Die Parteien werben an der B 27 in Ludwigsburg um Stimmen. Foto: factum/Weise

Alle sechs Bundestagskandidaten im Wahlkreis haben einen engagierten Wahlkampf geführt und für teils unterschiedliche Positionen geworben. Die meisten allerdings kämpfen schon lange nicht mehr für sich selbst, sondern nur noch für ihre Partei.

Ludwigsburg - Alle sind zufrieden, natürlich sind sie das. So wie ein Geschäftsmann nie sein eigenes Produkt schlechtreden würde, würde ein Politiker nie seinen eigenen Wahlkampf kritisieren oder gar den seiner Partei. So klingen die Antworten, wenn man die Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis Ludwigsburg um ein Resümee bittet, als hätten sich alle aus demselben Floskelbaukasten bedient. „Sehr lebendig“ sei ihr Wahlkampf gewesen, sagt die Grünen-Kandidatin Ingrid Hönlinger. „Sehr gut“ sei die Resonanz gewesen, sagt Stefanie Knecht von der FDP. Der Wahlkampf sei „sehr gut verlaufen“, sagt Macit Karaahmetoglu, der für die SPD antritt. „Das ist jetzt nicht nur so dahergeredet.“

Geredet wird viel in Wahlkampfzeiten, und es reicht ein Blick in die öffentlichen Kalender der Kandidaten, um zu ermessen, wie anstrengend das sein muss. Wochenlang Termine, Händeschütteln, Podiumsdiskussionen, Infostände – und all das, obwohl die meisten Kandidaten in diesem Wahlkreis schon lange nicht mehr für sich selbst, sondern nur für ihre Partei kämpfen.

Hönlinger, die von 2009 bis 2013 schon einmal im Bundestag saß, hat diesmal kaum Chancen. Die Anwältin steht auf Platz 23 der Landesliste der Grünen, und weil die Grünen gerade auch nicht allzu gut dastehen, wird es für Hönlinger aller Voraussicht nach nicht reichen. Trotzdem wirbt die 53-Jährige unermüdlich an Infoständen für Klimapolitik, ein solidarisches Europa – und um die Erst- und die Zweitstimme der Wähler. „Für uns geht es auch um die Bronzemedaille“, sagt sie. Also darum, dass die Grünen drittstärkste Kraft werden. Laut den Umfragen stehen sie gerade auf Platz sechs, noch hinter der FDP, deren Wahlkampf voll auf den Spitzenkandidaten Christian Lindner ausgerichtet ist. Stefanie Knecht ist erst 2013 in die Partei eingetreten, als die Liberalen aus dem Bundestag geflogen waren. Jetzt will sie helfen, dass sie wieder reinkommen. „Der Aufwind ist spürbar“, sagt sie.

Schäuble, Nahles, Weidel: an prominenter Unterstützung mangelte es nicht

Digitalisierung, Bildung – das sind Knechts Hauptthemen. Als bei der Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung in der vergangenen Woche sehr lange über Flüchtlinge geredet wurde, wurde es ihr irgendwann zu bunt. „Es gibt doch noch andere Themen“, kritisierte sie. Und es gibt Lindner, der bei seinem Wahlkampfauftritt in Ludwigsburg fast 600 Zuhörer anlockte. Wolfgang Schäuble für die CDU, Cem Özdemir für die Grünen, Andrea Nahles für die SPD, Bernd Riexinger für die Linke, Alice Weidel für die AfD – an prominenter Unterstützung mangelte es nicht für die hiesigen Bundestagskandidaten, aber mehr Zuspruch als Linder bekam niemand. Ob es Knecht hilft? Eher nicht, sie steht auf Platz 14 der Liste und damit wohl zu weit hinten.

Auch Peter Schimke, der Kandidat der Linken, darf sich von Platz 14 aus kaum Hoffnungen machen, und er ist der einzige, der ehrlich genug ist, das zuzugeben. Auch bei der letzten Bundestagswahl und der Landtagswahl trat Schimke an, er sieht darin „eine Art ehrenamtliches Engagement“, wohlwissend, dass seine Partei in Baden-Württemberg „noch hartes Brot zu beißen“ habe. „Aber wir sind raus aus der alten Schmuddelecke, und jedes Zehntelprozent, das wir hier holen, stützt die Linke im Bund.“ Soziale Gerechtigkeit, darum gehe es ihm, deswegen mache er das alles.

Nicht aussichtslos, aber doch extrem schwierig ist die Ausgangsposition für Macit Karaahmetoglu. Auf Platz 22 der SPD-Liste würde er es wohl in den Bundestag schaffen, wenn die Genossen mindestens 27 Prozent der Stimmen holen, aber danach sieht es nicht aus. Der Rechtsanwalt setzt daher auf die Unentschlossenen und sagt, dass die Stimmung für die SPD besser sei als noch 2013, als er den Einzug in den Bundestag denkbar knapp verpasste. Bei der erwähnten Podiumsdiskussion vergangene Woche stellten sich die Kandidaten einer Testwahl, aus der Karaahmetoglu als Sieger hervorging. Vor der Debatte war er bei 25 Prozent gelegen, danach bekam er von den Zuhörern im Kulturzentrum satte 37,5 Prozent der Stimmen. Er wolle für einen weltoffenen und sozialen Wahlkreis stehen, sagt der 49-Jährige, der als einziger der sechs Konkurrenten eine klare Koalitionsaussage trifft: Die Grünen seien sein bevorzugter Partner.

AfD und CDU: eine „sehr unerfreuliche Kombination“

Für Steffen Bilger gilt das sicher nicht, obwohl der CDU-Mann offensiv für den Ausbau der Elektromobilität wirbt. Bilger ist Verkehrsexperte, seine Themen sind Infrastruktur und Wohnungsbau, und er hat versucht, diese unter anderem mit einem Haustürwahlkampf unters Volk zu bringen. Aber auch ohne jeden Wahlkampf wäre der 38-Jährige klarer Favorit auf das Direktmandat, das seit 1976 stets an die CDU ging. „Die Chancen stehen gut“, sagt Bilger, der den Wahlkreis seit 2009 in Berlin vertritt – zuletzt alleine. Das allerdings dürfte sich ändern, denn der Politikneuling Martin Hess von der AfD steht auf dem aussichtsreichen Listenplatz sieben und versucht, mit dem Thema innere Sicherheit zu punkten.

Hess, Polizist und Dozent, begann erst spät zu plakatieren. „Wir mussten davon ausgehen, dass unsere Plakate systematisch vernichtet werden“, sagt er, und so kam es dann auch. Je nach Gemeinde seien zwischen 50 und 80 Prozent aller AfD-Plakate abgerissen worden. Zu den zentralen Wahlkampfveranstaltungen im Forum und in der Musikhalle kamen viele Zuhörer, aber auch viele Gegendemonstranten. Er habe versucht, an Infoständen und im direkten Kontakt für sich und seine Partei zu werben, sagt Hess, und er habe dabei enorm viel Zuspruch bekommen. Bilger und Hess in Berlin? Zumindest für einen der beiden ist das keine verlockende Aussicht. Er halte diese Kombination für „sehr unerfreulich“, sagt der CDU-Mann Steffen Bilger.

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