Die Eröffnung des Marstalls: Ohne Werner Spec (Mitte) wäre das nicht möglich gewesen. Foto: factum/Archiv

Seit 2003 ist Werner Spec Oberbürgermeister – und hat in dieser Zeit der Stadt seinen Stempel aufgedrückt. Was hat er erreicht? Und was nicht? Geprägt war die Amtszeit zuletzt vor allem von Konflikten .

Ludwigsburg - Am 1. Februar 2018, an seinem 60. Geburtstag, ließ Werner Spec die Katze aus dem Sack – und erklärte, dass er eine dritte Amtszeit als OB in Ludwigsburg anstrebt. Heute sagt er: „Meine Kandidatur ist ein Angebot.“ Er könne sich auch vorstellen, künftig etwas ganz anderes zu machen. Ist das Understatement, um im Fall einer Niederlage das Gesicht zu wahren? Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass der ehrgeizige Spec die Wahl am 30. Juni gewinnen will. Noch hat sich kein Gegenkandidat aus der Deckung getraut, und aus dem konservativen Lager hat der Amtsinhaber nichts zu befürchten. Den Freien Wählern ist Spec eng verbunden, unlängst wurde er sogar Mitglied der Wählergemeinschaft. Und die CDU steht, trotz einzelner Konflikte, weitgehend hinter Spec. „Er hat in den vergangenen 16 Jahren hervorragende Arbeit gemacht“, sagt der Fraktionschef Klaus Herrmann.

 

Was hat der OB tatsächlich erreicht?

Weniger einverstanden mit dem OB ist man im grünen und im linken Lager, das zumindest mit dem Gedanken spielt, einen Gegenkandidaten zu unterstützen. „Es wird gerade viel über dieses Thema geredet, und da nehme ich uns nicht aus“, sagt Michael Vierling, der Vorsitzende der Grünen-Fraktion. Aber erst müsse sich eben jemand finden, der gegen Spec antreten will. Selbstbewusst sind die Grünen jedenfalls. Für die Kommunalwahl haben sie das Ziel ausgegeben, stärkste Fraktion zu werden. Bei der OB-Wahl aber, die knapp fünf Wochen später stattfindet, spielt Parteipolitik für die Wähler eine untergeordnete Rolle. Entscheidend wird die Frage sein: Was hat Spec tatsächlich erreicht für Ludwigsburg?

Thema Wirtschaft

Ludwigsburg geht es gut. Die Zahl der Einwohner steigt, die Zahl der Arbeitsplätze ebenfalls, der Einzelhandel floriert, die Steuern sprudeln. Für Mittelständler, für kleine und große Firmen ist die Barockstadt ein attraktiver Standort. Natürlich ist das nicht allein das Werk eines Oberbürgermeisters, denn Ludwigsburg liegt in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas, das hilft. Aber Spec hat die Ansiedlung von Firmen zur Chefsache erklärt, und er hat damit Erfolg.

Global Player wie Bosch und Porsche haben in der Stadt Tochtergesellschaften gegründet, die neue Strategien entwickeln sollen, etwa zur Zukunft der Mobilität. Auf diesem Weg sind zukunftssichere Arbeitsplätze entstanden. Es muss für das Rathaus also vor allem darum gehen, den Wohlstand zu wahren und beste Bedingungen für die Wirtschaft zu schaffen. Das gelingt.

Thema Lebensqualität

Die Stadtgesellschaft ist intakt, das bürgerschaftliche und ehrenamtliche Engagement ist groß, die Kriminalität vergleichsweise gering, soziale Brennpunkte im klassischen Sinn gibt es nicht. Und die Atmosphäre hat sich seit 2003 verändert, viele werden sagen: verbessert. Aus der Soldatenstadt wird zunehmend eine beliebte Studentenstadt. Die Filmakademie kam vor Spec nach Ludwigsburg, aber die Gründung der Theaterakademie hat er wesentlich gefördert, mit dem Akademiehof erhielt die City urbanes Flair. Die Arena und das Ludwigsburg-Museum stärken die lebendige Kultur- und Sportszene, zuletzt wurde das Scala-Theater saniert.

Insgesamt ist Ludwigsburg also eine Stadt, in der es sich gut leben lässt. Auch das ist nicht allein Spec zu verdanken, aber mit einer Verwaltung, die schlecht arbeitet, wäre eine derartige Erfolgsgeschichte kaum möglich. Spec selbst sagt dazu, ihm sei es gelungen, „die gute Entwicklung mit guten Impulsen weiter voranzubringen“. Das Problem ist: Der Erfolg hat Schattenseiten, birgt neue Herausforderungen – und bislang hat Spec nicht nachgewiesen, dass er auch diese meistern kann.

Thema Verkehr

Das Megathema. Eine boomende Wirtschaft bedeutet: Verkehr. Stau. Luftverschmutzung. Was tun? Der Dauerstreit um die Stadtbahn zwischen Spec und dem Landrat Rainer Haas wird in die Ludwigsburger Geschichte eingehen, der OB spielte dabei nach Ansicht vieler Beobachter keine überzeugende Rolle. Er hat versucht, die Bahn zu verhindern und wollte allein die Schnellbusse, den BRT, durchdrücken. Herausgekommen ist ein Kompromiss, erst Busse, dann die Bahn. Ob der BRT wirklich so innovativ ist und Autofahrer zum Umstieg auf den ÖPNV motiviert, muss sich erweisen. Daran wird Spec jetzt gemessen.

Vor allem die Grünen und die SPD werfen ihm vor, es gehe ihm bei der Einführung der elektrischen Schnellbusse, die es in dieser Form in Deutschland noch nirgends gibt, weniger um die Lösung der Verkehrsprobleme, sondern darum, ein weiteres Leuchtturmprojekt an Land zu ziehen. Gegen den Stau hätte wohl schon geholfen, mehr normale Busse auf die Straßen zu bringen. An der Schraube hat die Stadt kaum gedreht, und von Spec war, außer dem Lamento, wenig zu hören in dieser Angelegenheit. Wenig getan hat sich beim Ausbau des Radwegenetzes. Das ist nicht die Schuld des Oberbürgermeisters, Teile des Gemeinderats drücken auf die Bremse. Aber es drängt sich insgesamt nicht der Eindruck auf, dass an den Radwegen mit Hochdruck gearbeitet wird.

Verkehr und Streit – diese Kombination hat die zweite Amtszeit von Spec überlagert. Zumindest den Versuch hat er gewagt, ein Uralt-Problem zu lösen: Spec will die B 27 tieferlegen lassen, die das Schloss von der City abschneidet. Um Fördermittel zu bekommen, hat sich die Stadt um eine Landesgartenschau beworben, aber keinen Zuschlag erhalten. Vielleicht wird es ja noch.

Thema Wohnen

Spec und die einflussreichen Bauträger liegen im Clinch. Die Unternehmen sind sauer, weil die städtische Wohnungsbaugesellschaft (WBL) unter der Ägide des Oberbürgermeisters mächtig geworden ist und mehr Eigentumswohnungen baut – ein lukratives Geschäft. Spec begründet seine Strategie damit, dass die WBL das Geld benötige, um mehr preisgünstigen Wohnraum zu schaffen – das hätten die Privatunternehmen versäumt. Außerdem hat die Stadt die Regeln bei der Vergabe von Grundstücken verschärft, um zu verhindern, dass in Neubaugebieten nur Luxusimmobilien entstehen. Sagt Spec.

Die Bauträger halten diese Aussage für eine Schutzbehauptung. Sie werfen dem OB vor, er nutze die WBL, um Gewinne für die Stadt abzuschöpfen. Für die Bevölkerung ist etwas anderes entscheidend: Die Methode hat bislang kaum einen Effekt. Insgesamt wird in Ludwigsburg zu wenig gebaut, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Die Folge ist, dass Immobilien immer teurer werden und Mieten ständig steigen. Spec verweist darauf, dass man in diesem Punkt „einen langen Atem braucht“ und demnächst mehrere Baugebiete auf den Markt kämen. Eine Trendwende ist das jedoch noch nicht.

Analog zur WBL sind unter Spec die Stadtwerke (SWLB) gewachsen, am meisten Furore machte die Übernahme des Stromnetzes von der EnBW. Der Deal kostete Dutzende Millionen, aber seither bekommen die SWLB Geld von allen Stromanbietern, die das Netz nutzen. Es zeichnet sich ab: Das wird sich langfristig rentieren. Ebenfalls wegweisend ist, dass die Stadtwerke gerade flächendeckend Glasfaser verlegen. Außerdem will Spec, dass die SWLB sich auch beim Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes engagieren. Dahinter steckt der Gedanke, dass die öffentliche Hand in der Pflicht ist, eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur zu schaffen. Denn diese, sagt Spec, werde zunehmend zum entscheidenden Standortkriterium für Firmen.

Thema Flüchtlinge

Die Kommunen müssen dafür sorgen, anerkannte oder geduldete Asylbewerber unterzubringen – eine große Herausforderung, die Ludwigsburg gut gemeistert hat. Auch wenn die Stadt stellenweise von dieser Linie abrücken musste: Die meisten Flüchtlinge wurden dezentral untergebracht, was die Integration erleichtern soll und wird. Manchmal knirschte es in der Kommunikation mit Anwohnern, wenn irgendwo ein Heim geplant wurde. Was Proteste nach sich zog, die sich direkt gegen den OB und die Verwaltung richteten.

Nicht immer waren die Gründe für den Widerstand rational nachvollziehbar. Hin und wieder trat unterschwellig Rassismus zutage. Wann immer das der Fall war, bezog Werner Spec Position, warb für Integration, Offenheit, sprach sich gegen Nationalismus und Hass aus. Das verdient Respekt.

Thema Bildung

Für die Lehrpläne sind die Kommunen nicht zuständig, wohl aber für die Schulgebäude. In Ludwigsburg wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Schulen modernisiert, um- oder neugebaut, die größten Vorhaben: der Aufbau einer Gemeinschaftsschule und die Kernsanierung des Goethe-Gymnasiums. Auch in den Teilneubau des Bildungszentrums West werden Unsummen fließen. Das alles sind keine Sachen, mit denen ein Oberbürgermeister glänzen kann. Aber es muss gemacht werden, und die Verwaltung macht es. 120 Millionen hat sie in den vergangenen zehn Jahren in Bildung und Betreuung investiert.

Viel Geld fließt auch in zusätzliches Kita-Personal. Denn heute haben auch Kinder im Alter unter drei Jahren Anspruch auf Betreuung. Auch hier gilt: Die Stadt mit ihrem Oberhaupt Spec tut, was sie kann, auch wenn längst nicht alles perfekt ist. Das ist es anderswo auch nicht.

Thema Stadtentwicklung

Ein Vorhaben ragt heraus. Spec hat federführend an der Wiederbelebung des Marstallcentersmitgewirkt. Er ließ eine städtische Tochtergesellschaft die marode Immobilie kaufen, um sie an die Projektentwickler der ECE weiter veräußern zu können. Ungewöhnlich, aber es hat geklappt. Die ECE sanierte die Mall, die jetzt wieder täglich Tausende Kunden anlockt. Ludwigsburg machte bei dem Deal sogar finanziellen Gewinn, der in die Aufwertung des Umfelds floss. Die lange vernachlässigte Untere Stadt scheint die Trendwende zu schaffen, am Reithausplatz ist wieder Leben eingekehrt – und schöner als früher ist es dort jetzt auch.

Das nächste Großprojekt ist wieder eines, über das nur geredet wird, und auch das schon ziemlich lange: der Umbau von Schiller- und Arsenalplatz. Das Ziel: weniger Autos, mehr Aufenthaltsqualität. Spec galt als Verfechter dieser Vision, doch zuletzt wurde seine Position unscharf, als er sich dafür einsetzte, vorerst einen Teil der Parkplätze auf dem Arsenalplatz zu erhalten. Warum? Kritiker sagen, er wolle damit die Freien Wähler besänftigen, die traditionell um jeden Parkplatz kämpfen. Für die Wählervereinigung will Spec in den Kreistag einziehen.

Auch bei weiteren Vorhaben sind Fortschritte allenfalls in homöopathischen Dosen erkennbar. Ein neues Silicon Valley soll aus dem Gewerbegebiet Weststadt werden, hat Spec vor Jahren verkündet. Tatsächlich ist für den Fortschritt aber vor allem der Unternehmer Max Maier verantwortlich, der dort in großem Stil alte Industriehallen aufgekauft hat, um sie an Porsche oder Bosch zu vermieten. Regelmäßig klagt Maier, dass von städtischer Seite zu wenig voran gehe. „Das sieht hier noch immer aus wie ein normales Industriegebiet“, sagte Maier schon Ende 2017, und seither hat sich wenig geändert.

Wohlfühlbahnhof – auch das ist ein Begriff, den Spec geprägt hat. Der Ludwigsburger Bahnhof, ein eher unwirtlicher Ort, soll schöner werden, übersichtlich. Zu sehen ist davon nichts. Immerhin: Die Planungen für die Umgestaltung des Umfelds werden langsam konkret.

Werner Spec hat sicher Recht, wenn er sagt, dass Vorhaben „dieser Größenordnung Zeit brauchen“. Mit seiner Wortwahl allerdings weckt er große Erwartungen, und wenn es dann länger dauert als gedacht, drängt sich der Eindruck auf: In Ludwigsburg wird mehr geredet als getan.

Ein Mann, viele Stationen

Werdegang Werner Spec, 61, ist in Sigmaringen geboren, wo er nach seinem Studium auch im Ordnungsamt arbeitete. Von dort wechselte er als Kämmerer nach Ulm, dann als Finanzbürgermeister nach Calw, wo er 1999 schließlich OB wurde. Spec hat vier Kinder aus erster Ehe und vier Enkel, er war vier Mal verheiratet.

Amt Auf keinem seiner früheren Posten war Spec so lange wie in Ludwigsburg, wo er 2003 OB wurde. Bei der Wahl zu seiner zweiten Amtszeit gingen nur noch 20,2 Prozent der Bürger zur Urne. Der Diplom-Verwaltungswirt war oft für höhere Ämter gehandelt worden. Bis 2014 saß er für die CDU im Regionalparlament, nun ist er Freier Wähler.

Fortsetzung Teil 2 der Analyse folgt am Dienstag: Darin widmen wir uns dem Umgangston, der unter Oberbürgermeister Spec im Rathaus und im Gemeinderat Einzug gehalten hat – und spüren Fragen nach: Wie nah ist das Stadtoberhaupt an den Bürgern? Und: Ist er wirklich der große Macher, als den er sich gerne sieht?