Für Cem Özdemir ist es eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte: In den 1990er-Jahren vertrat er als Bundestagsabgeordneter den Wahlkreis Ludwigsburg. Foto: Simon Granville

Beim Wahlkampfauftakt der Grünen erinnert sich Cem Özdemir an seine Vergangenheit in Ludwigsburg. Er kritisiert die CSU und fordert eine Altersgrenze für TikTok und Instagram.

So jung wie auf dem Plakat auf der Tribüne sieht Cem Özdemir nicht mehr aus. Kein Wunder, schließlich ist das Bild schon vor über 30 Jahren entstanden. Doch tatsächlich hat das Plakat aus dem Bundestagswahlkampf 1994 mehr als dekorativen Charakter – es soll zeigen, dass der grüne Ministerpräsidenten-Kandidat einen größeren Bezug zu Ludwigsburg hat als viele denken.

 

Von 1994 bis 2002 vertrat der gebürtige Uracher den Wahlkreis Ludwigsburg im Bundestag, der damals noch in Bonn tagte. „Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Ludwigsburg. Es war auch immer heimelig hier“, erzählt Özdemir. Damals sei er auch noch mehr in der Clubszene unterwegs gewesen. „Am Montag war ich immer stehend k. o. und war froh, wenn ich es bis zum Bahnhof geschafft habe.“ Von dort ging es dann nach Bonn – der Beginn einer politischen Laufbahn, die ihn nun in die Villa Reitzenstein in Stuttgart führen soll.

Özdemir spannt den großen Bogen

Die Grünen im Kreis Ludwigsburg haben sich für ihren Wahlkampfauftakt mit dem prominenten Gast ein spezielles Ambiente ausgesucht: Im Central Kino wird alles dafür getan, um Kino-Atmosphäre zu erzeugen – auch mit Gratis-Popcorn. Ob die Landtagswahl für die Grünen allerdings ein Thriller mit Happy End wird oder doch ein Drama, wird sich zeigen – aktuell liegen sie in landesweiten Umfragen immer noch weit hinter der CDU.

Cem Özdemir auf der Bühne des Central Kino in Ludwigsburg. Vor ihm steht ein altes Wahlplakat aus dem Jahr 1994, als er für Ludwigsburg kandidierte. Foto: Simon Granville

In seiner rund 40-minütigen Rede spannt Cem Özdemir den ganz großen Bogen: von seiner Zeit in Ludwigsburg über die Arbeit der Bundesregierung bis hin zur großen Weltpolitik. Sein Hauptgegner ist dabei schnell ausgemacht: die CDU. Und vielleicht noch etwas mehr die CSU in Bayern.

Das fängt schon an, als er über die Infrastrukturprobleme im Land spricht. „Es darf auf absehbare Zeit kein Verkehrsminister mehr von der CSU in Bayern kommen. Bei der Bilanz frage ich mich, wo sie das Selbstvertrauen hernehmen.“ Er erkläre sich das immer damit, dass die CSU kräftig zugegriffen habe, als Gott das Selbstvertrauen verteilt habe. „Wir hatten da wahrscheinlich gerade Kehrwoche.“

Kritik an CDU und AfD

Auch die AfD watscht Özdemir kräftig ab: „Viele Menschen in der Welt würden sich unsere Probleme wünschen. Überlassen wir das Schlechtreden der AfD und den Fanatikern und kümmern wir uns darum, Gutes besser zu machen.“ Für den Satz ist der Jubel im nicht komplett gefüllten Kinosaal besonders groß.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisiert Özdemir dafür, dass er in seiner Neujahrsansprache die Klimakrise mit keinem Wort erwähnt hat. „Darüber muss ein Kanzler doch reden. Kein Klimaschutz ist nicht bezahlbar und vor allem verantwortungslos gegenüber unseren Kindern.“

Apropos Klimaschutz: Beim Thema Verbrenner-Aus wünscht sich Özdemir, dass die Christdemokraten den „Kulturkampf ums Auto“ beenden würden. Auch der Verkehrsbereich müsse seinen Beitrag leisten, damit die Klimaziele erreicht werden. „Die Zukunft des Autos wird nicht noch 100 Jahre der fossile Verbrenner sein, sondern es muss die nächste große Technologie sein. Aber sie muss aus Baden-Württemberg kommen.“

Verständnis für OB Knecht

In der Bildungspolitik plädiert Özdemir für ein Modell à la Australien: Er will eine Altersgrenze von 16 Jahren für TikTok und Instagram, „damit sich unsere Kinder nicht mehr mit antidemokratischen Inhalten beschäftigen, sondern vielleicht wieder mit der Geschichte Ludwigsburgs“.

Auch zu kommunalen Angelegenheiten äußert sich Özdemir. Beim Dauerthema Stadtbahn zeigt er Verständnis für Oberbürgermeister Matthias Knecht, der ebenfalls anwesend ist. „Das sind Entscheidungen, die wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.“ Eine Einmischung des Landes lehnt er aber ab: „Über eine Stadtbahn für Ludwigsburg muss auch in Ludwigsburg entschieden werden.“

Oberbürgermeister Matthias Knecht (rechts) ließ sich den Auftritt von Cem Özdemir nicht entgehen. Neben ihm die Grünen-Landtagskandidaten Tayfun Tok, Maike Günter und Silke Gericke (von rechts). Foto: Simon Granville

So souverän sich Özdemir in seiner Rede präsentiert, bei der anschließenden Fragerunde bekommt er nicht nur Applaus. Als sich eine Frau über die hohen Gebühren für die Kindergartenbetreuung beschwert und wissen will, was Özdemir für Familien machen will, beginnt der mit einem Plädoyer für die Mietpreisbremse.

Nach einigem Raunen im Saal kommt schließlich ein Zwischenruf: „Es geht um Kindergärten, nicht um Mieten.“ Özdemir entgegnet ziemlich schroff: „Sie hat Mieten und Kitas gesagt. Ich pflege gewöhnlich auf alle Teile der Frage zu antworten. Vielleicht sind Sie anderes gewöhnt.“ Dabei hatte die Frau nur gesagt, dass die hohen Kindergartengebühren unter anderem aufgrund der hohen Mieten nicht mehr darstellbar seien.

Entscheiden wird sich der Wahlkampf aber so oder so nicht durch diesen einen Auftritt, denn der Saal ist zum überwiegenden Teil mit Leuten gefüllt, die sowieso mit den Grünen sympathisieren. Ob Cem Özdemir beim nächsten Mal also als Ministerpräsident in seine alte Heimat zurückkehren kann, erscheint weiter fraglich.