Von Foto: Annina Baur

In der Reihe Straßengeschichten führt Historiker Olaf Schulze an spannende Orte. Dieses Mal geht es an die Waiblinger Straße in Cannstatt, an der bereits einige Berühmtheiten wohnten.

Cannstatt-Mitte - Beim Gedanken an eine Oase der Ruhe würden den meisten Cannstattern wohl viele Plätze in ihrem Stadtbezirk einfallen. An die Waiblinger Straße dürfte aber vermutlich keiner denken. „Diese Beschreibung der Waiblinger Straße stammt aus dem Jahr 1880“, sagt der Historiker Olaf Schulze, als er kürzlich rund 20 Interessierte an eine der Hauptverkehrsachsen geführt hat, deren Anwohner heute nicht nur unter dem Verkehr, sondern auch unter erhöhten Feinstaub- und Stickstoffoxid-Werten leiden.

Auch Paul Daimler wohnte an der Waiblinger Straße

Im 19. Jahrhundert präsentierte sich die Straße, die vom Wilhelms- zum Augsburger Platz führt, ganz anders: „Um 1850 standen nur wenige Gebäude am Anfang“, sagt Schulze. Die Kelter wurde Anfang des 19. Jahrhunderts aus Platzgründen aus der Altstadt heraus an die Waiblinger Straße verlegt; das Gebäude wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Wohnbebauung an der um 1750 erstmals breiter ausgebauten Straße Richtung Waiblingen nahm erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu. „Mit der Ansiedlung von Industrie auf dem Seelberg wurde das ganze Gebiet nach und nach dichter besiedelt“, sagt Schulze. An der Waiblinger Straße wurde in der Zeit um 1885 vor allem repräsentativ gebaut: „Viele bekannte Cannstatter Familien besaßen mehrere Grundstücke an der Straße und errichteten Villen in einer Mischung aus Neo-Barock und Jugendstil mit großen Gärten vor oder hinter den Häusern“, sagt Schulze. Mindestens bis zum Uff-Kirchhof war die Waiblinger Straße eine Allee, an der auch einige berühmte Personen gelebt haben. So teilte sich zum Beispiel der älteste Sohn von Gottlieb Daimler, Paul Daimler, eine Zeit lang eine Villa an der Waiblinger Straße mit einem ehemaligen Oberst. Wilhelm Maybach lebte in einer großzügigen Villa an der Freiligrathstraße, einer Querstraße zur Waiblinger Straße.

Römer und Allemannen hatten das Gebiet besiedelt

Von 1890 an nahm die Bebauung rasant zu: „Als Folge des Baus der Eisenbahnstrecke entstanden ein Lokal und Bauhütten, vor allem an der Dennerstraße“, sagt Schulze. Mit der 1893 errichteten Taubenheimkaserne entstanden weitere Wohngebäude sowie zwei Garnisonskirchen, die evangelische Martin-Luther- und die katholische Liebfrauenkirche.

An der Ecke Taubenheimstraße hatte sich nach den Worten von Schulze einst übrigens eine römische Statio befunden, weil sich an dieser Stelle zwei römische Straßen kreuzten. „Die Römer hatten nicht nur den Hallschlag, sondern vom Jahr 150 nach Christus an auch diese Seite des Neckars erobert“, sagt der Historiker. Unter dem Asphalt der heutigen Verkehrsader ließen sich verschiedene Schichten der historisch gewachsenen Landstraße finden, die bis vor einigen Jahren sogar eine Bundesstraße war. Auch die Alemannen hatten das Gebiet offenbar im 5. und 6. Jahrhundert besiedelt: „Auf Höhe des Gebäudes 101 wurden Gräber aus der frühalemannischen Zeit gefunden“, sagt Schulze.

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