Der Kandidat der linken Opposition, Lee Jae-myung, liegt aktuell vorne. Foto: imago/NurPhoto

Der Aufstieg Südkoreas ist einmalig. Doch nicht nur die Beziehungen zu China und Nordkorea spalten das Land – wie die Präsidentschaftswahl zeigt.

Als Kim Hyoung-soo nicht mehr wusste, wie er sich Gehör verschaffen könne, zog er vor die Firmenzentrale seines Arbeitgebers, kletterte auf einen Masten und verharrt dort seit 79 Tagen unter einer Plastikplane. Nun, im Stadtzentrum von Seoul, befindet sich der 52-jährige Werftarbeiter auf Augenhöhe mit der Vorstandsetage des Hanhwa-Konzerns, der nebenan in einem gläsernen Büroturm untergebracht ist. Kims Ein-Mann-Demonstration mag außergewöhnlich erscheinen, sein Anliegen ist es nicht: Fast 40 Prozent aller Arbeitnehmer in Südkorea werden durch Subunternehmen beschäftigt. Sie verrichten dieselbe Tätigkeit wie ihre angestellten Kollegen, doch verdienen oft nur die Hälfte.

 

Am Dienstag werden die Kims des Landes auch über die politische Zukunft entscheiden. Dann wählen die Südkoreaner ein neues Staatsoberhaupt. Die vorgezogenen Neuwahlen sind aufgeladen: Der Urnengang besiegelt die Staatskrise, die der erzkonservative Ex-Präsident Yoon Suk Yeol Anfang Dezember auslöste, als er überraschend das Kriegsrecht ausrief – angeblich, um die freiheitliche Ordnung des Landes zu schützen.

Demonstranten verteidigten Demokratie

Damals stand die Demokratie Südkoreas für Stunden auf Messers Schneide. Hunderttausenden Demonstranten ist es zu verdanken, dass das Land nicht in autoritäre Zeiten zurückfiel. Doch gelöst sind die Probleme der Gesellschaft nicht. Der ostasiatische Tigerstaat hat in wenigen Generationen einen Aufstieg hingelegt: von Armut zur Hightech-Wirtschaft, von der Militärdiktatur zur lebhaftesten Demokratie Asiens und zur schillernden Kulturnation, deren Pop-Bands und TV-Serien weltweit begeistern. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Konkurrenz aus China bedroht die Wachstumsmotoren, Computerchips, Schiffsbau und Autoindustrie. Südkoreas niedrige Geburtenrate bremst das Wachstumspotenzial zusätzlich.

Auch Traumata der Vergangenheit wirken nach – die Gräuel der japanischen Kolonialzeit (1910-45), die weiter zu gesellschaftlichen Grabenkämpfen führen. Oder die Teilung der koreanischen Halbinsel und Bedrohung durch den nuklear aufgerüsteten Norden. Auch die Zeit der Militärdiktatoren ist omnipräsent. Ende der 1980er haben sich die Südkoreaner freie Wahlen erkämpft. Die Folter- und Verhörkammern, in denen Gewerkschafter und Aktivisten verschwanden, sind für viele gelebte Erinnerungen.

Kandidaten haben völlig gegensätzliche Weltbilder

Die gesellschaftlichen Turbulenzen offenbaren sich beim Urnengang. Zwei gegensätzliche Kandidaten stehen sich gegenüber: Der 73-jährige Kim Moon-soo, der als Studentenanführer mit dem Kommunismus sympathisierte, hat sich zu einem erzkonservativen Hardliner entwickelt. Gegen ihn tritt der linke Oppositionsführer Lee Jae-myung (60) an, als Jugendlicher in Fabriken ausgebeutet und später Menschenrechtsanwalt. Überschneidungen gibt es kaum: Der rechte Kim stellt den Unternehmen Deregulierung in Aussicht, will einen harten Kurs gegenüber China und zur Selbstverteidigung taktische Nuklearwaffen der USA nach Südkorea holen. Der linke Lee verspricht, den Sozialstaat auszubauen, die Energiewende zu beschleunigen und Annäherung an Peking und Pjöngjang zu forcieren.

Einst Kommunismus-Sympathisant, heute erzkonservativ: Präsidentschaftskandidat Kim Moon-soo. Foto: imago/NurPhoto

„Ich bin sehr besorgt über die Polarisierung in Südkorea“, sagt Heo Jin-jae vom Meinungsumfrageinstitut Gallup. In den Umfragen führt Herausforderer Lee Jae-myung mit 51 Prozent, Kim Moon-soo kommt auf 40 Prozent Zustimmung – während das linke Lager geeint ist, tritt das zerstrittene konservative Lager mit zwei Kandidaten an. Lee Jun-seok ist der „Bad Boy“ des Wahlkampfes. Mit Charme und unkonventionellen Ideen inszeniert sich der 40-Jährige als Mischung aus Emmanuel Macron und Elon Musk. Doch auch der Startup-Grüner polarisiert mit seiner konfrontativen Rhetorik etwa gegen Feministen. „Das Problem junger Männer, die Feminismus hassen, ist in den letzten Jahren immer größer geworden“, sagt die 22-jährige Studentin Young-eun. Deprimierend finde sie es, dass es keine weibliche Kandidatin gibt. In keinem OECD-Staat ist der Gender-Pay-Gap höher als in Südkorea, bei Gewaltverbrechen sind Frauen überproportional Opfer, die Vorstandsetagen großer Unternehmen sind zu knapp 15 Prozent weiblich.

Gleich also, wer am Dienstag die Wahl gewinnen wird – eines wird er kaum schaffen: dieses Land zu einen.