Das als Ausweichquartier während der Sanierung der Wagenhallen gedachte Containerdorf wird nicht bleiben können. Derzeit sucht die Stadtverwaltung nach Alternativen, um den Künstlern eine neue Bleibe zur Verfügung zu stellen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Rund um die sanierten Wagenhallen haben Künstler eine Heimat gefunden. Die Nutzer drängen darauf, „den einzigartigen Ort der Kunst und Kultur“ zu erhalten. Nun hat sich die Stadtverwaltung zu diesem und vielen weiteren Themen aus dem Bürgerhaushalt geäußert.

Stuttgart-Nord - Der sechste Stuttgarter Bürgerhaushalt biegt auf die Zielgerade ein. Am Donnerstag, 15. Juli, nehmen die Stadträte in der Sitzung des Gemeinderats Kenntnis von den Stellungnahmen der Stadtverwaltung und der Bezirksbeiräte zu den Top 100 Vorschlägen. In dieser Liste tauchen übrigens mindestens zwei Wünsche aus jedem der insgesamt 23 Stadtbezirke auf.

Die Fachämter und Eigenbetriebe der Stadt haben in den vergangenen Tagen unter anderem geprüft, wie die Ideen im Hinblick auf die Machbarkeit und die finanziellen Folgen zu beurteilen sind. In den nächsten Tagen wird unsere Redaktion einige Vorschläge samt Stellungnahmen vorstellen.

Verwaltung sucht nach einer Lösung für die Künstler

Am Ende der Bewertung, zu der alle Stuttgarter aufgerufen waren, landete von den insgesamt 2156 Vorschlägen im Bürgerhaushalt der Wunsch nach dem „Erhalt der Waggons am Nordbahnhof“ ganz vorne. Denn: nach 22 Jahren könnten die Waggons bald weichen müssen (wir berichteten). Derzeit arbeiten dort 18 Künstlerinnen und Künstler. „Wir haben im Februar dieses Jahres überraschend die Kündigung von der Deutschen Bahn erhalten, von der das Gelände nach wie vor gemietet wird. Unser Atelierhaus und das Gelände der Waggons sollen geräumt und an die Stadt übergeben werden“, berichtete Schauspielerin und Theaterpädagogin Gwendolin Stisser aus der Künstlergemeinschaft unserer Zeitung. Im Herbst soll voraussichtlich das Atelierhaus abgerissen werden.

Die Stadtverwaltung äußert sich zum dem Thema wie folgt: Man habe gemeinsam mit der Künstlergemeinschaft ein Ziel, nämlich mögliche Standortoptionen auszuloten. Es würden derzeit zwei Prüfszenarien untersucht: der Verbleib der zehn Eisenbahnwaggons am aktuellen Standort. Und die Verlagerung der Ateliergemeinschaft „Bauzug 3YG“. „Der Parkplatz Nordbahnhofstraße 161 könnte der Ateliergemeinschaft als Ersatz für das Versorgungsgebäude, das von der DB abgebrochen wird, zur Zwischennutzung (Sanitär- und Lagerflächen) verpachtet werden.“ Nun sollen für alle Optionen Baugesuchspläne eingereicht werden, um zu schauen, was möglich ist.

Auf Platz zwei im Bürgerhaushalt landete der „Erhalt des Kulturschutzgebiets Wagenhalle“. Es habe sich in den vergangenen Jahren zu einem kreativen und lebendigen Ort für innovative Kultur in Stuttgart entwickelt, heißt es im Vorschlag. Die Außenflächen rund um die sanierte Wagenhalle mit der Atelier-Wiese und der Container-City seien ein wichtiger Ort für die Kunstproduktion, für Festivals, Veranstaltungen und ein beliebter Treffpunkt der Stadtgesellschaft. Vieles werde sich dort in den nächsten Jahren verändern: Die Planungen für das zukünftige Rosensteinviertel würden rund um die Wagenhalle eine Maker City für Arbeit, Wohnen, Forschung, Produktion und Kultur vorsehen. Bei der Internationalen Bauausstellung IBA´27 habe der Kunstverein ein Projekt eingereicht, das Vorfeld der Wagenhalle für ein temporäres Architektur-Kunst-Festival zu nutzen. „Die aktuellen Planungen der Stadt Stuttgart und der Internationalen Bauausstellung jedoch zeigen, dass die schnelle Bebauung des Kulturschutzgebiets vor den Erhalt und die Weiterentwicklung der lebendigen Fläche geht. Es besteht die Gefahr, dass Stuttgart einen einzigartigen Ort der Kunst und Kultur verliert!“ , heißt es im Vorschlag aus dem Bürgerhaushalt.

Das Alte Reitstadion kommt als Interim nicht in Frage

Die Stadtverwaltung stellt hierzu klar, dass ihr die freie Kunstszene vor Ort sehr wichtig ist, „als Inkubator oder Brutstätte kreativer Milieus nehmen sie bereits eine besondere Rolle in der Stadt ein“. Man sei seit Januar in intensiven Gesprächen mit allen Nutzergruppen. Allerdings sei klar, dass die Verlagerung der Künstler auf andere Flächen erst einmal notwendig werde. Denn: „die Fläche der Container-City wurde zeitlich befristet (bis Oktober 2021) als Ersatz für die Dauer der Sanierung der Wagenhallen von der Stadt zur Verfügung gestellt“. Grundlage der Vereinbarung sei gewesen, dass die Nutzer des Platzes nach der Sanierung der Wagenhallen wieder in die Ateliers der Halle einziehen; „leider erfolgte hier ein Nachzug von neuen Nutzern auf die freizumachenden Flächen“. Diese werden allerdings im Zuge der Baumaßnahmen zur Maker City benötigt und müssen zwingend geräumt werden.

Die Stadtverwaltung habe nun vorgeschlagen, dass für einen Interimszeitraum von mindestens fünf Jahren eine Fläche an der Nordbahnhofstraße für die Künstler gepachtet werden könnte, sobald die Deutsche Bahn die darauf befindlichen Gebäude abgebrochen und die Fläche an die Landeshauptstadt Stuttgart übergeben habe. Auch das Alte Reitstadion am Neckar wurde von den Künstlern ins Spiel gebracht. „Es muss allerdings erwähnt werden, dass hier ein Interim mit den Planungen und Umsetzungen zur Neugestaltung des Wasenufers und der Wasenquerung kollidiert“, heißt es in der Stellungnahme der Stadt weiter.

Noch vor der Sommerpause soll der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik über das Ergebnis der Standortprüfungen sowie den Stand der Abstimmungen mit den Nutzern informiert werden.

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