Matthias Klink (Mime) und Daniel Brenna (Siegfried) vor Fafners Höhle Foto: Staatsoper/Martin Sigmund

Die Staatsoper Stuttgart setzt ihren „Ring des Nibelungen“ fort: mit einer „Siegfried“-Inszenierung, die zwar schon 23 Jahre alt ist, aber immer noch ungemein spannend und immer wieder sogar umwerfend komisch.

Lächelnd, ja laut lachend verlässt das Publikum am Sonntagabend das Stuttgarter Opernhaus. Dabei hat es gerade einen langen Abend mit Wagner überlebt, der schon am Nachmittag begann. Und dann noch „Siegfried“, das vielleicht schwierigste der vier Werke im „Ring des Nibelungen“, ein Stück mit wenig Handlung und mit elend langen Dialogen. Allein der Fragemarathon im ersten Akt ist gemeinhin eine Gähnnummer, und bis im letzten Akt die frisch Verliebten Siegfried und Brünnhilde einander zu den vielsagenden Worten „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ in die Arme fallen, sind in der Regel gut vier Stunden Musiktheater fast ohne Spannung und am Ende auch ohne Erotik vergangen.

 

Nicht jedoch hier. 1999 haben Jossi Wieler und Sergio Morabito das „Ring“-Projekt des damaligen Stuttgarter Intendanten Klaus Zehelein um Wagners „Siegfried“ bereichert, und plötzlich war das lyrische Stück ein Thriller. Wotan setzt Mime die Pistole an die Schläfe (so einfach kann das gehen), und plötzlich gewinnt der erste Akt eine existenzielle Dimension. Es folgt die ungemein spannende Geschichte eines jungen Mannes, der in die Welt zieht, um herauszufinden, wer er ist – und dabei erstmals der Liebe begegnet. Die Inszenierung ist so klug, so feinsinnig und dabei so unterhaltsam, dass der Intendant Viktor Schoner sie jetzt in den neuen „Ring“ der Staatsoper integrierte: als Verneigung vor seinem inszenierenden Vorgänger wie vor der Tradition des Stuttgarter Hauses, aber auch als Teil eines Konzepts, das Zeheleins Idee eines postmodern durchbrochenen Erzählkonzeptes weitertreibt, indem es die vier Teile gleich sechs Regieteams anvertraut. Die Integration einer „historischen“ Inszenierung fügt dem nun eine zusätzliche Brechung hinzu.

Figuren ohne Patina, Analysen von zeitloser Gültigkeit

Hat man den Maschendrahtzaun vor der Neidhöhle in zeitlicher Nähe zum Mauerfall anders gesehen als heute? Und scheinen in den fast ein Vierteljahrhundert alten Bildern noch Themen unserer Tage auf? Die erste Antwort: nein. Die zweite: ja. Anna Viebrocks multidimensionale Räume wie auch die Figuren, die uns Jossi Wieler und Sergio Morabito mit viel psychologischem Gespür nahebringen, haben keine Patina angesetzt. Die szenischen Analysen sind von zeitloser Gültig- und Eindringlichkeit, und dem arbeitet auch das von Cornelius Meister mit straffen Tempi geführte, in der Summe sehr präzise spielende Staatsorchester zu. Details werden liebevoll ausmusiziert, aber nicht überbetont, und die dynamische Balance mit den Sängern gelingt ebenso gut wie jene zwischen perlendem Parlando und aufblühender Emphase.

Der erste Akt: Ein pubertierender Jugendlicher sucht nach seiner Identität, tobt wild, widersetzt sich dem zickenden Ziehvater und sucht doch immer wieder verzweifelt dessen Nähe. Der zweite: Siegfried findet Frieden nur im Sieg, und der ist blutig. Er wird zum zweifachen Mörder. Und schließlich, Akt drei: die Begegnung mit der Liebe, zwingend gepaart mit der Angst, sich zu öffnen und also verwundbar zu sein. Daniel Brenna, schon bei der Wiederaufnahme des Stücks 2014 dabei, poltert und wütet als Siegfried mit so glaubhaftem Ungestüm, dass man ihm manches stimmliche Ungefähr gerne nachsieht. Matthias Klink als Mime schnippelt Kartoffelsalat und kocht Vanillepudding für den Helden. Diese Figur, bei der das Böse immer lächelnd im Hintergrund lauert, wird hier zur Charakterstudie. Stimme und Spiel fließen hier ineinander: Klink ist ein Musiktheaterglücksfall.

Simone Schneider als Brünnhilde ist das Sängerereignis des Abends

Der erste Akt ist auch deshalb ungemein spannend, weil es hier extrem körperlich zugeht. Dafür hat auch Jörg Behr gesorgt, der die szenische Leitung der Neueinstudierung übernahm, und dafür sorgt auch Tommi Hakala als exzellenter Wanderer-Wotan.

Im zweiten Akt gibt David Steffens einen Fafner mit sicherer, betörender Basstiefe. Stine Marie Fischers samtener Alt adelt die Erda, die neben den leeren Kinderbetten der Walküren in einem abgewrackten Waschkeller lebt (und von Wotan leider erwürgt wird). Beate Ritters lichter Sopran lässt das Waldvöglein wundervoll flattern, und wer das Regieduo kennt, kann es kaum für einen Zufall halten, dass das Tierchen hier dem Helden als Wegweiser dient, obwohl es blind ist wie weiland der antike Seher Teiresias: Mit ihm flattert Siegfried zu Brünnhilde und erlebt seine sexuelle Initiation ebenfalls als Paradoxon – von Sehnsucht und Verweigerung, Annäherung und Entfernung, Lust und Angst. Simone Schneider singt die Walküre mit klarem Strahl, sehr fokussiert, sehr genau, extrem farbreich, dabei sehr schlank. Sie ist das Stimmereignis des Abends, und die Raffinesse, Doppelbödigkeit wie der Witz des unsicheren Wechselspiels von Nähe und Distanz zwischen ihr und dem jungen, verdreckten Waldmenschen verdanken sich der lebendigen Personenführung ebenso wie der Reibung mit dem Raum, einem steril-schicken Boudoir. Dass die Geschichte nicht gut ausgeht, kann man hier zwar schon ahnen (und weiß es natürlich ohnehin). Aber erst einmal darf man lachen. Über „Siegfried“! Allein das ist schon den Besuch dieser neuen alten Inszenierung wert.

Infos

„Siegfried“
 Wieder am 9., 15., 23. Oktober und 1. November. Karten: 07 11 / 20 20 90 und www.staatsoper-stuttgart.de

„Götterdämmerung“
 Der „Ring des Nibelungen“ endet mit der „Götterdämmerung“ (Premiere am 29. Januar). Regie: Marco Storman, Dirigent: Cornelius Meister. Mit Daniel Kirch (Siegfried), Shigeo Ishino (Gunther), Patrick Zielke (Hagen, Alberich), Christiane Libor (Brünnhilde), Esther Dierkes (Gutrune), Stine Marie Fischer (Waltraute).

„Ring“ komplett
Wagners gesamter Zyklus wird am 3./4./8./10. März und am 5./6./8./10. April in Stuttgart gezeigt.