Osmanen Germania Das Versteckspiel um die Waffen

Von Franz Feyder 

Osmanen Germania kaufen Waffen insbesondere mit Geldern des türkischen Staates. (Symbolbild) Foto: dpa
Osmanen Germania kaufen Waffen insbesondere mit Geldern des türkischen Staates. (Symbolbild) Foto: dpa

Ein Erdogan-Vertrauter finanziert Waffenkäufe der Osmanen Germania. Die bunkern ihre Waffen in Geheimverstecken. Ein Einblick in ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.

Stuttgart - Für einen Sonntag glich das Dietzenbacher Industriegebiet an diesem 19. Juni 2016 einem Ameisenhaufen. Luxuskarossen waren in der Voltastraße 4 geparkt worden. In dem weiß-blau gestrichenen Büro- und Lagergebäude im hessischen Kreis Offenbach trafen sich Mitglieder des Osmanen Germania Boxclubs – unter ihnen auch der Vizepräsident des Worldchapters, Selcuk Sahin. Was er und seine Kumpane nicht wussten: Das Gebäude hatten Ermittler verwanzt. Sie beobachteten im Sommer 2016 das Clubhaus der rockerähnlichen Gruppierung rund um die Uhr.

Das geht aus Erkenntnisberichten, Anhör- und Observationsprotokollen hervor, die unserer Zeitung und dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ vorliegen. Darin beschreiben die Polizisten, wie sie hörten, dass zwischen 14 und 14.01 Uhr ein Gegenstand aus einer Folie ausgepackt und zusammengesteckt wurde. Sekunden später vernahmen die Lauscher Repetiergeräusche. Sie gehen davon aus, „dass eine Waffe durchgeladen wird“. Zumal sie ein Gespräch von vier Osmanen mitschnitten, in dem einer des Quartetts nach der Marke fragte. Ihm antwortete ein anderer, MP 2 genannter Mann, dass dies eine Maschinenpistole „Heckler und Koch“ sei. „Sind das die vom letzten Mal?“, fragte ein anderer. Das wisse er nicht, antwortete MP 2.

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Die Fahnder draußen wurden hellhörig. Denn neun Tage zuvor hatten sie ein anderes Telefonat mitgehört, bei dem in türkischer Sprache „etwas Stabiles, Zuverlässiges, Sauberes“ geordert wurde. Für die Kriminalen sind das Synonyme für Schusswaffen – Codeworte, die sie immer wieder bei ihren Nachforschungen zu den Osmanen hören.

Vor allem, seitdem sie in Telefonaten abhörten, dass der Jugendfreund und Vertraute des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der AKP-Abgeordnete Metin Külünk, den Führungskräften der Osmanen Geld aus der Staatskasse für Waffenkäufe vermittelte: Mehmet Bagci, der damalige Chef der Osmanen, hatte Erdogans Chefberater im Spätsommer 2016 versprochen, für die Türkei in Deutschland Terroristen zu bekämpfen.

Wenige Monate zuvor hatten am 1. Juni Spezialisten des Landeskriminalamts Hamburg in Berlin beobachtet, wie Külünk persönlich zwei Umschläge an Bagci übergab. Wenige Stunden später telefonierte der Politiker mit seinem Freund Recep Tayyip Erdogan und organisierte mit ihm Proteste gegen den Armenien-Beschluss des Deutschen Bundestages.

Gefunden haben die Fahnder bislang nur wenige der scharfen Waffen

Am 2. Juni 2016 orderte Chef-Osmane Bagci bei einem in Deutschland lebenden Serben „zunächst zehn Kurzwaffen des Kalibers 7,65 mm“, wie die Ermittler in einen Bericht zusammenfassen.

In ihrem Visier auch der erst vor Kurzem zurückgetretene Vorsitzende des Erdogan-nahen Lobbyvereins Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD) Rhein-Neckar, Yilmaz Ilkay Arin. Auch den Mannheimer belauschten die Ermittler. Und hörten so am 26. April 2016, wie Arin in einem Telefonat versicherte, „in der Lage zu sein, Schusswaffen zu besorgen“. Seinen Gesprächspartner fragte Arin, ob noch jemand das „Anvertraute“ in seinem Hosenbund gesehen habe – eine Pistole. Alle würden sich jetzt in die Hose machen, scherzte der Gesprächspartner. Ihm sicherte Arin zu, ihm ebenfalls eine Waffe zu besorgen.

Sind solche einmal besorgt, so rekonstruieren die Ermittler, werden die Waffen in „Bunkern“ so lange versteckt, bis ein Osmanen-Anführer seinen Kumpanen befiehlt, sich zu bewaffnen. Immer wieder hörten Polizisten, dass Osmanen das „Anvertraute“ aus den Wohnungen ihrer Schwestern und Schwägerinnen holen sollten. Zum Beispiel, wenn sie zur Wache vor Bagcis Wohnung aufziehen oder zur Bestrafung von Aussteigern und Erdogan-Kritikern und zur Hatz auf Kurden ausrücken.

Gefunden haben die Fahnder bislang bei ihren Razzien nur wenige der scharfen Waffen – auch, weil die Osmanen bei der Polizei Spitzel haben. Dass Pistolen und Maschinenpistolen aber da sein müssen, wissen die Ermittler auch, weil erst im Februar 2017 ein Osmanen-Aussteiger gekidnappt, nach Herrenberg im Kreis Böblingen verschleppt und dort dem Mann ins Bein geschossen wurde. Das Projektil entfernte eine Altenpflegerin, damit keine Spuren zurückblieben.

Im Juni 2017 sollte ein anderer Aussteiger in Wuppertal in einen Hinterhalt gelockt und ermordet werden. Polizisten retten ihm das Leben – und stellten eine scharfe Pistole sicher.

Keinen Zweifel haben die Ermittler, dass es zuhauf Waffen gibt und dass diese vor allem mit Geld des türkischen Staates gekauft werden. „Die Beschaffung“, fassen sie in einem Bericht ihre Erkenntnisse zusammen, „soll insbesondere mit Geldern erfolgen, die über Metin Külünk an Ilkay Arin vom türkischen Staat zur Verfügung gestellt werden und in Zukunft weiter zur Verfügung gestellt werden sollen“. Das Duo schweigt auf die Fragen unserer Zeitung und des ZDF.

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