung von Grün in der Stadt gerecht zu werden, hat der Gemeinderat die Einrichtung eines Waldbeirats beschlossen. Das heißt: Künftig sollen auch Vertreter aus der Bürgerschaft mitarbeiten an der künftigen Entwicklung des Stuttgarter Walds, was seine Pflege und Bewirtschaftung betrifft. Elf Vertreter sollen es aus der Bürgerschaft sein, hinzukommen in diesem Waldbeirat sieben Vertreter aus der Stadtverwaltung und acht aus der Kommunalpolitik.

Der Laie wundert sich, doch kann es der Fachmann erklären? – Da wuchern Bäume und Gebüsch einige Jahre üppig vor sich hin, teils sind Wege, die selten benutzt werden, schon zugewachsen. Im Park der Villa Berg etwa nimmt dieser Wuchs irgendwann die Aussicht, ist zugleich in Zeiten von Frühlings- oder Volksfest eine gute Lärmschutzmaßnahme für den Parkbesucher. Und dann erfolgt auf einmal eines Tages quasi Kahlschlag. Das Resultat: Null Lärmschutz und die bescheidene Aussicht auf Industrie, eine viel befahrene Bundesstraße 10 und einen meist öden Cannstatter Wasen.

Wer ist im Waldbeirat?

Ist bei solchen Entwicklungen der neu gegründete Waldbeirat ein gutes Steuerungsinstrument? In einer Mitteilung des Gemeinderats heißt das so: „Insbesondere die Bürgerinnen und Bürger sollen bei der Ausgestaltung der künftigen Stuttgarter Waldpolitik ein starkes Gewicht bekommen und gehört werden.“ In folgenden Themenkomplexen soll dieser Beirat künftig aktiv werden: Drei Sitze gehören dem Bereich Erholung und Erscheinungsbild, drei weitere Sport und Bildung, ebenso drei bekommen Naturschutz und Tiere, je ein Sitz gehen an Anrainer und Pächter sowie an Arbeitnehmer und Kunden.

Dazu hat der Gemeinderat zunächst Organisationen und Vereine benannt, die Bürgervertreter in diesen Beirat entsenden sollen. Für den Bereich Erholung und Erscheinungsbild sind das etwa der Verschönerungsverein und die Bürgerinitiative Zukunft Stuttgarter Wald, für Sport und Bildung sind es die Ortsverbände vom Deutschen Alpenverein sowie das Haus des Waldes in Degerloch, für Naturschutz und Tiere der Nabu. Haben diese Einrichtungen kein Interesse an einer Teilnahme, werden diese unter den Bürgern verlost, die sich beworben haben. Das ist noch möglich bis Donnerstag, 9. Mai, beim Garten- , Friedhofs- und Forstamt (Maybachstraße 3, 70182 Stuttgart) oder an poststelle.waldbeirat@stuttgart.de.

Wie viel Wald hat Stuttgart?

Drei Versammlungen sind jährlich vorgesehen, eine davon vor Ort in einem dazu ausgewählten Gebiet. Mehr als 50 Prozent der Stadtfläche sind als Wald, Landwirtschafts- oder Erholungsfläche ausgewiesen. Dies zu erhalten und zu pflegen, kostet viel Geld. Das Budget zur Pflege von Spielplätzen, Parks sowie Außenanlagen von Schulen, Kitas und Schwimmbädern ist um 60 Prozent gestiegen. Damit werden Wege, Bänke und Schilder erneuert, Spielplätze und Bäume besser gepflegt.

Welche Förderung gibt es?

Dies wird auch mit dem Programm Grüne Infrastruktur finanziert, für das in den kommenden beiden Jahren insgesamt elf Millionen Euro zur Verfügung stehen. Dazu gehört etwa die Fortschreibung des 1000-Bäume-Programms: In den Straßen werden neue Standorte für Bäume geschaffen, fehlende Bäume werden nachgepflanzt, auch im Prag- und im Dornhaldenfriedhof. In die Sanierung des Parks der Villa Berg fließen 250 000 Euro, in die Zuffenhausener Rotweganlage 150 000 Euro. Förderprogramme gibt es für Gärtnern in der Stadt, für mehr Grün in Höfen, auf Dächern und Fassaden sowie für die Sanierung von Trockenmauern an Steillagen für den Weinbau.

Für Beschwerden hinsichtlich unsachgemäßer Behandlung von Bäumen und Sträuchern gibt es bereits jetzt als Anlaufstelle die Gelbe Karte. Diese Möglichkeit bleibt auch künftig. Und, so die Amtssprecherin Annette Hasselwander: „Diese Meldungen aus der Bevölkerung können als Stimmungsbild mit in den Beirat genommen werden.“

Zürich, der Wald und der See

Mit solchen Gedanken und Problemen in Sachen Wald und Bäume sind die Stuttgarter und ihre Verwaltung nicht allein. Der Sprecher der Stadt Zürich, Marc Werlen: „Einen allumfassenden, übergeordneten Waldbeirat gibt es in Zürich (noch) nicht. Es gibt aber Bestrebungen, die genau in diese Richtung zielen. Denn die Themen Stadtbäume und Wald bewegen die Bevölkerung und die Politik in der Stadt Zürich sehr intensiv. Wir starten zurzeit die Überlegungen, wie wir den Dialog der Anspruchsgruppen in der Stadt betreffend Bäume und Wald neu aufstellen möchten. Dafür ist ein Beirat wie in Stuttgart eine mögliche Maßnahme.“

In München dagegen herrscht der Stuttgarter Status quo: Wer ein Anliegen in Sachen stätisches Grün hat, kann sich an einen der Bezirksausschüsse der insgesamt 23 Münchner Stadtbezirke wenden. Die Verwaltung, so Sprecherin Dagmar Rümenapf, prüfe und reagiere auf jeden Einzelfall.

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