Findet man noch schöne Gaben auf dem Weihnachtsmarkt? Eine Spurensuche in Waiblingen, Schorndorf und Rudersberg mit zum Teil erstaunlichen Erkenntnissen.
Früher war mehr Lametta. Und, wenn man meiner Frau glaubt, auch mehr Stil auf dem Weihnachtsmarkt. „Da gab’s noch richtigen Schmuck“, sagt sie, „und Geschenke!“ Richtig schöne. Handgemachte. Überraschende. Das war in Bremen, ihrer Heimatstadt. Dort, so behauptet sie jedenfalls, sei das heute noch so – hier eher weniger. Ich mache mich auf, den Gegenbeweis anzutreten. Das Ziel: auf den heimischen Märkten ein paar brillante Geschenkideen für unsere Leser finden.
Waiblingen: Die Rettung liegt im Keller
Der Waiblinger Weihnachtsmarkt beginnt verheißungsvoll – allerdings eher aus kulinarischer Sicht. Auf dem Marktplatz reiht sich ein Fressstand an den nächsten. Wildwurst, Glühwein, Flammlachs, Crêpes – alles da. Was fehlt: Geschenkideen. Also: echte. Keine Mützen mit Elchgeweih oder blinkende Rentierhaarreifen.
Doch dann entdecke ich den Schlosskeller. Ein stimmungsvolles Gewölbe, geschmückt mit Antiquitäten und warmem Licht. Und mittendrin: ART-verwandt – ein Kunsthandwerkermarkt, der den Namen verdient. Kein Kitsch, keine Massenware, sondern Handarbeit, echtes Kunsthandwerk.
Handgedrechselte Schätze: Kirschners Kunsthandwerk
Hier treffe ich Heike und Helmuth Kirschner aus Deggingen. Unter dem Namen Holzdesign-hk bieten sie handgedrechselte Arbeiten an – mit so viel Hingabe gefertigt, dass man sich ein bisschen schlecht fühlt, nur zu gucken. Schalen, Flaschenverschlüsse, Gewürzmühlen. Und mein Favorit: eine Muskatnussmühle aus Olivenbaumholz. Elegant, funktional, perfekt geölt. 60 Euro soll sie kosten. Heike Kirschner erzählt, dass sie ihrem Mann – einst Metallbauer – zu dessen 50. Geburtstag nahegelegt habe, sich ein Hobby zu suchen. Drechseln, warum nicht? Heute, mit 71 Jahren, tingeln Heike und Helmuth über Kunsthandwerkermärkte im Südwesten und verkaufen seine Objekte.
Ich notiere die Mühle als ersten echten Geschenktipp. Doch dann folgt die kalte Dusche: „Nach dem Wochenende sind wir nicht mehr hier“, sagt Frau Kirschner. Jede Woche aufs Neue steht im Schlosskeller ein Ausstellerwechsel an. Und die Mühlen? Gibt’s frühestens im Juni wieder – auf einem Markt in Murrhardt. Ich breche die weitere Suche in Waiblingen ab.
Schorndorf: zwischen Delikatessen und Dialektdefiziten
Die nächste Etappe: Schorndorf. Mehr Buden, mehr Betrieb, mehr Hoffnung. Und wieder: viel Essen. Felle, Gürtel, Strickmützen – okay, aber nichts für den Gabentisch, wenn man Eindruck machen will. Doch dann entdecke ich einen Stand mit italienischer Feinkost in der Auslage: Olivenöl, Tomatensoße, schmale Flaschen mit bernsteinfarbenem Inhalt. Likör? Ich frage nach. Die beiden Standbetreiber – freundlich, lächelnd, aber leider ohne ein Wort Deutsch – stammen aus Lucca Sicula, einem kleinen Ort in Sizilien. Mein schwaches Italienisch reicht aus, um zu erahnen, dass die Produkte alle von ihrer eigenen Azienda Agricola stammen – Orangen, Zitronen, Oliven. Alles aus eigener Ernte, selbst verarbeitet.
Was genau die Verbindung nach Schorndorf ist, warum ausgerechnet dieser Markt jedes Jahr angesteuert wird – bleibt im Sprachnebel stecken. Aber immerhin: Ich erfahre, dass es sich bei der Flasche nicht um Likör, sondern um Sciroppo handelt. Sirup – entweder Arancia oder Limone. Ideal zum Mischen mit Wasser, Sekt oder für Cocktails. Buono, sagt der Mann und strahlt. Ich glaube ihm – und notiere die Flasche als Geschenktipp.
Schnitzkunst und Sprachlosigkeit: Geschenke mit Hindernissen
Mein nächster Versuch führt mich zu einem Stand mit grob geschnitzten Holzartikeln: Vogelhäuschen, Herzanhänger, Krippenfiguren – und: Einlegesohlen aus Holz, die angeblich gegen Schweißfüße und Fußpilz helfen, wie ein handgeschriebener Zettel verspricht. Ich frage nach. Der Verkäufer lächelt, zuckt mit den Schultern. „Sorry, nix sprechen Deutsch.“ Dafür wiederholt er mit Inbrunst: „Kann Namen in Herz brennen!“ Ich lehne dankend ab. Mein Herz braucht kein Branding.
Und wieder ploppt sie auf, die Erinnerung: Vor rund 15 Jahren war ich ebenfalls in Lesermission auf den Weihnachtsmärkten im Rems-Murr-Kreis unterwegs. Damals testete ich mit meiner Familie die Wurststände. Zwar futterten sich insbesondere die beiden Söhne fleißig durch Rote und Thüringer, doch der Jüngste stellte auch ständig aufs Neue die eine Frage: „Wo gibt’s hier Büchsenwerfen?“ Antwort: nirgendwo. Und so blieb der Weihnachtsmarkt von Bremen – natürlich mit Büchsenwerfen – bis heute ungeschlagener Champion im Gedächtnis der nunmehr erwachsenen jungen Männer.
Rudersberg: Und plötzlich leuchtet der Advent
Doch ich gebe nicht auf. Letzter Versuch: Rudersberger Adventswald. Und dort – endlich – scheint sich der Vorhang zu heben. Unter riesigen Tannenbäumen, umwickelt von Tausenden Lichtern, entsteht ein Weihnachtswunderland wie aus dem Bilderbuch. Zwischen Glühweinduft und Lichtermeer entdecke ich: Geschenkbuden. Echte.
Zuerst zieht mich der Stand von Maier’s Genuss an. Eine kleine Manufaktur aus Schorndorf-Miedelsbach, spezialisiert auf Kräutermischungen, Senf, Dips, Pesto. Am Stand steht David Bühner, kompetent, freundlich, sortensicher. Was empfiehlt er? „Die Mischung ‚Gute Laune‘ geht immer“, sagt er, „die ist ohne Knoblauch.“ Alle Produkte sind handgemacht, Zutaten stammen aus der Region. Probierpackung mit drei Sorten: 14,90 Euro. Kein Ramsch, keine Massenware – sondern ehrliches Handwerk. Ich bin zufrieden und langsam wieder versöhnt.
Herz trifft Krippe – Finale mit Holz und Gefühl
Letzte Station des Abends: Holzdeko Gattenmeyer. Der kleine Betrieb vom Brombachsee bietet feine Holzarbeiten – und das ohne Marktschreiergetue. Herzen, Igel, Eulen, Engel – alles handgesägt und geschliffen. Die Verkäuferin will sich nicht auf ein Lieblingsstück festlegen. „Der Chef macht nur gute Sachen.“ Also entscheide ich. Ich zeige auf eine Krippe, bezahle per Handy-App (Weihnachten 2.0) und denke: Ja, das war jetzt doch noch ein Geschenk. Für meine Frau. Und für den Glauben, dass zwischen Fressbuden und Sprachbarrieren doch ein paar echte Schätze schlummern.
Geschenketipps der Redaktion
- Waiblingen (Schlosskeller, ART-verwandt): Muskatmühle aus Olivenholz, 60 € von Holzdesign-hk, Helmuth & Heike Kirschner, handgedrechselt (nur bis Sonntag!)
- Schorndorf (Weihnachtsmarkt): Sciroppo aus Sizilien, Zitronen- oder Orangensirup, ideal für Cocktails, 8 €, von Azienda Agricola Salvatore Dangelo, Lucca Sicula
- Rudersberg (Adventswald): Kräutermischung „Gute Laune“, 3er-Stange, 14,90 €, von Maier’s Genuss, Schorndorf-Miedelsbach, regionale Zutaten, handgemacht
- Rudersberg (Adventswald): Krippe, 35 €, von Holzdeko Gattenmeyer, Handarbeit aus dem Fränkischen Seenland