SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz besuchte am Montagabend die Wahlarena in Lübeck (Schleswig-Holstein). Foto: dpa

Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl hat sich nun der SPD-Kanzlerkandidat in der ARD Wahlarena den Fragen der Zuschauer gestellt. Er zeigte sich bürgernah, sicher in Themen auch abseits der sozialen Gerechtigkeit und kündigte eine Revolution an.

Stuttgart - Die Sendung ist beinahe um, als Martin Schulz am Montagabend in der Wahlarena der ARD darum bittet, zum Schluss noch etwas sagen zu dürfen: „Sowas wie hier, müssten Bundeskanzler einmal im Monat machen. Irgendwo hingehen und sich das mal anhören.“ Wie schon Angela Merkel in der vergangenen Woche, hat er sich an diesem Abend 90 Minuten lang den Fragen von 150 ausgewählten Zuschauern gestellt. Die Fragen und Anliegen, die sich Merkels Herausforderer an diesem Abend „mal anhören“ durfte, reichten dabei von Steuerpolitik und Umweltschutz über Rente und Abgasskandal bis hin zu Außenpolitik und Zuwanderung.

Schulz versuchte es mit Rhetorik, Gestik, Nähe zum Publikum und immer wieder auch mit Abgrenzung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es war sein letzter großer TV-Auftritt vor der bevorstehenden Bundestagswahl am kommenden Sonntag. Seine letzte Chance sozusagen, sich noch einmal zu profilieren, noch einmal klar Position zu beziehen vor einem großen Publikum.

Das hat er auch direkt bei der Beantwortung der ersten Frage versucht, die sich darum drehte, wie Schuldenabbau in Zeiten von großem Wirtschaftswachstum konkret auszusehen habe. „Klare Frage, klare Antwort“, sagte Schulz und weckte sogleich große Erwartungen, denen er mit seiner etwas schwammigen Antwort jedoch nur schwer gerecht werden konnte. Anstatt einen konkreten Plan zu nennen, antwortete er: „Wir müssen Schulden tilgen, aber wir müssen auch investieren.“

Martin Schulz bestätigt die Bürger in ihren Sorgen

Nachdem eine junge Akademikerin und Mutter erklärte, dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gebe, erinnerte ein anderer Mann daran, dass Eltern auch noch andere Probleme hätten. Zum Beispiel, zu wenig Zeit, um sich ausreichend um ihre Kinder kümmern zu können. Er fragte, was Schulz in Zukunft tun werde, damit die Rechte von Arbeitnehmern wieder mehr gestärkt würden. Schulz’ Antwort: Die Abschaffung von Kitagebühren und die Schaffung von einer Million Kita-Plätze. Soweit nichts Neues von Seiten der SPD.

Was bis zu diesem Zeitpunkt noch etwas steif wirkte, sollte dann jedoch schnell persönlicher und emotionaler werden. Als im Publikum eine Mutter das Wort erhielt, die sich wegen ihrer vielen Kinder als Taxifahrerin, Köchin, Eventmanagerin und Motivationstrainerin zugleich sieht, und um ihre Rente fürchtet, sah Schulz seinen Moment gekommen. Als die Frau zu sprechen aufhörte, war es für einen Moment still in der Wahlarena. Es war so lange still, dass es fast den Anschein erweckte, Schulz habe die Frage nicht verstanden.

Er hatte sie verstanden, doch er brauchte diese Sekunden. Er brauchte sie, um seine Rolle als empathischen, bürgernahen Politiker, in der er sich selbst am liebsten sieht, voll entfalten zu können und einmal mehr das Schicksal der Bürger mit seiner eigenen Biographie in Verbindung zu bringen. „Ich habe gerade einen Moment innehalten müssen, weil ich an meine Mutter gedacht habe als sie ihre Geschichte erzählt haben.“ Er bestätigte der Frau, dass ihr Ungerechtigkeit widerfahre. Er betonte, dass sich die SPD für eine Solidarrente einsetzen, einen neuen Generationenvertrag schließen und für ein stabiles Rentenniveau sowie eine Rente ab 67 sorgen werde.

Kanzlerkandidat verspricht Neustart der deutschen Pflege

An Dramatik mangelte es auch nicht, als eines seiner Leib-und-Magen-Themen auf das Tableau kam: Pflegekräftemangel und eine bessere Bezahlung für Menschen, die in der Pflege arbeiten. Auf die Frage der Geschäftsführerin eines Pflegeheims, was er vorsehe, um leere Stellen zu besetzen, den Beruf des Pflegers wieder attraktiv zu machen und die Pfleger besser zu unterstützen, kündigte er eine Revolution an: „Ich werde in den ersten hundert Tagen einen Neustart in der deutschen Pflege schaffen. Dazu gehören drei Dinge: Mehr Personal, bessere Bezahlung und mehr Pflegeplätze.“

Doch nicht nur das. In den ersten hundert Tagen einer möglichen Kanzlerschaft würde Schulz auch die Musterfeststellungsklage auf den Weg bringen wollen. „Ich bin der einzige in Deutschland, der massiv auf diesem Thema beharrt“, antwortet Schulz, als ein Mann fragt, was er für das Klagerecht von Verbrauchern im Zusammenhang mit dem Abgasskandal tun werde. Es gebe bereits einen Entwurf für eine Musterfeststellungsklage, doch der liege im Kanzleramt. „Und ich kann mir auch gut vorstellen, woran das liegt. Wahrscheinlich daran, dass da der ein oder andere Lobbyist im Spiel ist“, kritisiert er das bisherige Vorgehen von Angela Merkel.

Und dann gab es an diesem Abend auch noch einen kämpferischen Moment - zumindest hatte er so aussehen sollen. Eine Frau aus Lübeck, deren Mann mit 47 Jahren an Darmkrebs erkrankt und nun zu hundert Prozent schwerbehindert ist, wegen mangelnder sozialer Unterstützung aber dennoch arbeiten muss, fragt, was Schulz tun werde, um solche Fälle zu verhindern. „Ihr Mann gehört zu einer Kategorie, auf die wir nicht genau geschaut haben.“

Raum für viele persönliche Schicksale

Als die Frau erwidert, dass das ja immer ganz gut klinge, was er so sage, antwortet er, dass ihm Fälle wie ihrer nicht egal seien. „Mir liegt jeder einzelnen Mann und jede einzelne Frau am Herzen.“ Und deshalb würde er jetzt auch einfach mal um ihr Vertrauen kämpfen. Wie dieser Kampf aussieht, bleibt jedoch bis zum Schluss unklar. Denn mehr als die Aussicht, dass er sich für einen „sozialen Arbeitsmarkt“ einsetzen werde, hat er der Frau an diesem Abend nichts zu bieten.

Der Abend bot kaum Momente, in denen Schulz ins Straucheln geriet. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass letztendlich doch viele soziale Themen zur Sprachen kamen und auch daran, dass viele persönliche Schicksale Raum bekommen haben. Bedingungen, unter denen sich der SPD-Kanzlerkandidat am wohlsten zu fühlen scheint. Vielleicht hatte er auch deshalb am Ende darum gebeten, dass solche Abende viel öfter stattfinden sollten - und natürlich um sich deutlich bürgernäher zu präsentieren als es seine Konkurrentin Angela Merkel bisweilen tut.

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