Mit einer Auffrischung ihrer Wahlplakate gehen die Parteien in den Endspurt. Dabei fallen die Grünen mit einem Spruch für Kretschmann auf: „Sie kennen mich“. Was steckt dahinter und womit versuchen es die anderen Parteien?
Stuttgart - Kurz vor der Landtagswahl sind die aussichtsreichsten Parteien vor einigen Tagen mit neuen Motiven für ihr Wahlplakate in den Endspurt gegangen. Die Spitzenkandidaten und -kandidatinnen rücken in den Vordergrund. Und ein Professor für Kommunikation wundert sich: die Grünen benutzen einen Spruch von CDU-Kanzlerin Angela Merkel für ihre Wahlwerbung. Wie präsentieren sich die Parteien?
Grüne – bekannte Sprüche werden recycelt
Vor gut vier Wochen hat der Professor für Kommunikationstheorie Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim die Wahlplakate der Parteien schon einmal auf ihre optische Wirkung hin beurteilt. Großes Lob erhielten von ihm die prägnanten Plakate von Grünen und AfD, wobei er bemerkte, dass die Grünen ihren Slogan „Grün wählen für Kretschmann“ schon 2016 benutzt hatten. Auch bei der jüngsten Auffrischung der Wahlplakate mit neuen Motiven ist Brettschneider etwas aufgefallen: Der jetzt von den Grünen plakatierte Spruch „Sie kennen mich“ neben einem Foto von Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Das „Sie kennen mich“ sei prägend gewesen für ein abschließendes Statement von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im letzten TV-Duell vor der Bundestagswahl 2017. „Offenbar zielen damit die Grünen in die gleiche Richtung: In Krisenzeiten sollen die Menschen auf das Vertraute und Gewohnte setzen“, sagt Brettschneider. Dass der Slogan abgekupfert sein könnte, ficht den Grünen-Landesvorsitzenden Oliver Hildenbrand nicht an: Das sei ja kein Satz, den nur Angela Merkel gebrauchen dürfe. „Da kann man keine Urheberrechte drauf erheben“, so Hildenbrand. Und er passe sehr gut zu Kretschmann: „Gerade in Zeiten der großen Umbrüche braucht das Land einen Politiker, der es kann und auf den man sich verlassen kann.“ Die Grünen sind beim Plakatieren Dank eines neuen Online-Spendenpools offenbar an der Spitze: insgesamt 1800 Großplakate auf mobilen und stationären Flächen haben sie landesweit plakatiert – 2016 waren es nur 800.
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CDU – Argumente auf den Plakaten
Mit 1500 Großplakaten liegt die CDU schon auf Platz zwei. In drei Wellen haben die Christdemokraten plakatiert, und dass ihre Botschaften etwas textlastig sind, das gehört laut Pressesprecherin Susanne Stehle vom CDU-Landesverband durchaus zum Prinzip. Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann habe die heiße Wahlkampfphase in Form von Fragen eröffnet, danach sei sie auf den Plakaten in den Dialog mit den Bürgern getreten und in der letzten, dritten Welle trete man „mit starken Lösungen an“ und fokussiere sich erneut auf reine Textbotschaften die beginnen mit Worten wie: „CDU wählen, weil...“
Das manche CDU-Botschaft im Netz bewusst missverstanden wird, so hat Eisenmann einmal gesagt, dass sehe sie „sehr gelassen“. Gemeint war der Slogan „CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit den Mitteln von morgen jagen“, wegen dem sich Spott über die Christdemokraten ergossen hatte. Das Motiv wird immer noch plakatiert. Einzelbeobachtungen von Bürgern, dass Eisenmann in bestimmten Städten wie Heilbronn zu wenig plakatiert werde, widerspricht der Landesverband: in Heilbronn sei Eisenmann an 76 Standorten zu sehen.
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AfD – Ärger mit Plakatfälschungen
Die Bildsprache der AfD-Wahlplakate, die kontrastreiche Schrift, die schnell aufzufassende Botschaft und der sogenannte Claim der Partei – „Für Recht und Freiheit“ – hat den Medienwissenschaftler Brettschneider durchaus überzeugt. An ihren Wahlplakaten will die Partei deshalb auch nichts ändern. „Wir brauchen keine neue Linie, unsere Plakate erhalten hohen Zuspruch“, sagt Markus Frohnmaier, Pressesprecher des AfD-Landesverbandes. Die AfD habe in einigen Regionen erst in diesen Tagen plakatiert, da ihre Plakate an einigen Standorten bis zu 70 Prozent zerstört werden, so Frohnmaier. Neu sei, dass Wahlplakate etwa in der Stadt Mannheim auch kopiert und dann verfälscht wieder aufgehängt worden seien, beispielsweise mit „schwierigen Aussagen“ von früheren AfD-Politikern versehen oder mit Motiven eines veralteten Familienbildes, die gar nicht zum aktuellen Wahlprogramm der Partei passten.
SPD – der Spitzenkandidat bringt Dynamik
Weniger Text als in den früheren Plakaten und eine Fokussierung auf den Spitzenkandidaten Andreas Stoch – das ist die Linie der Sozialdemokraten in der Schlussphase. „Stoch macht sehr viel Sport, er kommt auch auf den Plakaten elanvoll und energetisch rüber“, sagt Maja Schubert, Pressesprecherin im SPD-Landesverband. Und die Botschaften kämen jetzt noch klarer an: „Mit mehr Tatkraft in die Regierung“, „mehr Bildungskompetenz“ oder „mehr Einsatz für bessere Pflege“. Das könne man auch gut im Vorbeifahren lesen. Gut 1230 Großplakate hat die SPD aufgehängt.
FDP – knallig und mit hohem Aufmerksamkeitsfaktor
Nein, der Kinderfasching werde nicht abgesagt: Solche Kommentare waren im Netz über die knallbunten und etwas schrillen Plakate der FDP zu lesen. Jan Packebusch, Hauptgeschäftsführer des FDP-Landesverbandes, berichtet aber von positiven Rückmeldungen der Kandidaten über die Plakate: „Wir erzielen mit ihnen hohe Aufmerksamkeitswerte.“ Und das sei ja so beabsichtigt. Textlastigkeit ist auch den FDP-Plakaten vorgeworfen worden, aber manche Sprüche sind immerhin neu: „Wählen Sie sich aus der Krise!“ In der letzte Plakatwelle vor dem Wahltag am 14. März wird FDP-Spitzenmann Hans-Ulrich Rülke wieder in den Mittelpunkt gerückt.
Linke – Sahra Mirow als Hauptmotiv
Längere Texte auf den Plakaten hat auch die Linke zu bieten. „Aber ich bin mit dem Bus unterwegs und für mich sind sie gut lesbar“, sagt Dagmar Uhlig, Sprecherin des Linken-Kreisverbandes Stuttgart. Auch die Linke ist in der letzten Plakatierungswelle umgeschwenkt auf eine Person, plakatiert jetzt großflächig die Spitzenkandidatin Sahra Mirow. Die sei eine „unfassbar aktive Frau“, sagt Uhlig und hofft, dass deren Dynamik auch auf den Fotos erkennbar ist. Auch die Linke hat ähnlich wie die AfD Ärger mit Attacken auf ihre Plakate: In früheren Wahlkämpfen seien die zerstört oder zerschnitten worden, diesmal hängten unbekannte Täter sie einfach ab und ließen sie verschwinden. „Wir müssen immer wieder nachplakatieren.“