Der Renninger Bürgermeister Wolfgang Faißt (Mitte) und seine Nachfolge-Kandidaten Melanie Hettmer und Ulf Sieglitz. Foto: Simon Granville

Nur zwei wollen in Renningen auf den Chefsessel, im Rathaus. Das ist ein fatales Signal, meint unser Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.

In einer guten Woche haben die Menschen in Renningen die Wahl: Wer soll ihr neues Stadtoberhaupt werden? Die Auswahl indes ist deutlich begrenzter, als das die Führungsposition in einer aufstrebenden 18 000-Einwohner-Stadt nahelegen möchte. Mit Melanie Hettmer und Ulf Sieglitz gibt es lediglich zwei Bewerber. Noch nicht einmal die üblichen von Gemeinde zu Gemeinde tingelnden Spaßkandidaten sind dabei.

 

Letzteres ist kein Verlust. Doch zu denken geben muss die Tatsache, dass nicht mehr ernst zu nehmende Interessenten den Hut in den Ring geworfen haben. Dabei wäre Renningen mit einem beachtlichen Wirtschaftsumfeld, einem Bahnknotenpunkt und einem stetig wachsenden Wohnquartier ein hochinteressantes Umfeld – sowohl für gestandene Kommunalpolitiker wie auch für Durchstarter am Karriereanfang.

Gewiss: Die Position des Bürgermeisters hat nicht nicht mehr so viel mit jener unangefochtenen Respektsperson vergangener Jahrzehnte zu tun, in der der Schultes – gleich ob auf dem Dorf oder in der Stadt – eine regentenartige Position hatte.

Formal ist dies allerdings der Fall: Der Bürgermeister ist Chef der Verwaltung, Vorsitzender des Gemeinderates und quasi keiner anderen Amtsperson Rechenschaft schuldig. Diese starke Stellung wird in diesen Monaten in Leonberg deutlich, wo der Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) seine Stellvertreterin Josefa Schmid (FDP) seit Juni des vergangenen Jahres kaltgestellt hat. Der Gemeinderat war im Vorfeld noch nicht einmal informiert. Das Regierungspräsidium als Kommunalaufsicht sagt, dass ein Verwaltungschef durchaus so handeln kann.

Das Interesse an den beiden Bürgermeister-Kandidaten ist in der Renninger Rankbach-Galle sehr groß. Foto: Simon Granville

Das Beispiel zeigt die Machtfülle, die ein Bürgermeister hat. Auf der anderen Seite sind viele aus der Zunft Watschenmänner- und Frauen für alles uns jeden – in einer Zeit, in der die Partikularinteressen überhandnehmen und der Gemeinsinn zusehends bröckelt. Im Gegensatz zum Bundeskanzler und den meisten Ministern bekommen Bürgermeister den Verdruss des Volkes unmittelbar mit; sei es auf einem Fest, auf der Straße oder beim Bäcker. Diese Art der Bürgernähe hat natürlich Vorteile: Die Verantwortlichen erfahren auf direktem Weg von Problemen. Wenn es denn echte Missstände sind und eben keine Befindlichkeiten individueller Ausprägung.

Ein Sparkassen-Chef hat oft mehr

Durchaus möglich, dass sich nicht wenige von solchen Erwägungen leiten lassen, wenn sie über eine eigene Kandidatur nachdenken. Zumal die Bezahlung längst nicht so üppig ist, wie es landläufig verbreitet ist. Viele Sparkassen-Direktoren bringen mehr nach Hause als ihr Verwaltungsratsvorsitzender, den der Landrat oder Bürgermeister stellt.

Dennoch ist es ein fatales Signal, dass, wie jetzt in Renningen, nur zwei Menschen kandidieren. Dass diese beiden höchst unterschiedlich geartet sind, dürfte die Wahl erleichtern. Doch etwas mehr Vielfalt wäre wünschenswert und sinnvoll gewesen.

Mit diesen Bemerkungen soll nicht in das allgemeine Wehklagen über den vorgeblichen Niedergang unserer Demokratie eingestimmt werden. Denn die ist auch nach den Wahlen im Osten stabil. Vielmehr sollten in diesem Fall die Bundespolitiker endlich Konsequenzen aus der Vertrauenskrise in die demokratischen Parteien ziehen. Die hat unter anderem damit zu tun, dass die Kommunen von der Bundes- und Landespolitik deutschlandweit zusehends alleine gelassen werden.

Vertrauen kann aber auch und gerade vor Ort hergestellt werden. Dafür brauchen die Handelnden ein starkes Wählervotum, das mit einer hohen Wahlbeteiligung beginnt.