Die Leichtathletik-Stars Gina Lückenkemper und Niklas Kaul glänzen bei der Sportlerwahl, gegen ihre EM-Goldmedaillen verblassen alle Erfolge bei den Winterspielen. Diskussionen löst aber vor allem der Triumph von Eintracht Frankfurt aus. Selbst Präsident Peter Fischer hätte anders entschieden.
Es gibt Momente für die Ewigkeit. Aber auch Zeiten, über die man nur ungern spricht. Manchmal kommt beides zusammen. Gina Lückenkemper und Niklas Kaul strahlten mit den Scheinwerfern um die Wette, als sie sich nach ihrem Triumph bei der Sportlerwahl den Fragen der Journalisten stellten. Prompt wurden sie daran erinnert, dass es 2022 für die deutsche Leichtathletik nicht immer rund gelaufen ist. Nach der WM im Juli in Eugene übten die Medien herbe Kritik („Desaster“, „erbärmliches Bild“, „Masse statt Klasse“). „Da mussten wir richtig einstecken, das war teilweise zu hart“, sagte Lückenkemper, die Sportlerin des Jahres. Und Kaul, der Sportler des Jahres, meinte: „Natürlich ist in der deutschen Leichtathletik nicht alles perfekt, aber wir sind noch längst nicht tot gewesen.“
Insofern musste im Kurhaus in Baden-Baden auch keine Auferstehung gefeiert werden. Ein bemerkenswertes Lebenszeichen war der Ausgang der Wahl aber allemal. Und zugleich eine Erinnerung an ein Ereignis, das keiner der Beteiligten so schnell vergessen wird.
Sieg dank Hechtsprung
Trotz der Olympischen Winterspiele in Peking und trotz der Fußball-WM in Katar: Aus deutscher Sicht waren die European Championships im August in München das emotionalste Sportfest des Jahres – mit 4000 Teilnehmern aus 50 Nationen, neun olympischen Sportarten, 175 EM-Entscheidungen, knapp 1,5 Millionen Besuchern, vielen deutschen Medaillen. Und mit zwei herausragenden Leichtathletik-Stars.
Gina Lückenkemper (26) gewann das 100-Meter-Finale dank eines Hechtsprungs ins Ziel, lag fünf Tausendstel Sekunden vorne und mit einer großen Risswunde am Boden. Der tiefe Schnitt wurde mit acht Stichen genäht, drei Tage später holte sie mit der Sprintstaffel erneut EM-Gold. „Wenn ich daran zurückdenke, bekomme ich immer noch Gänsehaut“, sagte Lückenkemper, „München war der absolute Wahnsinn.“ Da konnte Niklas Kaul (24) nicht widersprechen.
Kaul: „Die Stimmung in München hat mich getragen“
Der Zehnkämpfer, schon nach dem WM-Titel 2019 zum Sportler des Jahres gekürt, lag vor den letzten zwei Disziplinen 597 Punkte hinter dem Schweizer Simon Ehammer. Die Lage schien aussichtslos. Doch Kaul startete, angetrieben von den Fans, im Speerwerfen und 1500-Meter-Lauf eine unfassbare Aufholjagd, holte sich sensationell noch den Sieg. „Die Stimmung in München hat mich getragen, ich habe so etwas noch nicht erlebt“, sagte Kaul, „und ich kann mir nicht vorstellen, so etwas noch einmal zu erleben.“ Beeindruckt von der Atmosphäre waren offenbar auch andere.
Denn gewählt haben die Sportler des Jahres 900 Mitglieder des Verbands Deutscher Sportjournalisten (VDS). Sie gewichteten die EM-Titel von Lückenkemper (Halbfinal-Aus bei der WM) und Kaul (WM-Sechster) höher als das WM-Gold von Weitspringerin Malaika Mihambo (2.), höher als die Olympiasiege von Rodlerin Nathalie Geisenberger (3.) und Biathletin Denise Herrmann (4.), höher als Olympia-Gold von Kombinierer Vinzenz Geiger (2.), höher als die zwei WM-Titel und weiteren drei Medaillen von Schwimmer Florian Wellbrock (3.). Zu Recht? Darüber gingen die Meinungen auseinander.
Olympiasieger gehen leer aus
„Die Leidenschaft, die Lückenkemper und Kaul bei der EM transportiert haben, war aus den Olympischen Winterspielen in Peking nicht herauszuholen“, meinte VDS-Präsident André Keil, „und es ist nun mal eine freie Wahl.“ Mit der nun auch Vinzenz Geiger leben muss: „Die European Championships haben alles überstrahlt, sie wurden einfach anders wertgeschätzt als die Spiele in China mit all ihren Restriktionen. Krass finde ich, dass die Langlauf-Mädels nicht mal unter den ersten drei waren.“
Noch nie in der Geschichte der Sportlerwahl war in einem Jahr mit Sommer- oder Winterspielen die Riege der Olympiasieger komplett leer ausgegangen. Bei den Mannschaften verpassten Katharina Hennig und Victoria Carl (Gold im Teamsprint) diesmal als Fünfte ebenso das Podium wie das viertplatzierte Bob-Team Francesco Friedrich (Doppel-Gold). Dafür triumphierte Europa-League-Sieger Eintracht Frankfurt vor den Leichtathletik-Sprinterinnen und dem Fußball-Nationalteam der Frauen. „Ich bin enttäuscht, dass keine Wintersportler ganz oben auf dem Podest stehen“, sagte Ex-Bahnradfahrerin Kristina Vogel, „was soll man noch mehr machen, als Olympiasiege zu holen?“ So sah es auch ein Ex-Boxweltmeister: „Olympische Spiele haben den größten Stellenwert“, meinte Sven Ottke, „mir fehlt jegliches Verständnis, wenn es Doppel-Olympiasieger nicht mal unter die ersten drei schaffen.“ Auch Katharina Hennig zeigte sich verwundert: „Der Wintersport ist trotz der wunderbaren Leichtathletik-EM hier definitiv unterrepräsentiert. Es wäre schön gewesen, wenn die Olympiasiege mehr gewürdigt worden wären, und da spreche ich nicht nur für mich.“ Niklas Kaul äußerte Verständnis für die Enttäuschten: „Für die Wintersportler tut es mir einfach leid.“
Peter Fischer steht alleine auf der Bühne
Dazu passte, dass Peter Fischer zwar gewohnt emotional auftrat – der Präsident von Eintracht Frankfurt aber ganz alleine auf der Bühne stand. Ohne Spieler, ohne Trainer, ohne Betreuer. Als mangelnden Respekt seines Teams wollte er das zwar nicht ausgelegt wissen, er sagte aber trotzdem: „Ich habe kein Tor geschossen, komme mir deshalb vor wie ein Trottel. Ich hätte die Fußballerinnen gewählt.“ Der Stimmung im Kursaal hätte ein Sieg der Vize-Europameisterinnen nicht geschadet, sie waren in Teamstärke vertreten. Die Diskussion über den Stellenwert eines Olympiasiegs hätte es zwar trotzdem gegeben. Vielleicht aber nicht ganz so heftig.