Aaron Reich, Isabel Jagszas und Christoph Bisle (von links) hatten von irgendwas mit Medien die Faxen dicke und haben kurzum umgesattelt zu Campingplatzbetreibern. Foto: Petra Xayaphoum

Aus unserem Archiv - Drei Freunde aus der Region Stuttgart haben letztes Jahr ihre Jobs hingeschmissen und einen Campingplatz im Allgäu gekauft.

Von Stuttgart aus sind es etwas mehr als zwei Stunden Fahrt bis zum Waldbad Isny: ein Campingplatz im Allgäu, der viel mehr ist als nur ein Ort, an dem man seinen Camper abstellen oder sein Zelt aufschlagen kann. Es ist ein Naturfreibad, ein Café, eine Eventlocation, eine Töpferwerkstatt, ein Yogastudio, eine grüne Oase – und seit knapp mehr als einem Jahr Heim und Eigentum dreier Freunde, die ihre Jobs und Wohnungen in Stuttgart und Esslingen an den Nagel gehängt haben, um Campingplatzbesitzer zu werden.

 

Vom Jobfrust zum Traumjob: Eine Geschichte vom Neuanfang

Es ist eine Geschichte von Neuanfang mit langem Anlauf: Vier Jahre hat es gebraucht von der Idee bis zur Unterschrift. Aber eine bessere Entscheidung hätten Isabel Jagszas, Aaron Reich und Christoph Bisle nicht treffen können, darin sind sich die drei einig. „Auch wenn es nicht weniger Arbeit ist, im Gegenteil“, sagt Jagszas, „aber eben eine andere.“

Idylle am See: Das Waldbad Isny macht im Sommer dank Badesee besonders viel Freude. Foto: Petra Xayaphoum

Urlaub haben diejenigen, die dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, eher wenig. „Wir sind jeden Tag hier“, sagt die ehemalige Stuttgarterin. „Von morgens bis abends.“ Die Quereinsteiger wohnen selbst über der Rezeption und wuppen den Campingplatz komplett selbstständig, von A wie Abflussreinigung bis Z wie Zuweisung der Stellplätze. Dabei hat jeder sein Aufgabengebiet: Jagszas kümmert sich um die Events, Rezeption und den Internetauftritt, Reich um alles Handwerkliche und Bisle um die Gastronomie. Und sollte die Badeaufsicht fürs integrierte Naturfreibad mal krank sein, kann der frischgebackene Rettungsschwimmer Bisle einspringen.

„Selbst wenn wir im Herbst schließen, dann nutzen wir die Zeit, um hier in Ruhe Projekte voranzutreiben“, berichtet Jagszas mit einem Wink auf ihren frisch angelegten Blumen- und Kräutergarten sowie das Gelände direkt hinter dem hauseigenen See, wo Reich und Bisle vor Kurzem eine Drainage gelegt haben, um der Feuchtigkeit des Bodens Herr zu werden und neue trockene Plätze für Zelte zu erschließen. Während der Sommersaison ist an Nebenprojekte nicht zu denken, wenn sanitäre Anlagen gereinigt, Gäste ein- und ausgecheckt und Vesperbrettle vorbereitet werden wollen.

Wo nun ein kleiner Setzling gepflanzt ist, befand sich einst ein Apfelbaum – den der Biber abgenagt hat. Foto: Petra Xayaphoum

Im nächsten Jahr sollen außerdem sämtliche Plätze im Waldbad Isny durchnummeriert sein, um die Zuteilung zu vereinfachen. Ein 24-Stunden-Self-Check-In-Terminal haben die drei Neuen im Waldbad ebenfalls neu eingerichtet. So soll am Ende mehr Zeit für Dinge bleiben, wie die Einrichtung und Belebung des frisch renovierten Ateliers, an dem Töpferkurse, Yoga Sessions, Weinverkostungen, Firmenevents und mehr stattfinden sollen. Dessen geplante Eröffnung hat sich wegen eines neuentdeckten Lochs im Boden bis zum Ende der Saison verzögert. Aber auch das ist Alltag als Campingplatzbesitzer: „Es ist immer irgendwas los“, sagt Bisle.

Überraschungen inklusive: Wenn Schafe und Biber den Alltag durcheinanderbringen

Und damit sind nicht nur die üblichen Arbeiten auf einem Campingplatz gemeint, der luxuriöserweise mit eigenem Badesee, Spielplatz, Bistro und Bar sowie Eventbetrieb daherkommt. Sondern auch Situationen, auf die man kaum vorbereitet sein kann: wie etwa, dass aus dem Nichts drei Schafe auf dem Campingplatz auftauchen, die eingefangen und zu ihren Besitzern zurückgebracht werden wollen. Oder ein Biber, der im Teich neben dem Campingplatz wohnt, und der plötzlich Lust bekommen hat, die Bäume auf der Anlage abzuknabbern. „Ausgerechnet unseren Apfelbaum hat er erwischt“ – Jagszas ist immer noch traurig um den Verlust, wenn sie am Setzling vorbeigeht, der als Ersatz gepflanzt werden musste. Aber auch aus Sicherheitsgründen ist ein Bäume über Zelten anknabbernder Biber natürlich ein Problem. Die Lösung lautet übrigens: die entsprechenden Bäumen einzäunen.

Und nicht nur mit Problembären tierischer Natur müssen sich die drei Campingplatzbetreiber auseinandersetzen: Gäste, die ihren Camper nicht am für sie vorgesehenen Ort abstellen wollen, Gäste, die ihr Geld zurückhaben wollen, weil das Wetter schlecht war, Gäste, die montierte Schminkspiegel aus dem Gemeinschaftsbad klauen, Gäste, die Bäume auf dem Gelände mit der Axt fällen, Gäste, die Pflanzen ausbuddeln und mitnehmen. „Kommt alles vor“, sagt Jagszas. Sich als Campingplatzbesitzer eine gewisse Abgebrühtheit zuzulegen, ist also sicher gesund für das eigene Zen. Der Großteil der Gästeschaft sei zum Glück aber toll und umsichtig, beteuern die Ex-Stuttgarter.

Vom Traum zum Erfolg: Zukunftspläne und die Magie des Ortes

Und für die Zukunft haben sie noch einige kreative Ideen, die sie umsetzen möchten: ein Töpfer-Camp, Konzerte, vielleicht sogar mal ein ganzes Festival. „Das ist das Tolle an diesem Ort: Wir können alles ausprobieren, worauf wir Lust haben“, sagt Reich.

Wie kann man sich den Weg als Quereinsteiger ins Campingplatzbusiness vorstellen? Alles fing damit an, dass die drei Mittdreißiger ihrer Irgendwas-mit-Medien-Jobs überdrüssig waren. Etwas Sinnstiftenderes, Gemeinschaftliches, Vielfältigeres und Eigenes musste her. „Die Idee, einen Campingplatz zu übernehmen, war geboren.“

Und weil die Sterne richtig standen, das Karmakonto aufgefüllt war oder der Zufall es schlichtweg gut mit den Freunden meinte, wollte Michael Mattner nach 13 Jahren Campingplatzbetrieb in Isny seinen Ruhestand antreten. „Wir waren schon vorher einmal hier gewesen“, erinnert sich Reich zurück. Das Trio wusste also, welchen schönen Fisch es sich angelte und schlug zu.

Die Kois sorgen dafür, dass es Seegras schwer hat, sich im See anzusetzen – das (und die Speisung durch Quellen) sorgt für besonders klares Wasser im See. Foto: Petra Xayaphoum

„Wir haben einen Kredit beantragt, den Vertrag unterschrieben und unsere Jobs und Wohnungen in Stuttgart und Esslingen gekündigt“, erzählt Isabel Jagszas und zeigt auf Fotografien auf ihrem Mobiltelefon. „Wir hatten eine der schönsten Wohnungen“, erinnert sie sich zurück. Doch alle schönen Wohnungen in Stuttgart wiegen nichts, wenn man keinen Sinn mehr in seiner Arbeit findet.

Ein Ort, der einfach glücklich macht: das Waldbad Isny heute

Von diesem Gefühl ist in Isny nichts mehr übrig. Wer Isabel Jagzsas, Aaron Reich und Christoph Bisle im Waldbad im Allgäu besucht, trifft drei dauerbeschäftigte, aber glückliche Campingplatzbesitzer. Bis Anfang Oktober kann man bei ihnen noch sein Zelt aufschlagen, im Camper anreisen oder in einer der verschiedenen Unterkünfte – etwa in einer der Blockhütten oder im Schäferwagen – nächtigen. Danach geht’s in die Herbstpause, bis ab dem 19. Dezember wieder das Winter- und Silvestercamping ansteht. Der See, der aus vier regionalen Quellen gespeist wird und von bunten Koi-Karpfen bewohnt wird, die dafür sorgen, dass der Untergrund aufgewirbelt wird, sodass sich kein Seegras ansetzt, ist von allen Plätzen nicht weit. Von einem Steg kann man hineinspringen, darauf Stand-up-paddeln oder seine Runden schwimmen; für Kinder ist ein Nichtschwimmerbereich eingerichtet, nebenan ein Spielplatz.

Wer auf Komfort nicht verzichten möchte, kann im Waldbad Isny auch eine Ferienwohnung mieten. Foto: Petra Xayaphoum

Wer Glück hat, erwischt auch mal Kater Pauli auf Mäusejagd auf dem Gelände. „Er ist der eigentliche Herr des Campingplatzes“, sagt Jagszas grinsend. Der mit dem Campingplatz weitervererbte Kater lebt nämlich schon viel länger im Waldbad als die drei Freunde – und auch als der Vorbesitzer: stolze 18 Jahre.

Dieser Text erschien das erste Mal am 17. September 2025.

Waldbad Isny, Lohbauerstr. 61, Isny im Allgäu, www.waldbad-isny.de