In und rund um Stuttgart haben sich mehr Kandidatinnen als Kandidaten den direkten Einzug ins Parlament gesichert. Warum das so ist? Eine Spurensuche.
Region Stuttgart - Das dürfen ruhig noch ein paar Frauen mehr werden.“ Ayla Cataltepe lacht – und sie hat allen Grund dazu. Am Sonntag hat die alleinerziehende Mutter es geschafft, den Wahlkreis Göppingen zu verteidigen. Vor fünf Jahren hatte ihn der – inzwischen zum Göppinger Oberbürgermeister aufgestiegene – Alex Maier für die Grünen von der CDU erobert. „Ich empfinde das Wahlergebnis als eine hohe Anerkennung meiner Person“, sagt Cataltepe: „Schließlich bin ich zwar in Deutschland geboren, habe aber einen Migrationshintergrund.“ Es sei aber auch „ein tolles und ermutigendes Zeichen an alle Frauen, dass es sich lohnt, sich zu engagieren und sich politisch einzubringen“, sagt Cataltepe.
Dass Andrea Lindlohr (Grüne) ihr Direktmandat in Esslingen gegen die Herausforderer Andreas Deuschle (CDU) und Nicolas Fink (SPD) verteidigen würde, konnte niemanden wirklich überraschen. Auch das die ebenso renommierte grüne Landtagsabgeordnete Thekla Walker im Wahlkreis Böblingen die Konkurrenz auf Distanz würde halten können, hatten viele Experten vermutet. Aber dass in den 17 Wahlkreisen der Region Stuttgart gleich neun Frauen das Direktmandat errungen haben, ist dann doch ein bemerkenswertes Ergebnis der Landtagswahl vom Sonntag.
Für Frauen ist das baden-württembergische Wahlsystem schwierig
Eine Zeitenwende? Die Politikwissenschaftlerin Elisa Deiss-Helbig vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart jedenfalls weist darauf hin, dass das baden-württembergische Wahlsystem es Frauen traditionell eher schwerer gemacht hat, gewählt zu werden: „Es gibt nicht die Möglichkeit, dass die Parteispitze über die Liste die Nominierungen steuern kann“, erklärt sie.
Der Zugewinn an Mandaten für Frauen lasse sich zum einen durch die Stärke der Grünen erklären, die traditionell einen höheren Frauenanteil hätten, so Deiss-Helbig. Zudem setze sich in der Politik zunehmend die Erkenntnis durch, dass der Frauenanteil im baden-württembergischen Landtag besonders niedrig ist. Damit gehe der Wunsch und die aktive Suche nach Kandidatinnen, die als erfolgversprechend gelten, einher.
Zählt man bei der aktuellen Wahl die fünf Frauen dazu, die über das Zweitmandat in den Landtag einziehen, liegt die Region Stuttgart mit einem Frauenanteil von 35 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Zwar werden im neuen Landtag mehr Frauen als bisher vertreten sein. Mit insgesamt 45 Politikerinnen steigt der Frauenanteil im Parlament aber nur auf 29,2 Prozent. 2016 waren es lediglich 24,5 Prozent. Damit belegt Baden-Württemberg im Bundesvergleich einen der hinteren Plätze. Spitzenreiter ist Hamburg, wo 43,9 Prozent der Parlamentarier Frauen sind.
Der Frauenanteil bei den Grünen beträgt 48,3 Prozent
In der Region Stuttgart gehören acht der neun direkt gewählten Frauen den Grünen an. „In meiner Fraktion werden in der kommenden Legislaturperiode 48,3 Prozent Frauen sitzen“, erzählt der Fraktionschef der Grünen Andreas Schwarz am Tag nach der Wahl – und klingt zufrieden: „Politik soll doch ein Abbild der Gesellschaft darstellen.“ Weil sie ihre eigene Sicht auf die Gesellschaft hätten und ihre eigenen Erfahrungen in den politischen Diskurs einbringen könnten, würden Frauen das politische Leben bereichern. „Natürlich haben wir auch wirklich tolle Kandidatinnen gehabt“, fügt Schwarz hinzu – wobei sich deren Erfolg nicht auf wenige Faktoren reduzieren lässt.
Vielmehr bietet sich ein sehr heterogenes Bild: Im Kreis Ludwigsburg etwa haben die Grünen vor der Wahl fast das gesamte Spitzenpersonal ausgetauscht. In der Folge haben sie mit Silke Gericke in Ludwigsburg und Tayfun Tok in Bietigheim-Bissingen zwei bisher eher unbeschriebene Blätter ins Rennen geschickt. Diese rechtfertigten mit beachtlichen Wahlergebnissen ihre Aufstellung. Im Kreis Esslingen wiederum zeigte sich, dass es sich auch lohnen kann, auf bewährte Kräfte wie Andreas Schwarz oder eben Andrea Lindlohr zu setzen.
Einziges Direktmandat der CDU erobert Nicole Razavi
Im Kreis Göppingen ist der Versuch der Grünen, mit frischen Gesichtern zu punkten, nur teilweise gelungen. Ayla Cataltepe hat es geschafft, die Donzdorfer Pfarrerin Khatinka Kaden (Grüne) wiederum musste sich der CDU-Konkurrenz geschlagen geben. Aber, und auch das ist bemerkenswert: Das einzige Direktmandat für die CDU hat in der Region eine Frau gewonnen. Mit Nicole Razavi kann die Partei nun wenigstens eine Frau als Direktkandidatin in den Landtag schicken. Ein solcher Erfolg ist keinem ihrer männlichen Parteifreunde vergönnt gewesen.
Auch bei den in der Region vergebenen Zweitmandaten machen die CDU-Frauen eine recht gute Figur. Die Göppinger CDU-Kreisvorsitzende Sarah Schweizer sammelte ebenso wie die Kirchheimerin Natalie Pfau-Weller und die Leonbergerin Sabine Kurtz so viele Stimmen, dass es am Ende zum Einzug ins Parlament reichte.
Der Frauenanteil in der CDU im Landtag beträgt damit in Zukunft 26,2 Prozent, sie belegt damit Platz zwei vor der SPD (15,8 Prozent) und der FDP (11,1 Prozent). Immerhin sind auch die SPD und die FDP in der Region Stuttgart mit jeweils einer Frau im kommenden Landtag vertreten: Für die SPD sicherte Katrin Steinhülb-Joos im Wahlkreis Stuttgart IV, für die FDP Julia Goll in Waiblingen das Zweitmandat für ihre Partei. Wie sagt doch Ayla Cataltepe: „Es könnten ruhig noch ein paar Frauen mehr werden.“