Die Fokussierung auf ihr Äußeres ärgert Sahra Wagenknecht Foto: dpa

Alle reden vom Kapitalismus. Aber die Linke profitiert nicht von der Occupy-Bewegung.

Stuttgart - Sahra Wagenknecht wandert derzeit von einer Talkshow in die nächste. Auch in ihrem neuen Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ gibt sie sich massentauglicher als früher. Die Umfrageergebnisse der Partei Die Linke bleiben trotzdem im Keller.


Frau Wagenknecht, es gibt ja Menschen, die sich eilig bekreuzigen, wenn sie nur Ihren Namen hören. Stört es Sie, dass Sie nach wie vor für viele als ein Gespenst des Kommunismus gelten?

(Lacht) Da hat sich viel verändert. Manche haben noch Vorbehalte. Aber ich glaube, wer sich mit meinen Büchern und Äußerungen wirklich befasst, hat keinen Grund, sich zu bekreuzigen . . .

Verletzt Sie das?
Das kommt darauf an. Wenn ich in politischen Diskussionen mit solchen Reaktionen konfrontiert werde, habe ich oft das Gefühl, die anderen haben einfach Angst vor meinen Argumenten und versuchen so zu punkten. Bei Menschen, die ich sonst treffe, bemühe ich mich, solche Vorurteile auszuräumen.

Warum will es Ihnen trotzdem nicht gelingen, das Image der ewig Gestrigen abzustreifen?
Ich glaube schon, dass das gelingt. Ich sehe das etwa an Reaktionen auf Talkshows, in denen ich auftrete. Erstaunlich viele Menschen schreiben mir neuerdings, dass sie bei der letzten Wahl sogar noch CDU oder FDP gewählt haben und jetzt meine Vorschläge für die einzig vernünftigen halten: die Abkopplung der Staaten von den Finanzmärkten und damit endlich Unabhängigkeit vom Terror der Ratingagenturen und der Investmentbanker.

Stört es Sie oder schmeichelt es Ihnen, dass Ihr Aussehen immer wieder thematisiert wird?
Es ist natürlich schön, Komplimente zu hören, was mich jedoch ärgert, ist die Fokussierung auf mein Äußeres, weil es auch davon zeugt, dass mit Frauen immer noch anders umgegangen wird als mit Männern. Ich will nicht, dass nur über meine Frisur oder mein Outfit diskutiert wird, sondern über das, was ich inhaltlich vertrete. Man muss meine Auffassungen nicht teilen, aber mein Anspruch ist, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt.

In Ihrem Buch beklagen Sie, dass Unternehmensmanager für Pleiten, die sie verursachen, nicht die Konsequenzen tragen müssen. Warum gilt das nicht auch für Staatsregierungen?
Griechenland ist pleite. Die Rechnung zahlen jetzt aber nicht die, die das zu verantworten oder von Steuerbefreiung und hohen Rüstungsausgaben profitiert haben, sondern die griechische Bevölkerung. Die Armut wächst, die Wirtschaft wurde in eine tiefe Krise ­hineingetrieben. Und die Schulden steigen weiter. Der Schuldenschnitt, der jetzt gemacht wurde, ist viel zu zaghaft, weil er vom Goodwill der Banken abhängig gemacht wurde. Das ist der falsche Weg.

Sondern?
Wenn man die Schuldenlast verringern will, braucht es einen kräftigen Schuldenschnitt zulasten der privaten Banken, Hedgefonds und Spekulanten. Zweitens muss man dafür sorgen, dass die Zinsen für neue Kredite sinken. Das funktioniert nur, wenn man die Abhängigkeit von den Launen der Finanzmärkte überwindet. Das gilt auch für andere Länder. Es ist ein Unding, dass sich die Banken, die die Schulden der Staaten im Ergebnis ihrer missglückten Zockerei 2008 massiv nach oben getrieben haben, nun als Richter aufspielen und gewählten Regierungen die Konditionen diktieren – und ganz nebenbei ein sagenhaftes Geschäft mit der Staatsverschuldung machen. Sie holen sich ihr Geld für 1,25 Prozent Zinsen bei der Zentralbank und gewähren Italien daraufhin Kredite für sieben Prozent.
b>Zahlen soll, wer vom Steuerdumping profitiert hat
Sie fordern stattdessen eine europäische Bank in öffentlicher Hand. Woher nehmen Sie Ihr Vertrauen in den Staat?
Wenn die Staaten Kredit von einer öffentlichen Bank zu niedrigen Zinsen bekommen, kann man rationale Kriterien verankern, in welchem Umfang Länder diese Kredite bekommen dürfen. Sie dürften nicht un­begrenzt Schulden machen. Man müsste die ­öffentlichen Investitionserfordernisse einbeziehen genauso wie die konjunkturelle ­Situation. Die privaten Finanzmärkte haben dagegen mehrfach unter Beweis gestellt, das sie alles andere sind als harte Wächter darüber, dass Schulden nur dort entstehen, wo sie auch bedient werden können. Vielmehr wird – ob in Griechenland oder vorher auf dem US-Hypothekenmarkt – zunächst eine extreme Ausweitung der Verschuldung finanziert. Irgendwann dann kippt die Stimmung, und der Kredithahn ist ganz zu.

Ihrer Meinung nach steuern wir also auf den Crash zu?
Wenn die Bundesregierung sich weiter mit ihrem Kurs in Europa durchsetzt, ist ein Crash programmiert, und zwar ein richtig großer Crash. Wenn Italien nach griechischem Vorbild in die Zahlungsunfähigkeit getrieben wird, dann brechen europaweit die Banken zusammen. Dann werden die Falschen bezahlt: Die Vermögen der kleinen Leute, Lebensversicherungen und Altersvorsorge werden möglicherweise entwertet. Ich will stattdessen, dass die zahlen, die von den Ursachen der steigenden Staatsverschuldung, also von der Bankenrettung und dem Steuerdumping, profitiert haben: die oberen Zehntausend, deren Vermögen seit Jahren ebenso explodiert wie die öffentliche Verschuldung.

Immer mehr Menschen demonstrieren gegen das aktuelle System. Warum ist es Ihnen nicht gelungen, die frustrierten Leute inhaltlich abzuholen und als Partei davon zu profitieren?
Wir haben uns ja jetzt wieder etwas stabilisiert in den Umfragen. Ich bin auf Veranstaltungen der Occupy- Bewegung. Deren Forderungen decken sich in vielen Punkten mit dem, was im Programm der Linken steht, und ich wünsche mir, dass wir noch viel enger ­zusammenarbeiten und die Bewegung noch wesentlich breiter wird.

Sie nehmen den Protest ernst?
Selbstverständlich. Ich wünsche mir aber, dass noch viel mehr Menschen in Deutschland Mut haben aufzubegehren. Wenn die Finanzmärkte florieren und die Banken gerettet werden, profitiert nicht der Normalbürger, weil es dabei nicht um die Rettung von kleinen Sparguthaben geht. Man muss sich einmal anschauen, in welcher Größenordnung Deutschland inzwischen für diesen ­sogenannten Rettungsschirm haftet: mit 250 Milliarden Euro. Das ist fast ein ganzer Bundeshaushalt. Wenn dieses Geld verbrannt wird, wird man sich wieder bei den kleinen Leuten bedienen: Dann wird bei Bildung ­gekürzt, im öffentlichen Dienst, bei sozialen Leistungen. Um das zu verhindern, müssen die Menschen sich wehren.

Werden von dem Wählerpotenzial in der Protestbewegung nicht die Piraten profitieren?
Das hängt auch davon ab, wie sich unsere Partei entwickelt. Die Piraten haben zu Fragen der Finanzmarktregulierung überhaupt kein Konzept. Sie profitieren hauptsächlich davon, dass sie als eine frische, unverbrauchte Protestpartei gelten. Aber ich bin überzeugt, dass Protest bei den Linken besser aufgehoben ist, weil wir auch ökonomische ­Lösungsvorschläge haben.

Wie geht es für Sie weiter in der Partei? Wird es durch Ihre Beziehung zu Oskar Lafontaine Rivalitäten geben, etwa wenn es um den Parteivorsitz geht?
Mit Sicherheit nicht.
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