Tendenziell ist Erdgas ein Auslaufmodell. Auch in Stuttgart. Für das Aus kursieren verschiedene Jahreszahlen, von 2035 bis 2045. Doch was stimmt? Tatsächlich hängt es stark davon ab, wo jemand lebt.
Mannheim will sein Erdgasnetz bis 2035 komplett stilllegen – diese Meldung hat vor kurzem hohe Wellen geschlagen. Viele Menschen fragen sich seither, wie es in ihrer Stadt aussieht und wer überhaupt darüber bestimmen darf, wann kein Erdgas mehr durch die Leitungen fließt.
Die oberste Messlatte stellt eigentlich das Gebäudeenergiegesetz, im Sprachgebrauch Heizungsgesetz, vom vergangenen Jahr dar. Darin hat der Bund eindeutig geregelt, dass ab 2045 keine fossilen Brennstoffe mehr verwendet werden dürfen. Stand jetzt dürften dann also keine Gas- oder Ölheizungen mehr betrieben werden. Allerdings: Es ist unklar, ob eine neue Bundesregierung dieses Gesetz unangetastet lassen wird.
Für Menschen im Südwesten gilt jedoch ein anderes Datum: Das Land Baden-Württemberg will schon im Jahr 2040 klimaneutral sein. Steffen Becker, der Sprecher des Umweltministeriums, betont, dass das Klimaschutzgesetz schon im Herbst 2021 novelliert worden sei, und seither sei klar: „Bis dahin muss der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern umgesetzt werden.“
Christoph Luschnat ist bei der Terranets BW für die Themen Gas und Wasserstoff zuständig. Ein Teil der Gas- soll ja in Wasserstoffleitungen umgewidmet werden. Er sagt: man orientiere sich an den Klimazielen des Landes und gehe deshalb davon aus, dass ab 2040 kein Gas mehr durch die Leitungen fließen soll. Ob es dann tatsächlich so komme, könne derzeit niemand vorhersagen. Es sei ein „sehr, sehr ambitionierter Plan“. Steffen Becker vom Umweltministerium betont: „Die Wärmewende ist machbar, wenn entsprechende Förderprogramme ausgebaut und langfristig abgesichert werden.“
Für die Übergangszeit bis 2040, in der manche Gasleitungen schon Wasserstoff transportierten, gebe es einen verpflichtenden Versorgungsauftrag, den man erfüllen werde, so Luschnat weiter. Das Gasnetz könnte bis 2030 auf 2200 Kilometer Länge und bis 2035 auf 1900 Kilometer schrumpfen. Dabei werde immer die Versorgung mit Erdgas über eine alternative Infrastruktur sichergestellt.
Auf der unteren Ebene könnten natürlich auch Stadtwerke oder Städte beschließen, noch früher aus dem Erdgas auszusteigen als 2040, so wie es Mannheim getan hat.Weitere Städte mit ähnlichen Planungen scheint es aber nicht zu geben, weder Christoph Luschnat noch Peter Drausnigg, der Technische Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart, sind Pläne anderer Kommunen bekannt. Die Stadtwerke Stuttgart jedenfalls bevorzugen eine andere Strategie. „Wir wollen auf Sicht fahren. In den nächsten Jahren können wir kein Enddatum für die Erdgasbelieferung bekanntgeben“, betont Drausnigg.
Auch Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) ist dieser Meinung, obwohl die Landeshauptstadt ja ebenfalls wie Mannheim anstrebt, bis 2035 klimaneutral zu sein. Dennoch will Nopper nicht vorpreschen: „Es ist unklug, auf Konfrontation mit dem Bürger zu gehen – das hat Robert Habeck mit seinem Heizungsgesetz gezeigt“, so Nopper.
Im Übrigen ist er sich gar nicht sicher, ob es rechtlich so einfach möglich wäre, das Gas bis 2035 abzuschalten. Manche Experten sehen das ähnlich und könnten sich vorstellen, dass Bürger, Unternehmen oder Verbände klagten. Kann eine Stadt oder ein Energieversorger einfach beschließen, vor 2040 oder 2045 aus der Gasversorgung auszusteigen? Das könnte noch die Gerichte beschäftigen.Denn gerade Menschen, die erst kürzlich noch eine Gasheizung eingebaut haben, und das sind in Deutschland allein 2023 und 2024 mehr als eine Million Haushalte, können dann womöglich die eigentliche Lebensdauer des Geräts nicht mehr nutzen. Für Sebastian Nothacker, den Sprecher von Haus & Grund Württemberg, ist es jedenfalls völlig unverständlich, warum „Bund, Land und Energieversorger jeweils ihr eigenes Süppchen kochen“. Das führe zu großer Verunsicherung und Frustration bei den Eigentümern.
Das Umweltministerium kontert jedoch, dass seit 2021 das Enddatum 2040 transparent kommuniziert worden sei. Nothacker ist dagegen der Ansicht, dass sehr viele Immobilieneigentümer bei weitem noch nicht ausreichend über die Situation informiert seien. Das Land will jedenfalls die Energieagenturen personell besser ausstatten, um mehr Beratungen zu ermöglichen. Dafür sind im Haushalt zehn Millionen Euro beantragt. Zudem möchte das Land lokale Wärmebeiräte anstoßen, in denen Handwerker, Bauunternehmer und Netzbetreiber die örtliche Situation besprechen.Für den Verband Handwerk BW ist vor allem wichtig, dass die Förderpolitik für die nächsten zehn bis 15 Jahre stabil und verlässlich bleibt. Sonst gelinge die Wärmewende nicht, sagt der Sprecher Giovanni Di Gregorio. Er kritisiert zudem, dass die Transformation des Erdgas- in ein Wasserstoffnetz sowie neue Wärmenetze viel Geld kosteten, was die Preise in die Höhe treibe. Tatsächlich steigt das Entgelt für die Verteilnetze im Bundesdurchschnitt zum Jahreswechsel um ein Viertel. Laut dem Verbraucherportal Verivox mache die Preiserhöhung im Mittel gut 100 Euro für ein Einfamilienhaus aus.
Verkauf von Heizungen geht zurück
Bericht
Die jüngsten Zahlen des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) zeigen, dass bis zum Ende des dritten Quartals 2024 in Deutschland 548 000 Heizungen verkauft worden sind. Das sind 48 Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings ist dieser Rückgang nicht nur auf die Verunsicherung der Bürger zurückzuführen. Im Jahr 2023 hatte es ein Rekordjahr mit 1,3 Millionen Geräten und einem Wachstum von 34 Prozent gegeben. Das lag an Sondereffekten wegen des Ukrainekriegs und des Heizungsgesetzes.
Heizungen
Im vergangenen Jahr waren 790 000 Gasheizungen verkauft worden; das entsprach 60 Prozent Marktanteil. Auch in 2024 machen Gasheizungen noch stolze 57 Prozent aus. Das Ziel der Bundesregierung, jährlich 500 000 Wärmepumpen einzubauen, werde 2024 stark verfehlt, so der BDH – vermutlich würden es bis Jahresende nur 200 000. Im letzten Jahr waren es 356 000 verkaufte Wärmepumpen.