Kriegführen im 21. Jahrhundert: blitzschnell und hochintensiv – an der weltgrößten Waffenmesse Eurosatory in Paris werden die Lehren des Ukraine-Krieges gezogen. Die Highlights sind Panzer, Drohnen und eine Rakete zur Rettung Europas.
Gleich fünf verschiedene Panzertypen stehen in einer Reihe, Geschützrohre ausgerichtet. Was sich hier abspielt, ist die alle zwei Jahre abgehaltene Waffenschau Eurosatory nördlich von Paris, dem Stelldichein von 2000 Ausstellern aus der ganzen Welt. Ein wichtiger Barometer der Rüstungsbranche.
Eine asiatische Delegation bestaunt gerade den dunkelgrünen Prototyp eines Leopard 2A-RC 3.0. Gleich daneben eine Neuentwicklung des französischen Leclerc, sandfarben und wüstentauglich. Gabriel, ein KNDS-Manager, der nur seinen Vornamen in der Zeitung sehen will – man ist auf der Eurosatory unter sich und diskret nach außen - , freut sich: „Dass der Leopard und der Leclerc hier erstmals nebeneinander stehen, ist doch ein schönes europäisches Symbol, n’est-ce pas?“ (französisch für: Nicht wahr?)
KNDS hat derzeit nach eigenen Angaben etwa 800 Waffensysteme im ukrainischen Fronteinsatz
Schon. Doch sind die beiden Panzer Partner oder Konkurrenten? KNDS ist ein bald zehn Jahre altes Joint Venture deutscher und französischer Rüstungsfirmen. KNDS hat derzeit nach eigenen Angaben etwa 800 Waffensysteme im ukrainischen Fronteinsatz oder unter Vertrag zur Lieferung an die Ukraine. „Damit ist das Unternehmen einer der weltweit wichtigsten industriellen Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression“, heißt es in einer KNDS-Mitteilung. Nach einer mühseligen Einigung zwischen den Regierungen in Paris und Berlin – von deutscher Seite mit Verteidigungsminister Boris Pistorius – sollen KNDS, Rheinmetall und die französische Thales im April das zukünftige, von Grund auf neu entwickelte und milliardenschwere Kampfpanzersystem MGCS bauen. Es wäre auf eine gewisse Art die Verschmelzung von Leopard und Leclerc zum kampftüchtigsten Panzer der Welt. Offizieller Zeithorizont 2040. „Wohl eher 2045“, korrigiert ein deutscher Offizier.
Bis dahin werden der Leopard 2 und der Leclerc noch getrennt produziert und erneuert. „Sie sind komplementär“, sagt Gabriel: Die Deutschen verkauften ihren Panzer an viele Staaten auch über Europa hinaus, die Franzosen hätten Kunden im arabischen Raum. Die Nachfrage sei seit dem Ukraine-Krieg größer denn je. „Und unsere Kunden wollen nicht zwanzig Jahre auf den MGCS warten – sie wollen jetzt ihre Leopard oder Leclerc haben.“
Das Traditionsunternehmen Rheinmetall hat an Eurosatory erstmals seinen KF51 präsentiert
Denn wie der junge Franzose meint: „Vor zehn Jahren sagten die Generalstäbe, Panzer würden durch die moderne Kriegsführung hinfällig. Die hochintensive Gefechtsführung in den ukrainischen Ebenen hat sie eines Besseren belehrt.“
Ähnliches hört man bei Rheinmetall. Der Düsseldorfer Traditionskonzern hat an Eurosatory erstmals seinen KF51 präsentiert, gedacht für ausländische Märkte. Er kommt – wie der neue Leopard – ohne Turmschütze aus. „Das spart Personal und erhöht die Sicherheit für die drei anderen“, heißt es. Denn die Gefahr kommt heute von oben, durch die Drohnen.
Drohnen bringen KI auf das Schlachtfeld.
KNDS präsentiert an der Messe eine neue Caesar-Haubitze, deren Neuigkeit darin besteht, dass ihre Motorhaube und das Dach des Führerstandes gepanzert sind – gegen die leisen und unsichtbaren Drohnen-Attacken. Zudem werden die Caesar-Laster mit aufblasbaren Attrappen ausgerüstet, um Angriffe abzuwehren. Die Caesar-Haubitze illustriert zwei weitere Merkmale der neuen, artilleriegestützten Kriegsführung: Erstens, die Präzision wird immer wichtiger. Zweitens, alles muss blitzschnell gehen. „Einmal in Stellung, hat eine Caesar-155-Millimeter-Kanone nur zwei Minuten für 12 Schüsse“, sagt Gabriel. „Und während ein Schuss über 45 Kilometer früher in einem halben Fußballfeld landen konnte, trifft die Kanone heute ein Fußballtor.“ Wer Artillerie sagt, sagt auch Munition. „Vor Kriegsbeginn in der Ukraine produzierten wir 70 000 Geschosse im Jahr“, rechnet ein Vertreter von Rheinmetall vor. „In diesem Jahr werden es 700 000 Geschosse sein, 2026 rund 1,1 Million.“ Darunter sind auch neuartige Produkte wie kreisende oder ferngesteuerte Munition. Geschosssalven mit sogenannter Rasterabdeckung richten sich wiederum gegen Drohnen, die ihr Ziel nicht direkt anfliegen, sondern sich sozusagen heranschlängeln.
Drohnen bringen auch die Künstliche Intelligenz (KI) auf das Schlachtfeld. MBDA, die Raketensparte des zivilen Flugzeugbauers Airbus, zeigt in Paris ihr Drohnen-Abwehrsystem Sky Warden. MBDA basiert auf Studienarbeiten aus den vergangenen sechs Jahren. Es geht um Optionen für die Abwehr von Hyperschall-Luftfahrzeugen, man hat Erfahrungen gemacht mit dem Aster-Raketenabfangsystem und einer umfassenden Kenntnis der Bedrohungen. Es handelt sich dabei um das Projekt Aquila, das die besten Abfangjägerkonzepte für die europäischen Nationen vorschlägt.
Haushohe Störantennen sind auch zu sehen: Sie können Drohnen auf weite Distanzen ausfindig machen
Etwas abseits der Blicke zeigt der Techniker Rémi die haushohe Störantenne, die Drohnen auf weite Distanzen ausfindig kann. Und dann eine Stör-Pistole. Die Waffe gleicht einem dicken Spielzeuggewehr aus schwarzem Plastik und ist relativ schwer. KI-Systeme versorgen sie mit den Frequenzen sich nähernder Drohnen; so lässt sich ihre GPS-Steuerung auf den letzten 400 Metern vor dem Ziel unterbrechen.
Zwei ranghohe ägyptische Militärs interessieren sich brennend für eine Drohne mit einem Tarnnetz, das eine feindliche Drohne einfangen kann. Daneben eine Hit-to-Kill-Drohne – gemacht, um das unbemannte Flugobjekt des Feindes auf Kamikaze-Art regelrecht niederzuschlagen.
Weitgehend unbeachtet von den Messegästen steht im Schatten des MBDA-Standes eine schmale, rund sieben Meter hohe weiße Rakete. Niemand kümmert sich um das unauffällige Geschoss, obwohl es einmal das Überleben des europäischen Kontinentes sichern könnte. Es ist der erste, noch sehr rudimentäre Prototyp einer Hyperschallrakete – oder besser gesagt der Abwehr einer solchen Rakete aus Feindesland.
US-Abwehrsysteme fangen Raketen in der Endphase ab
Der Techniker Rémi erklärt: Heutige US-Abwehrsysteme wie Patriot können Raketen, die mit über 6000 Kilometer pro Stunde fliegen, in der langsameren Endphase abfangen.
Gegen Geschwindigkeiten wie Mach 10 (etwa 12 200 Kilometer pro Stunde), die die chinesische DF-17 erreichen soll, sind sie aber unwirksam. Auch gegen die russische Zirkon, die tausend Kilometer weit mit Mach 9 (etwa 11 000 Kilometer pro Stunde) fliegen kann. Mit atomaren Sprengköpfen als Ladung. Keine angenehme Vorstellung. Und das Projekt Aquila befindet sich laut dem MBDA-Techniker erst in der Studienphase. Einsetzbar soll es 2035 sein.
Gut ein Jahrzehnt lang muss sich also Europa noch gedulden, bevor es vor Putins Raketen sicher ist.