Country Legende Willie Nelson unterstützt den US-Demokraten Beto O’Rourke aus El Paso. Foto: Invision

Der progressive Beto O’Rourke ringt ausgerechnet im Stammland der Republikaner mit Ted Cruz um den Einzug in den US-Senat. Es ist der spannendste Wahlkampf in den USA.

Stuttgart/El Paso - Wenn Beto O’Rourke auf der Bühne steht, groß, schlank, hellblaues Hemd, Khaki-Hosen, ist sein unverbrauchter jungenhafter Charme sofort da. Auch nach hunderten Wahlkampfauftritten. Sein lauter Bariton passt nicht recht zu den jugendlichen Gesichtszügen. Aber er wirkt authentisch, trotz geschliffener Rhetorik.

Der 46-jährige demokratische Kongressabgeordnete aus der US-Grenzstadt El Paso, will bei den US-Zwischenwahlen anstelle des Republikaner-Ekels Ted Cruz (47) in den Senat einziehen. Er möchte mit seiner optimistischen Botschaft möglichst viele Texaner erreichen. Schon wird er mit Barack Obama verglichen, der es mit seiner Hoffnungsbotschaft ebenfalls aus dem politischen Nirwana ins Weiße Haus geschafft hat.

Der Kampf zwischen O’Rourke und Cruz ist ein Kampf zwischen Politikern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. O’Rourke, irischstämmig, den seit Schultagen alle nur Beto – spanisch kurz für Robert – rufen, ist ein politischer Brückenbauer. Neben moderaten und jüngeren Weißen wendet er sich vor allem an Latinos und andere Minderheiten. Cruz, eigentlich Rafael Edward Cruz und Sohn eines Exilkubaners, hat seinen spanischen zugunsten eines englischen Namens getauscht und spricht eher für die andere Seite des politischen Grabens in den USA: weiß, konservativ, evangelikal. Ironie der Geschichte: An diesem Montag eilt Präsident Donald Trump Ted Cruz mit einem Wahlkampfauftritt in Houston zu Hilfe. Ausgerechnet Trump, der den Rivalen Cruz im Kampf um die Präsidentschaft 2016 noch als „Lügen-Ted“ verspottete.

Geschickter Umgang mit Facebook

O’Rourkes kometenhafter Aufstieg fesselt ganz Amerika. Dort, wo Trump die Mauer bauen möchte, ist O’Rourke aufgewachsen. Der Ex- Stadtrat von El Paso, seit 2013 Abgeordneter im Repräsentantenhaus, hat allein in den vergangenen drei Monaten umgerechnet 33 Millionen Euro an Wahlkampfspenden eingesammelt – Rekord für den Senat und ein Vielfaches von Cruz. Alles kleine Einzelspenden, die Unterstützung durch umstrittene politische Organisationen lehnt er ab. Längst selbst zu einer Art Popstar geworden, sang der Ex-Bassist in einer Punkband unlängst in Austin bei einem Konzert der Country-Legende Willi Nelson mit.

Mit seinen Forderungen nach strengeren Überprüfungen beim Waffenkauf, einer Krankenversicherung für alle oder nach Legalisierung von Marihuana ist er eindeutig ein fortschrittlicher, linksliberaler, aber wirtschaftsfreundlicher Demokrat. Dabei tritt er verbindlich auf, wie ein Mann der Mitte, bereit auf den politischen Gegner zu zu gehen. Das bringt ihm auch unter vielen Gewohnheitsrepublikaner Sympathien ein.

O’Rourkes Aufstieg hat auch mit seinem geschickten Umgang mit Medien zu tun. Er streamt seinen Wahlkampf live auf Facebook. Man sieht ihn Skateboarden oder wie er seine Wäsche wäscht. Und er gibt zehnmal mehr Geld für gezielte Wahlkampfwerbung in den sozialen Medien aus als Cruz.

Hoffnung oder Hass?

In Umfragen sah es lange so aus, als ob er in Texas, das schon seit 30 Jahren keinen Demokraten mehr in den Senat geschickt hat, an Cruz herangekommen war. Doch seit dem Streit um den Richter Brett Kavanaugh ist der Abstand wieder größer geworden. Seine Erfolgschancen hängen von der Wahlbeteiligung der Latinos ab, die oft nicht wählen gehen. Oder von der Unterstützung von Weißen mit Collegeabschluss sowie gemäßigten Republikanern in den Vorstädten von Houston, Dallas und Austin. Der Kampf zwischen O’Rourke und Cruz wird zeigen, welche Botschaft eher verfängt: die der Hoffnung oder der Empörung und des Angsteinjagens. Sollte O’Rourke gewinnen, wäre das eine Sensation. Für ganz Amerika.

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