Melanie Diener hat in Nordkorea vieles an die 1950er-Jahre erinnert. Foto: Gottfried Stoppel

Die Sopranistin Melanie Diener ist Jurymitglied bei einem Gesangswettbewerb in Nordkorea gewesen. Dessen Siegerinnen würde sie im Jahr 2019 gerne zur Gartenschau ins Remstal holen.

Waiblingen - Sie tragen Titel wie „Ein Meer von Blut“ oder „Das Blumenmädchen“, sollen aus der Feder des einstigen nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung stammen und behandeln meist Themen wie den revolutionären Kampf gegen japanische oder amerikanische „Imperialisten“. Die nordkoreanischen „Revolutionsopern“ sind wohl selbst eingefleischten Opernfans hierzulande kein Begriff. Auch die international gefragte Waiblinger Sopranistin Melanie Diener hatte bis vor einigen Wochen noch nie davon gehört.

Mittlerweile aber hat sie diese ausführlich kennengelernt – eine Woche lang als Mitglied einer internationalen Jury bei der „First Pyongyang International Vocal Competition“, einem erstmals veranstalteten klassischen Gesangswettbewerb in der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea. Warum ausgerechnet Nordkorea? „Es gibt dort wie bei uns sehr gute und natürlich auch weniger gute Sängerinnen und Sänger“, sagt Melanie Diener, die hofft, dass solch ein Wettbewerb auch zu mehr Austausch und Verständnis zwischen den Ländern führt: „Wenn es nicht über die Kunst geht, wie dann?“

Vonseiten der nordkoreanischen Veranstalter sei der Sinn und Zweck der Veranstaltung, die fünf Revolutionsopern bekannter zu machen, sagt Melanie Diener. Technisch seien diese sehr anspruchsvoll, harmonisch eher nicht allzu schwierig. Die Texte erzählen von hingebungsvoller Vaterlandsliebe und der Überlegenheit des Sozialismus und der Notwendigkeit der Revolution.

Ein Land des militärischen Drills

Vieles in Nordkorea erinnere an die Zeit der 1950er-Jahre, erzählt Melanie Diener. Es ist das Land der wenigen Reichen und der vielen bitterarmen Menschen. Das Land, in dem es keinen Zugang zum globalen Internet und kaum Autos gibt. Das Land der ausschließlich Röcke tragenden Frauen, des militärischen Drills und Personenkults um den aktuellen Machthaber Kim Jong-un und seinen Vater und Großvater. So drosseln Auto- und Busfahrer respektvoll ihr Tempo, wenn sie in Pjöngjang das Denkmal für Kim Il-Sung und Kim Jong-il passieren.

„Um 22 Uhr gehen in Pjöngjang die Lichter aus.“ Das weiß Melanie Diener seit ihrer Reise nach Nordkorea. Dort haben sie und die anderen Jurymitglieder sich ausschließlich in Begleitung von Dolmetschern, respektive Aufpassern, bewegen dürfen. Beim Besuch einiger Sehenswürdigkeiten bot sich den Touristen stets das gleiche Bild: menschenleere Museen, Schwimmbäder oder Freizeitparks. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist offenbar nicht erwünscht.

Der Vergnügungspark, den Melanie Diener in Nordkorea kennengelernt hat, hatte nur ein Thema: „Alles ist aufs Militär ausgerichtet. Man kann an Ständen mit Pfeil und Bogen oder mit Klein- und Großkaliberwaffen schießen.“ Die Besichtigungstour führte auch in den Palast der Kinder, eine öffentliche Erziehungsanstalt, in der mehr als 5000 Schulkinder nachmittags zum Beispiel in Kunst und Musik unterrichtet werden.

Eine Frau auf Platz 1 – fast revolutionär

Frauen nehmen nach Melanie Dieners Beobachtungen in Nordkorea kaum einflussreiche Positionen ein – auch da lassen die 1950er-Jahre grüßen. „Es war fast eine Revolution, dass beim Wettbewerb eine Frau gewonnen hat“, sagt Diener verschmitzt. Die Mezzosopranistin heißt Kim Kyong Ju und ist 25 Jahre alt. Auf den zweiten Platz wählte das Preisgericht die 21-jährige Koloratursopranistin Ri Un Hyang. Beide Sängerinnen würde Melanie Diener gerne zu der internationalen Opernwerkstatt einladen, die sie von 23. bis 27. September 2019 zusammen mit dem US-amerikanischen Opernsänger Thomas Hamp­son veranstaltet. Die Opernwerkstatt findet im Zuge der Gartenschau statt. Ihren Abschluss bildet ein Konzert am 28. September, bei dem die Stuttgarter Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Dan Ettinger in Waiblingen zu Gast sind.

„Wenn Kim Kyong Ju und Ri Un Hyang nach Waiblingen kommen würden, wäre das etwas besonderes“, sagt Diener. Allerdings müssten die nicht eben geringen Flugkosten übernommen werden. Daher hofft Melanie Diener auf Unterstützer – eine Anfrage an die Stadt ist am Laufen.

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