Die Chance, über die Zusammensetzung des Bundestags mitzuentscheiden, haben im Wahlkreis Stuttgart I rund 194 000 Menschen, im Wahlkreis Stuttgart II etwa 182 000. Foto: Michael Steinert

Im Wahlkreis Stuttgart I messen zum dritten Mal Stefan Kaufmann von der CDU und Cem Özdemir von den Grünen ihre Kräfte. Ute Vogt von der SPD möchte auch mitmischen. Klarer Favorit im Ringen um das Direktmandat ist jedoch der Christdemokrat.

Stuttgart - Packt es Cem Özdemir doch noch? Die Frage, ob der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestagswahlkreis Nummer 258 dem CDU-Kontrahenten Stefan Kaufmann das Direktmandat abnehmen kann, ist vor allem im Wahlkampf 2013 munter diskutiert worden. Diesmal gibt es deutlich weniger Rummel um dieses Thema, sogar bei den Grünen. Sie pochen freilich darauf, dass sich der Gewinn des Direktmandats zwischen dem CDU- und dem Grünen-Kandidaten entscheiden werde, nicht zwischen CDU und SPD.

Die Vorzeichen sind deutlich anders als 2013. Damals hatten die Grünen nach einem spektakulären Einstand in der Landesregierung (2011) und der mit Fritz Kuhn gewonnenen OB-Wahl in Stuttgart (2012) besonders viel Oberwasser. Diese frischen Meriten schienen für Rückenwind zu sorgen. Dennoch verfehlte Özdemir das Direktmandat am Ende – und das auch noch unerwartet deutlich. 42 Prozent der Erststimmen im südlichen Stuttgarter Wahlkreis gingen an Stefan Kaufmann von der CDU, 27,5 Prozent an Özdemir – und damit 2,4 Prozentpunkte weniger als 2009, als er den Einzug ins Parlament noch mangels Listenabsicherung durch die Grünen verpasst hatte.

Der Pakt zwischen Ute Vogt und Cem Özdemir ist passé

Die Erinnerung an 2013 bestärkt CDU-Platzhirsch Kaufmann nur noch in seiner Zuversicht, zumal auch die politische Großwetterlage „gut aussieht“. Der naheliegenden Versuchung, nun einen weiter wachsenden Abstand zwischen sich und Özdemir vorauszuahnen, erliegt Kaufmann aber nicht: Ob der Abstand größer oder kleiner werde, hänge ja auch noch von anderen Umständen ab. So würden der AfD heute mehr Wähler zugerechnet als 2013 – und die Wähler der AfD verhielten sich an der Urne nicht so taktisch wie andere Wähler. Soll heißen: Da habe er, Kaufmann, bei der Abstimmung über den Wahlkreisabgeordneten vielleicht weniger Erststimmen zu erwarten als von anderen Wählern, die der CDU zwar die Zweitstimme vorenthalten, aber ihrem örtlichen Kandidaten nicht die Erststimme. Und in welchem Maß die FDP-Klientel Stimmensplitting betreibt, weiß man auch nie genau.

Für solches Stimmensplitting, also die Verteilung von Erst- und Zweitstimme auf unterschiedliche Parteifarben, hatten Grüne und SPD im September 2013 zum Schluss hin eigens geworben. Einen derartigen Pakt gebe es diesmal nicht, versichern sie. Die damalige und heutige SPD-Bewerberin Ute Vogt empfand die SPD nach der Wahl 2013 nicht als Nutznießerin des Pakts. „Das war einseitig“, sagt sie heute, „ich gab viele Erststimmen ab, doch wir erhielten wenig.“ Das Zweitstimmen-Ergebnis ihrer Partei im Wahlkreis sei damals im allgemeinen Trend der SPD-Ergebnisse gelegen.

„Wäre Jürgen Trittin hier Grünen-Kandidat, würde das vielleicht etwas anders aussehen“

Aber nicht nur der mangelnde Ertrag hält die Genossen von einer Wiederauflage des Paktes ab, sondern auch Özdemirs Entwicklung in den vier Jahren. Der Bundesvorsitzende der Grünen favorisiere ja eindeutig Schwarz-Grün. „Wir haben keinen Anlass, ihm etwas zu schenken. Wäre Jürgen Trittin hier Grünen-Kandidat, würde das vielleicht etwas anders aussehen“, ätzt Vogt.

Sie erhält den Anspruch aufrecht, nicht nur um Platz 2 in diesem Wahlkreis zu kämpfen, sondern auch um das Direktmandat, obwohl sie 2013 bei den Erststimmen rund elf Prozentpunkte hinter Özdemir und gut 25 Prozentpunkte hinter Kaufmann lag. Jetzt möchte sie zumindest zwischen sich und dem Grünen-Mitbewerber wieder andere Verhältnisse schaffen. Bei den Zweitstimmen sei die SPD 2013 mit ihren 21 Prozent ja auch klar vor den Grünen (17,5 Prozent) gelegen. Daraus leitet sie die Erwartung ab, dass sie diesmal mehr Erststimmen erhält als Özdemir – wenn es keinen Pakt gibt. Und den gibt es ja nicht. Obwohl: „Wenn, dann könnte sich diesmal ja Özdemir revanchieren“, sagt sie.

Rund 194 000 Wahlberechtigte gibt es im Wahlkreis I

Solches Gerangel, das sich Kandidaten irgendwie vermutlich schuldig sind, markiert auch schon die größten Turbulenzen in diesem Wahlkreis bis dato. Hochspannung sieht anders aus. Aber noch ahnt ja auch niemand, was die Wahlberechtigten im Schilde führen. Davon dürfte es in diesem Wahlkreis etwa 194 000 geben (die genaue Zahl steht erst direkt vor dem Wahltag fest). Es werden etwa 2000 mehr sein als voriges Mal. Viele haben sich vermutlich noch nicht festgelegt.

Zur Wahl stehen 14 Kandidatinnen und Kandidaten, darunter ähnlich wie 2013 zwei Einzelbewerber ohne Partei oder Organisation im Hintergrund. Diesmal ist aber kein Vertreter der Stuttgart-21-Gegner darunter. Das eine Prozent der Stimmen, das Frank Schweizer 2013 geholt hatte, machte offenbar wenig Lust auf Nachahmung.

Bei den Parteien treten – bis auf die Linke und die AfD – die selben Köpfe wieder an. Dank Absicherung auf Parteienlisten könnten aus diesem Wahlkreis mit überdurchschnittlich vielen bürgerlichen, akademisch gebildeten und über 65-jährigen Wahlberechtigten am Ende vier Abgeordnete hervorgehen. Neben Kaufmann gehören – dank Listenplatz im Jahr 2013 – Özdemir und Vogt schon dem Bundestag an. Die FDP mit Judith Skudelny zog 2013 nicht ins Parlament ein.

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