Bluttat in Hessen: Der Täter beging Suizid in seinem Auto. Foto: dpa

In Hessen wird ein Afrikaner niedergeschossen. Fremdenfeindlichkeit war offenkundig das ausschließliche Motiv für den Anschlag. Der Täter besaß mehrere Waffen und war Mitglied eines Schützenvereins. Er richtet sich nach dem Verbrechen selbst.

Wiesbaden - Der junge Mann aus Eritrea ging am Montag arglos eine Straße in der hessischen Kleinstadt Wächtersbach entlang, da wurde er plötzlich aus einem fahrenden Auto heraus niedergeschossen. Der Schütze, ein 55 Jahre alter Deutscher aus dem benachbarten Biebergemünd im Main-Kinzig-Kreis, kannte sein Opfer nicht. Er wählte den 26-Jährigen alleine nach einem Kriterium aus: seiner dunklen Hautfarbe. Kurz nach der Tat schoss sich der mutmaßliche Mörder selbst eine Kugel in den Kopf und starb. Nach den Tatumständen und einem in seiner Wohnung aufgefundenen Brief sind die Ermittlungsbehörden sicher: Er handelte aus fremdenfeindlichen Motiven.

Nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 2. Juni ist Hessen zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen Schauplatz eines spektakulären Verbrechens mit mutmaßlich rechtsextremistischem Hintergrund. Zwar betonen das Landeskriminalamt und die für die Ermittlungen verantwortliche Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft übereinstimmend, es gebe keine Hinweise auf Verbindungen des Täters zu rechtsextremistischen Organisationen oder Netzwerken, doch die Ermittlungen stehen erst am Anfang. Niemand hegt noch Zweifel am Tatmotiv: Rassenhass.

Der Schütze besaß mehrere Waffen – allerdings legal

Der dunkelhäutige Mann aus Eritrea war nach einer Notoperation am Dienstag außer Lebensgefahr. Zeugen hatten ihn am Montagmittag nach dem Bauchschuss schwer verletzt auf der Industriestraße in der Wächtersbach gefunden und die Polizei alarmiert. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Der dringend Tatverdächtige wurde drei Stunden später von der Polizei leblos in seinem Auto in Biebergemünd aufgefunden. Nach erfolglosen Wiederbelebungsversuchen wurde kurz darauf in der Klinik sein Tod festgestellt. Nach den Worten von Alexander Badle, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, war der Mann bei der Polizei bisher nicht aktenkundig. Neben den beiden Tatwaffen wurden in seiner Wohnung zwei weitere Pistolen und zwei Gewehre sichergestellt. Den Angaben zufolge hatte er sie legal besessen. Der 55-Jährige war Mitglied eines Schützenvereins.

Die Stadt rief für Dienstagabend zu einer Mahnwache am Tatort auf – das Motto: „Kein Platz für Rassismus“. Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, Janine Wissler, wies darauf hin, dass die fremdenfeindliche Tat am 22. Juli geschah. An diesem Datum hat 2011 der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik 77 Menschen getötet. Fünf Jahre später erschoss der offenbar von Breivik inspirierte David S. in einem Münchner Einkaufszentrum neun Menschen. Annette Widmann-Mauz (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, forderte über den Kurznachrichtendienst Twitter ein konsequentes Vorgehen gegen Rassismus und Rechtsextremismus. „Aus Hetze wird Gewalt, aus Hass irgendwann Mord. Das können und dürfen wir nicht hinnehmen!“, schrieb sie. Landrat und Bürgermeister der Kommunen des Main-Kinzig-Kreises sprachen in einer gemeinsamen Erklärung von einer Attacke „willkürlich gegen alles Fremde“. Sollte der Täter aus rechtsradikaler Weltanschauung heraus und aus Fremdenhass gehandelt haben, müsse auch beleuchtet werden, ob es „einen Kreis Gleichgesinnter“ gegeben habe.

Der Vorsitzende des hessischen Landesausländerbeirats, Enis Gülegen, beklagte in einer Stellungnahme, der von Rechtspopulisten gegenüber Migranten betriebene Hass schlage nun offenbar in Mordanschläge auf offener Straße um.

Verbrechen in der Kneipe angekündigt?

Nicht kommentieren wollte die Generalstaatsanwaltschaft unterdessen einen Bericht des Hessischen Rundfunks, wonach der Schütze seine Tat zuvor in einer Kneipe angekündigt haben soll. Demnach habe er erklärt, er werde jetzt einen Flüchtling abknallen. Nach dem Schuss auf den Eritreer sei er noch einmal in das Lokal zurückgekehrt und habe von der Tat erzählt sowie weitere angekündigt.

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