Dreimal wöchentlich verbringt Nicky Fischer seine Vormittage im Dialysezentrum Waiblingen. Seine Nieren versagen ihren Dienst. Der 47-Jährige hofft auf eine Organtransplantation.
Bis zur Musterung dachte Nicky Fischer, er sei kerngesund. Und auch als die Untersuchung damals bei der Bundeswehr einen erhöhten Eiweißgehalt im Urin ergab, dachte sich der Mann aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) nichts weiter dabei. „Ich war ein junger Mann und fand es super, dass ich dadurch ausgemustert wurde. Ich war mir sicher, dass nichts ist und habe mir keine Sorgen gemacht.“ Doch der heute 47-Jährige sollte sich täuschen. Einige Jahre später diagnostizierten Ärzte einen Gendefekt, der die Nieren stark beeinträchtigt und ihn längst zum Dialysepatienten gemacht hat.
Es ist ein trüber, nasskalter Dienstag, an dem der Autoverkäufer seine Geschichte erzählt. Am Tag zuvor war er wieder rund fünf Stunden an dem Apparat angeschlossen, der sein Blut reinigt und damit eine lebenswichtige Funktion übernimmt. Die Dialyse, die er seit über zwei Jahren macht, verträgt er gut – vielleicht deshalb, weil er währenddessen seinen Kopf immer auf ein kleines rotes Kissen seines Lieblingsvereins FC Bayern München bettet.
Dreimal die Woche fährt er zur Blutwäsche ins Dialysezentrum Waiblingen. „Ich liege dort mit zwei anderen in einem Zimmer. Wir drei sind ein eingeschworenes Team und verstehen uns super“, erzählt Nicky Fischer, der angesichts der guten Stimmung großzügig über ein gewaltiges Problem hinweg sieht: „Die anderen beiden sind VfB-Fans.“ Man müsse sich bei der Dialyse teils auch von den anderen, schrecklichen Schicksalen, abgrenzen und schützen. „Da liegt viel Elend um uns herum. Ich bin deshalb froh über meine Zimmergenossen, trotz falschem Fußballverein“, sagt Nicky Fischer und lacht.
Mit 28 fangen die Beschwerden bei Nicky Fischer an
Doch der Reihe nach: Zunächst ging der heute 47-Jährige ohne größere Einschränkungen seinen Weg, machte eine Ausbildung zum KfZ-Mechaniker und fing in einem Autohaus an. Doch mit 28 Jahren bemerkt er Wassereinlagerungen. Zudem hatte er plötzlich hohen Blutdruck. Sein Hausarzt schickte ihn zum Nierenfacharzt und dort kam raus: Ein genetischer Defekt ist verantwortlich und beeinträchtigt die Nierentätigkeit.
Es sei anfangs versucht worden, das Ganze durch Medikamente zu regulieren. Insgesamt 15 Jahre lang ging das gut. Doch dann verschlechterte sich sein Zustand und Nicky Fischer kam an einer Dialyse nicht mehr vorbei. Doch bevor er zum Dauergast im Dialyasezentrum wurde, dialysierte er sich knapp drei Jahre lang selbst – über das Bauchfell. Eine Zeit lang habe das gut funktioniert, dann kamen die Symptome wieder, und der 47-Jährige fing mit der Hämodialyse im Dialysezentrum an. „Während der Bauchfelldialyse stand auch überall nur medizinisches Zeugs rum. Seit die Dialyse auswärts ist, habe ich mein Zuhause zurück“, sagt der Familienvater.
Shunt-Operation: Lebenswichtige Verbindung für die Dialyse
Dafür wurde ihm ein sogenannter Shunt – eine künstlich angelegte Verbindung zwischen einer Arterie und einer Vene, die den Blutfluss gezielt umleitet und meist am Arm als Zugang für die Dialyse genutzt wird – gelegt. An der OP-Stelle am Handgelenk ist eine Wölbung. Von dort aus schlängelt sich der Shunt den Unterarm hinauf. Ein Teil des Blutes aus der Arterie wurde in die Vene abgeleitet, wodurch sich diese ordentlich und sichtbar verdickt hat. Bei jeder Dialyse wird nun besagter Shunt mit zwei dicken Nadeln angestochen.
„Der Blutfluss in den Venen ist mit etwa 10 Milliliter pro Minute für diesen Zweck zu gering. Durch den Shunt sind es dann 1000 Milliliter pro Minute“, erklärt Nora Celebi, Professorin und Fachärztin für Innere Medizin und Nierenheilkunde, die Fischer mit ihren Kollegen betreut. Es sei wichtig, dass alle Ärzte Bescheid wüssten, für den Fall, dass plötzlich ein Spenderorgan gefunden werde. „Wenn nachts um 3 Uhr das Telefon klingelt, müssen wir alle sämtliche Infos parat haben.“
Die meisten Patienten kämen sehr lange und man baue eine Verbindung auf. „Die müssen kommen, ohne Pause. Egal ob Weihnachten ist, Urlaub oder ein Todesfall in der Familie. Wir versuchen, die Behandlung um unsere Patienten drumherum zu planen, aber es ist einfach Wahnsinn, was die da leisten“, sagt die 49-jährige Medizinerin und ergänzt, dass die wenigsten nur nierenkrank seien. „Dementsprechend vielseitig und anspruchsvoll ist das Gebiet. Ich wusste direkt bei der Visite als Assistenzärztin, dass die Nierenheilkunde meins ist.“
Durch die Dialyse sei sehr viel möglich. „Wir können da selbst bei Schwerkranken noch richtig viel erreichen, die Natur austricksen und einige Jahre rausholen.“ Wer keine Transplantation will oder wem sie nicht möglich ist, den begleiten die Ärzte ein Leben lang. Und weitaus nicht jeder wolle eine Transplantation, erklärt Nora Celebi. „Jeder Zweite will lieber an der Dialyse bleiben, was krass ist, weil ja nie Pause ist. Andererseits sind transplantierte Patienten nicht gesund, sie müssen Medikamente mit teils schwerwiegenden Nebenwirkungen nehmen.“
Transplantation: Nicky Fischer hofft auf ein Spenderorgan
Nicky Fischer gehört zu den zehn Prozent, die eine Transplantation wollen. Genau wie Nora Celebi hofft er darauf, dass auch in Deutschland endlich die Widerspruchsregelung bei Organspenden eingeführt wird. „Das ist überfällig. Wir haben einen eklatanten Organmangel in Deutschland. Im Schnitt beträgt die Wartezeit um die zehn Jahre – Wahnsinn.“
Der Autoverkäufer aus Waiblingen, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen scheint, nimmt es sportlich – die Erkrankung und auch die Wartezeit auf ein Organ. Er will so gut es geht ein normales Leben führen und ist froh, dass es die Möglichkeit der Dialyse gibt. Noch glücklicher wäre er aber natürlich, wenn sein Handy klingeln und man ihm sagen würde, dass ein Spenderorgan gefunden worden ist. „Ich komme gut mit der Blutwäsche klar, aber eine neue Niere wäre mein Traum.“
Dialysezentrum Waiblingen
Info
Im PHV-Dialysezentrum Waiblingen kümmern sich 40 Mitarbeiter und drei Ärzte um die Patienten. Auf die Dialyse spezialisierte Pflegefachkräfte bildet das PHV-Institut selbst aus. In diesem Jahr feiert der Standort in Waiblingen 40-Jahr-Jubiläum. Im Februar 1985 nahm das Dialysezentrum Waiblingen zuerst in der Bahnhofstraße 75 seinen Betrieb auf. Aufgrund ansteigender Patientenzahlen zog das Zentrum vor 25 Jahren in die Beinsteiner Straße um. Dort ansässig ist auch ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), spezialisiert auf die Behandlung von Patienten mit Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen. Dort werden auch Patienten behandelt, die nicht an die Dialyse müssen.