Währungskrise in der Türkei Erdogans Verhalten wird auch in Stuttgart verteidigt

Von Götz Schultheiss 

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdgoan spricht auf einer Pressekonferenz in Ankara. Foto: AP
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdgoan spricht auf einer Pressekonferenz in Ankara. Foto: AP

Im Umfeld der Feuerbacher Moschee gilt der türkische Präsident als unschuldig an der Währungskrise. Das zeigt eine Kurz-Umfrage unserer Zeitung.

Stuttgart - Um die Mittagszeit ist das Quartier um die Moschee des türkischen Dachverbands Ditib, der dem Religionsministerium in der Türkei untersteht, fast wie ausgestorben. Viele Stuttgarter türkischer Herkunft sind in den Sommerferien irgendwo zwischen Bosporus und Ararat. Die Ferien werden preiswert, denn wer Euro oder Dollar dabeihat, bekommt wegen des rasanten Sturzes der Lira viel für sein Geld.

Im Moscheehof sitzt Yilmaz Ücüncü, der Hoca, der von der Regierung in Ankara entsandte Geistliche. Dieser gibt sich erst gesprächig. „Das ist ein von außen gesteuerter Wirtschaftskrieg.“ Wer Dollar oder Euro habe, wechsle diese in Lira, um die Währung zu stützen. Für die Krise sei der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen verantwortlich, der den Putschversuch gegen die Erdogan-Regierung angezettelt habe. Zwei Stunden später wird sich der Hoca heranpirschen, den Notizblock mit seinen Ausführungen an sich nehmen und die Seite mit seinem Namen heraus- und schließlich in Fetzen reißen. Womöglich hat er sich zu viele Versprecher geleistet.

Der Vorsitzende des Ditib-Moscheevereins, Isamil Cakir, gibt sich eher wortkarg. „Die Leute, die hier leben, haben keine Ersparnisse in der Türkei“, erklärt er, „sie haben ihr Geld für ihre Familien ausgegeben. Sie leben hier und sollen sich um die deutsche Politik kümmern, das ist wichtiger.“

Eine 24-jährige Frau aus München, die zu Besuch in Stuttgart ist, sagt: „Wir tun das, was uns unser Staatspräsident empfiehlt: Wir tauschen unsere Devisen in türkische Lira um.“ Ihre Verwandten in der Türkei seien alle zu wohlhabend, um unter der Geldentwertung zu leiden: „Sollte es ihnen aber irgendwann schlechter gehen, dann unterstützen wir sie von hier aus.“

Das sei ein Krieg zwischen Trump und Erdogan, sagt ein 24-Jähriger

Ein 31-Jähriger aus Stuttgart, der sich Ali Veli nennt, sagt: „Wenn ich mit 1000 Euro in die Türkei in Urlaub fahre, dann kann ich dort fett feiern.“ Seinen Verwandten in der Türkei, die eigentlich wohlhabend seien, gehe es nicht so gut: „Die Mieten werden in Euro oder Dollar bezahlt. Viele Schmuckläden haben dort geschlossen, weil sie statt wie früher 2000 Euro nun 6000 Euro Miete bezahlen müssen.“ Seine weiteren Ausführungen unterstreichen, warum Angehörige der jüdischen Religion verstärkt vor islamischem Antisemitismus warnen: „Die Juden sind daran schuld. Sie sind die reichsten Menschen, und sie wollen alles durcheinanderbringen.“

„Im Grunde ist das ein Krieg zwischen Trump und Erdogan“, sagt ein 24-Jähriger. Erdogan wolle den Pastor Andrew Brunson gegen Fethullah Gülen austauschen. „Erdogan glaubt, dass er mit Russland und Iran andere Optionen hat. Damit würde der Druck auf die Lira sinken, weil die Geschäfte in einer anderen Währung als in Dollar oder Euro abgeschlossen würden“, sagt er.

„Wertverlust hier erleiden nur Ältere, die ihr Geld in Lira angelegt haben. Die Jungen haben ihr Geld hier. Sie gehen in der Türkei in den Urlaub oder zum Einkaufen – kaufen dort sogar Immobilien, die jetzt erschwinglich werden“, sagt der Stuttgarter Sabri Güzelkücük. Die Preise in der Türkei seien noch stabil geblieben, so der Mittzwanziger: „Die Frage ist nur, wie lange das noch so bleibt.“

Lesen Sie jetzt