Der Wald als Gesundheits- und Kraftquelle boomt. „Der Weg zur Gesundheit führt zur Natur, nicht zur Apotheke“, sagt Siegfried Hain, der als Waldtherapeut die Kräfte der Natur kennt.
Obersulm - Wenn Siegfried Hain in den Wald geht, dann taucht er ab in eine andere Welt. Das Handy bleibt aus. Die Schritte verlangsamen sich, er atmet tief in den Bauch und konzentriert sich nur noch auf eines. Auf das Sehen. Oder das Hören. Oder das Fühlen. Oder das Riechen. Oder das Schmecken. Es gehe darum, die Sinne zu aktivieren, sie bewusst zu nutzen, alles andere für den Moment auszuklammern. Diese Stunden im Forst „kann ich mir nicht mehr wegdenken“, sagt der 64-Jährige. „Das wirkt regenerierend.“ Denn „Waldluft ist heilsam“, davon ist der Waldtherapeut aus Obersulm (Kreis Heilbronn) überzeugt.
Studien aus Japan, wo das Waldbaden seinen Ursprung hat, deuten auf den therapeutischen Nutzen hin. Auch eine Untersuchung, die die Schwarzwaldgemeinde Bad Peterstal-Griesbach beauftragt hat, wies nach, dass Achtsamkeitsübungen im Wald das Stresshormon Cortisol verminderten, das parasympathische Nervensystem aktivierten und so die innere Ruhe und Entspannung verstärkten. Dabei stellten die Forscher durchaus Unterschiede fest: Nadelwald mindert den Stress, ein Mischwald wirkt entspannender.
Wer Stress hat, kann im Wald aufatmen
Siegfried Hain führt seit einigen Jahren in den Wald. „Ich war schon immer gerne draußen“, sagt er. „Mir wurde die Verbundenheit zum Wald in die Wiege gelegt.“ Dann hat er, der hauptberuflich als Gärtnermeister selbstständig ist, das Waldbaden für sich entdeckt. Das Wort mag er eigentlich nicht. „Waldbaden wird gerne ins Lächerliche gezogen und in die esoterische Ecke gestellt.“ Er spricht lieber von „achtsamen Waldgängen“. Daran nehmen häufig Menschen mit Stresssymptomen wie Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen, aber auch Patienten mit Atembeschwerden teil: „Es ist erschreckend, wie viele Asthmatiker es gibt“, sagt Siegfried Hain.
Corona hat seine Gruppen-Waldgänge zeitweise unterbrochen und dafür eine andere Gruppe in den Forst geholt: die Radfahrer. „Da geht es manchmal zu wie bei der Tour de France“, sagt Hain. Er wünschte sich, es würden Kur- und Heilwälder ausgewiesen – wie Mecklenburg-Vorpommern das bereits vor vier Jahren getan hat. In Heringsdorf wurde damals der eigenen Angaben zufolge europaweit erste Heilwald therapeutischen Zwecken gewidmet. Mittlerweile gibt es im Norden insgesamt zehn.
Mecklenburg-Vorpommern hat 2017 den ersten Heilwald ausgewiesen
Der Wald als Gesundheits- und Kraftquelle boomt. Auch im Süden hat man das Thema entdeckt. Der Bayerische Heilbäderverband (BHV) startete vor zwei Jahren mit 15 Kurorten und Heilbädern ein Pilotprojekt. Zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wo die Waldtherapie am Institut für Klimatologie, Kurortmedizin und Prävention ein eigener Arbeitsbereich ist, sollen wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt werden, wie die Ressource Wald für gesundheitstouristische und therapeutische Angebote genutzt werden könne.
„Da steckt ein riesiges Potenzial“, sagt Gabriella Sqarra, die für den BHV das Projekt leitet. 13 der Pilotorte haben bereits Kur- oder Heilwälder ausgewiesen, die noch in diesem Herbst offiziell zertifiziert werden sollen. Gemeinsam mit der LMU hat man Ausbildungen für Wald-Gesundheitstrainer und Waldtherapeuten entwickelt und angeboten. Und bis Ende des Jahres soll ein Handbuch vorlegen, das bayerische Kriterien für Kur- und Heilwälder festschreibt und anderen Kommunen als Anleitung dienen soll. Denn: „Wir wollen, dass das weitergeht.“
Baden-Württemberg befürchtet einen Wildwuchs an Zertifikaten
Im Südwesten liegt der Kriterienkatalog seit Kurzem vor. Allerdings „hatten wir gehofft, dass der Deutsche Heilbäderverband die Führung übernimmt“, sagt Johannes Naumann, der als Vorsitzender des wissenschaftlichen und medizinischen Ausschusses des baden-württembergischen Heilbäderverbandes (HBV) diese Liste mit entwickelt hat. Die mecklenburg-vorpommerschen Kriterien wollte man im Südwesten nicht übernehmen, weil man nicht alle für plausibel hält.
So kann im Norden ein Heilwald, der therapeutischen Zwecken dient, nicht auch ein Kurwald, in dem vor allem Gesundheitsförderung im Fokus steht, sein. In Baden-Württemberg soll das aber ermöglicht werden. Der Mediziner Naumann befürchtet indes, dass es nun zu einem Wildwuchs kommt, weil jedes Land seinen eigenen Zertifikatsstiefel macht. Nicht zu Unrecht. Bei den Waldtherapeuten gilt das schon: Die Bezeichnung ist nicht geschützt, es gibt unterschiedliche Anbieter für die Ausbildung. Bei den Heil- und Kurwäldern droht Ähnliches. Heidelberg etwa hat im August Waldgebiete durch das PEFC-Siegel („Programme for the Endorsement of Forest Certification Systems“) der Institution zur Sicherstellung nachhaltiger Waldbewirtschaftung als Heil- und als Kurwald ausweisen lassen. Baden-württembergische Kur- und Heilwälder nach dem HBV-Katalog müssen unter anderem in einem als Erholungswald ausgewiesenen Gebiet liegen, an einen Kurort angeschlossen sein und bestimmte Luft- und Lärmwerte aufweisen.
„Der Wald als Therapieraum stößt auf großes Interesse“, sagt Arne Mellert.
„Der Wald als Therapieraum stößt bei unseren Mitgliedern auf großes Interesse“, sagt Arne Mellert, der Geschäftsführer des HBV, besonders im Schwarzwald. „Aber wir wollen es richtig machen.“ Schließlich gelte es auch, den Wald zu schützen und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. „Dafür wollen wir uns die Zeit nehmen.“
Schömberg und Todtmoos stehen schon in den Startlöchern
Schömberg im Landkreis Calw steht schon in den Startlöchern. Dort hat der Gemeinderat die Einrichtung eines Heilwaldes mit Motorikparcours, Themenwegen und Meditations- und Ruhebereichen für 215 000 Euro bereits abgesegnet. Auch in Todtmoos will man einen Heilwald ausweisen. Der Waldtherapeut Siegfried Hain könnte also vielleicht schon bald seine Gruppen wie gewünscht in einen ausgewiesenen Heilwald geleiten. Denn für ihn „führt der Weg zur Gesundheit über die Natur, nicht zur Apotheke“.