Wahlanalyse Kreis Ludwigsburg CDU und AfD – eine „unerfreuliche Kombination“

Von Tim Höhn / Rafael Binkowski 

Ingrid Hönlinger von den Grünen lässt sich feiern – sie hat ein starkes Ergebnis im Wahlkreis Ludwigsburg erzielt. Nach Berlin darf sie trotzdem nicht. Foto: factum/Weise
Ingrid Hönlinger von den Grünen lässt sich feiern – sie hat ein starkes Ergebnis im Wahlkreis Ludwigsburg erzielt. Nach Berlin darf sie trotzdem nicht. Foto: factum/Weise

Weil die FDP-Kandidatin Stefanie Knecht den Einzug in den Bundestag doch noch verpasst, wird der Wahlkreis Ludwigsburg nun von einem geschwächten Konservativen und einem Rechtspopulisten in Berlin vertreten. Dabei schneiden die Grünen stärker ab als die AfD.

Ludwigsburg - Es war eine lange Nacht für Stefanie Knecht – und eine nervenaufreibende. Als am Sonntag um 18 Uhr die ersten Hochrechnungen einliefen, jubelte Knecht ausgelassen über das starke Abschneiden der FDP. Lange durfte die 48-Jährige auf ein Mandat hoffen, noch um 23 Uhr war völlig unklar, ob Knecht von Montag an weiter als Immobilienverwalterin arbeiten oder als Abgeordnete in den neuen deutschen Bundestag einziehen würde. „Um halb zwei Uhr nachts habe ich die Nachricht bekommen, dass es nicht geklappt hat“, erzählt die politische Quereinsteigerin, die erst vor vier Jahren der FDP beigetreten ist.

Zwölf Liberale aus Baden-Württemberg dürfen nach Berlin, Listenplatz 14 hat für Knecht demnach denkbar knapp nicht gereicht. Sie sei dann, erzählt sie, schlafen gegangen und morgens in aller Frühe aufgestanden, um ihren Kindern Frühstück zu machen. Enttäuscht sei sie nicht. „Ich habe ja keinen neuen Job gesucht, sondern wollte beim Wiederaufbau der FDP helfen.“ Beachtliche 14,7 Prozent holten die Liberalen im Wahlkreis, die auch die alte Hochburg Gerlingen wieder aktivieren konnten – mit 17,6 Prozent. Man habe gezeigt, dass nach dem Scheitern ein Neuanfang möglich ist, sagt Knecht. Das sei ein wichtiges Signal.

Ein Signal ist das Ergebnis auch für die CDU, nur sind die Folgen für Steffen Bilger gänzlich andere. Bilger hat das Direktmandat gewonnen, aber daran bestand nie ein Zweifel, weil der Wahlkreis seit 1976 ununterbrochen schwarz wählt. Der 38-Jährige bleibt also Abgeordneter, aber unter erschwerten Bedingungen, denn im Vergleich zur Wahl 2013 büßte er massiv Stimmen ein: Statt 50,4 gewann Bilger nur noch 38,3 Prozent der Erststimmen, und auch bei den Zweitstimmen sackte die CDU um fast elf Prozentpunkte ab – das sind überdurchschnittliche Verluste.

Die CDU funktioniert nur noch in Weissach als Volkspartei

Ihr bestes Ergebnis erzielten die Christdemokraten mit 39,5 Prozent im pietistisch geprägten Weissach – die Gemeinde liegt im Kreis Böblingen und wurde erst kürzlich dem Wahlkreis Ludwigsburg zugeschlagen. Und in Weissach funktioniert die CDU noch als Volkspartei, die ihre Gegner klein hält. Die SPD kommt dort mit 13,1 Prozent auf ihren schwächsten Wert, ebenso die AfD (9,3) und die Linke (4,5). Zum Vergleich: in Ludwigsburg erreichte die CDU nur noch 30,3 Prozent.

Auch der SPD-Kandidat Macit Karaahmetoglu konnte sich vom negativen Bundestrend abkoppeln und verlor nur drei Prozentpunkte. Die Genossen erzielten ihr bestes Resultat in Möglingen mit 19,4 Prozent, gefolgt von Hemmingen. Da die SPD nur noch 16 Abgeordnete aus Baden-Württemberg entsendet, stand der Gerlinger Anwalt auf verlorenem Posten. Vor vier Jahren hat er den Einzug in den Bundestag hauchdünn verpasst, diesmal deutlich. Für ihn gilt, was für die gesamte SPD gilt: Der Wahlabend war ein Desaster.

Nicht so für Ingrid Hönlinger, die schon von 2009 bis 2013 für die Grünen im Bundestag saß, diesmal aber auf dem äußerst schlechten Listenplatz 23 chancenlos war. Das könnte sich bei der nächsten Wahl, sofern Hönlinger nochmal antritt, wieder ändern, denn mit ihrem Ergebnis machte die Anwältin Werbung in eigener Sache. In ihrer Heimatstadt Ludwigsburg holte sie satte 17,1 Prozent der Erststimmen und 15,8 Prozent der Zweitstimmen. Auch im gesamten Wahlkreis gewann Hönlinger mehr Erststimmen (14,2) als Zweitstimmen (13,8), was für die Ökopartei ungewöhnlich ist. Die Grünen sind in keiner einzigen Kommune einstellig.

Der AfD-Kandidat schafft auf Anhieb den Sprung nach Berlin

Die Linken wiederum sind nirgendwo zweistellig und Peter Schimke daher weit weg von einem Sitz im Parlament. Sechs Abgeordnete stellt seine Partei in Baden-Württemberg, Schimke stand auf Platz 14. Das beste Ergebnis erzielte die Linkspartei in Ludwigsburg, wo sie auf 7,6 Prozent der Zweitstimmen kam. Als Gewinner der Wahl muss Martin Hess von der AfD gelten, der zwar mit 11,6 Prozent der Erststimmen und 11,4 Prozent der Zweitstimmen unter dem Gesamtergebnis seiner Partei blieb, aber auf Anhieb den Sprung nach Berlin schaffte. Eine Überraschung ist das nicht, weil der Polizist auf einem guten siebten Listenplatz eingereiht war. Sein bestes Resultat fuhr der 46-Jährige mit 13,6 Prozent in Eberdingen ein.

Eingetreten ist somit genau das, was viele befürchtet hatten. Der Wahlkreis wird nun in Berlin von einem geschwächten Konservativen, Steffen Bilger, und einem Rechtspopulisten, Hess, repräsentiert. Eine Kombination, die Bilger selbst im Vorfeld als „sehr unerfreulich“ bezeichnet hatte. Hess wird das wenig kümmern: Er reiste bereits am Montag nach Berlin, um bei der ersten Zusammenkunft der neuen AfD-Abgeordneten dabei zu sein.

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