Die Deutsche Sandra Cipriani lebt seit 25 Jahren in Colorado. Ihre Wahlzettel kamen erst Freitag vor der Wahl an. Also stieg sie ins Flugzeug und gab ihren Umschlag selbst ab. Die verrückte Geschichte einer Frau, der Demokratie wichtig ist.
Sandra Cipriani hat gewählt. Sie warf am Sonntag, dem Tag der Bundestagswahl, ihre Briefwahlunterlagen nachmittags im Böblinger Rathaus ein. Was Millionen andere Menschen auch getan haben, ist in ihrem Fall eine verrückte Geschichte. Denn die 53-Jährige lebt in Colorado Springs in den USA und hat ihre Wahlunterlagen erst am Freitag vor der Wahl um 15 Uhr im Briefkasten gehabt. „Ich habe sie schon im Januar beantragt, aber das Bürgeramt in Böblingen hat die Wahlzettel erst am 10. Februar bekommen und fünf Tage später rausgeschickt“, sagt Cipriani. „Da wusste ich, das wird knapp.“
Die Ingenieurin sitzt am Ortsrand von Böblingen in der Lobby ihres Arbeitgebers Keysight Technologies, einem Messgeräte-Hersteller mit Unternehmenssitzen sowohl in den USA als auch in Deutschland, und hält kurz inne, um zu überlegen, in welcher Reihenfolge dann was passierte.
Freitagnachmittag also, als sie die Unterlagen in den Händen hielt, fuhr sie sofort in die Stadt zu DHL und erkundigte sich nach Express-Versand. Dienstag konnte man ihr die Zustellung zusagen. Also rief sie beim Flughafen an – nicht aber, um sich einen Flug zu buchen, sondern um zu fragen, ob eine Stewardess den Umschlag mitnehmen könne. Dann hätte sie ihren Bruder gebeten, ihn in Frankfurt abzuholen und nach Böblingen zu bringen. „Aber da ist natürlich niemand drauf eingegangen“, sagt Cipriani und lacht. Erst dann sei ihr der Gedanke gekommen, selbst zu fliegen. „Ich habe gesagt: ,Wo ich Sie gerade am Telefon habe, könnten Sie nach Flügen schauen?‘“
Vom Flughafen zum Wahllokal
Tatsächlich war in der Maschine von Denver nach Frankfurt am Samstag noch ein Platz frei und das Ticket erschwinglich, und so landete Cipriani am 23. Februar, dem Tag der Wahl, vormittags um 9.30 Uhr in ihrem Heimatland. Sie nahm sich ein Mietauto und fuhr damit nach Böblingen, wo ihr zuständiges Wahllokal ist, da sie dort zuletzt gemeldet war, als ihr Arbeitgeber sie Ende 1999 in die USA entsandte. „Ich habe irgendjemandem mein Handy in die Hand gedrückt und gebeten, mich zu fotografieren“, sagt Cipriani und zeigt ein Bild, wie sie den rosa Umschlag einwirft. Finally, endlich.
Eine Woche bleibt die 53-Jährige in Deutschland, arbeitet vom Böblinger Standort ihrer Firma aus und ist dankbar, dass ihre Chefin ihr das so genehmigte. Am Wochenende fährt sie nach Rheinland-Pfalz, um ihre Familie zu besuchen, bevor es wieder zurück in ihre amerikanische Wahlheimat geht.
Warum hat sie diese weite Reise auf sich genommen? „Wählen ist die Grundlage in einer Demokratie, und es ist wichtig, dass jeder teilnimmt“, sagt Cipriani. „Ich will meine Stimme geltend machen in einer wichtigen Wahl.“ Sie sei sich bewusst, dass sie sich glücklich schätzen könne, eine solche Entscheidung spontan treffen zu können und ihr dies finanziell möglich sei – und dass ihr Arbeitgeber sich so flexibel zeigte.
Dass ihr das Abgeben ihrer Stimme bei dieser Bundestagswahl besonders am Herzen lag, sei auch der „Tortur“ geschuldet, als die sie die jüngste Präsidentenwahl in Amerika empfunden habe. Den Rechtsruck in Deutschland nehme sie mit Sorge wahr. „Extremismus, die verstärkten Ränder auf beiden Seiten und vor allem rechts, ist etwas, was ich nicht unterschreiben kann. Es war mir wichtig, für die Mitte zu wählen“, sagt die Deutsch-Amerikanerin, die beide Staatsangehörigkeiten besitzt. Auch wenn sie seit 25 Jahren in den USA lebt, verfolgt Sandra Cipriani die politischen Entwicklungen in Deutschland täglich. Jeden Morgen, während sie sich für den Tag fertig macht, schaut sie nebenbei die Tagesschau und die Tagesthemen vom Vortag. Aus zwei Gründen: Weil sie das Geschehen in Deutschland interessiert, aber auch, weil sie die hiesige Berichterstattung als sehr gut und faktenorientiert wahrnimmt. Amerikanische Nachrichtensendungen seien sehr sensationslüstern aufbereitet, findet sie.
In sozialen Medien hat die ehemalige Böblingerin viele positive Reaktionen, aber auch Kritik erfahren. Vorwürfe seien laut geworden wie: Wer so lange weg ist, soll nicht mehr in Deutschland wählen. Oder: Warum will jemand mitgestalten, der nicht hier leben will? Sie könne diese Gedanken nachvollziehen, sagt Cipriani, trotzdem habe sie gute Gründe, ihre Stimme auch nach Jahrzehnten im Ausland bei der Bundestagswahl abzugeben. Einer sei, dass sie nicht ausschließen wolle, vielleicht im Alter wieder in Deutschland zu leben. Außerdem habe sie zehn Jahre lang hier gearbeitet und Sozialversicherungsbeiträge eingezahlt. Es gebe Parteien, die die Rentenansprüche von Auslandsdeutschen in Frage stellten. „Deshalb gebe ich auch für meine Interessen meine Stimme ab“, sagt sie. Sie wähle nicht willkürlich, sondern schaue sich die verschiedenen Positionen ganz genau an. Je nach dem wähle sie mal die eine, mal die andere Partei.
Wunsch nach leichterer Briefwahl für Auslandsdeutsche
Trotzdem ist in ihrem jetzigen Lebensabschnitt ganz klar Colorado Springs ihr Zuhause. Sie hat dort einen Amerikaner geheiratet, schätzt die lockere, amerikanische Lebensart, hat gute Freunde gefunden und liebt es, in den Rocky Mountains zu wandern – bis vor Kurzem noch mit ihrem inzwischen verstorbenen Schäferhund Hans. Bei der nächsten Bundestagswahl wird sie wieder ihre Stimme abgeben und hofft, dass deutsche Konsulate dann mehr Einsatz zeigen, um Auslandsdeutschen die Wahl zu ermöglichen – so wie der deutsche Diplomat in Indien, der mit 80 Wahlstimmen im Handgepäck angereist war.
Sie selbst, sagt Cipriani, habe kurzfristig über LinkedIn angeboten, Briefwahlumschläge mit nach Frankfurt zu nehmen. So spontan wie sie sei aber niemand gewesen. In ihrem Gepäck reiste nur ihr eigener, rosa Umschlag von Colorado Springs nach Böblingen.
Wahlen in Zahlen
Zahlen
Laut Statistischem Bundesamt waren bei der diesjährigen Bundestagswahl 59,2 Millionen Menschen wahlberechtigt. 2,3 Millionen Menschen konnten erstmals ihre Stimme abgeben. Die Zahl der deutschen Wahlberechtigten im Ausland ist unklar.
Beteiligung
Rund 49,9 Millionen Wahlberechtigte gaben ihre Stimme ab, das entspricht 82,5 Prozent.
Briefwahl
Die Wahlteilnahme ist auch aus dem Ausland möglich. Das gilt auch für Deutsche, die im Ausland leben und nicht in Deutschland gemeldet sind. Dazu müssen sie vor der Wahl einen Antrag auf Eintragung in das Wählerverzeichnis ihrer Gemeinde stellen. Bei der Bundestagswahl 2021 haben sich 47,3 Prozent der Wähler für die Briefwahl entschieden. 2017 waren es noch 28,6 Prozent.