Die Luft- und Raumfahrt boomt weltweit. Neue Technologien und stärkere Vernetzung könnten auch Mittelständlern in der Region Stuttgart neue Märkte eröffnen.
Der Weltraum ist längst zu einem boomenden, aber international umkämpften Wirtschaftsraum geworden. Früher ein Nischenthema für Weltraumbehörden wie Nasa und Esa und zivile Forschung, wird das All heute von vielen Regierungen als ein strategisches Zukunftsfeld angesehen. Deutschland will dort ein starker Akteur werden und hat zum ersten Mal ein Ministerium für Raumfahrt eingerichtet und eine Sicherheitsstrategie für den Weltraum entwickelt. 35 Milliarden Euro will der Bund bis 2030 für Raumfahrttechnologie ausgeben. Auch Baden-Württemberg hat seit 2023 eine Luft- und Raumfahrtstrategie.
Der Grund: Das All ist als Teil der Grundversorgung aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken: Navigation, Kommunikation, Logistik, Finanzmärkte, Energieversorgung – alles hängt von weltraumgestützten Diensten ab. Daraus ergeben sich große wirtschaftliche Chancen auch für traditionelle Mittelständler in und um Stuttgart als Zulieferer für Know-how und Hardware, so der Tenor von Vertretern aus Wirtschaft und Politik auf dem ersten Luft- und Raumfahrtkongress von IHK Region Stuttgart und Wirtschaftsministerium am Dienstag.
Neue Märkte durch die Raumfahrt – profitiert Stuttgart vom Boom?
„In Baden-Württemberg gibt es viele Start-ups in der Luft- und Raumfahrt“, sagte Silke Launert, parlamentarische Staatssekretärin im Raumfahrtministerium, auf dem IHK-Treffen. Nun brauche es aber den nächsten Schritt – eine stärkere Vernetzung mit anderen Branchen. „Dann entstehen neue Ideen, Innovation, neue Märkte und Wertschöpfung“, so Launert. Die CSU-Politikerin sagt das vor dem Hintergrund eindrucksvoller Wachstumsprognosen beim globalen Geschäft im All. So schätzt eine Studie der Berater von Roland Berger und des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), dass der Gesamtmarkt weltweit von rund 470 Milliarden Euro 2024 bis 2040 auf zwei Billionen Euro anwächst.
Die industriellen und technologischen Voraussetzungen, um an diesem Wachstumsmarkt teilzuhaben, sind vorhanden. Ministerialdirektor Michael Kleiner aus dem Landeswirtschaftsministerium zählte die Rahmenbedingungen im Südwesten auf: 200 Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt, 16000 Beschäftigte und ein Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Der Rat auch von Michael Kleiner an die versammelten Vertreter aus kleineren und mittleren Unternehmen: diversifizieren! Hintergrund: die Strukturkrise im Automobilbau und bei den Zulieferern.
Leistungsfähige Raumfahrt-Start-ups im Südwesten
In Deutschland insgesamt haben sich in den vergangenen Jahren mehrere leistungsfähige Raumfahrt-Start-ups entwickelt. Firmen wie Isar Aerospace im „Space Valley“ in der Nähe von München oder Rocket Factory aus Augsburg experimentieren mit Trägerraketen für Satelliten. Fachleute sind zuversichtlich, dass Deutschland in ein paar Jahren eigene Raketen ins All schießen kann. Auch bei der Satellitenproduktion bemüht sich eine wachsende Zahl von Unternehmen um Aufträge im All, darunter Airbus, Rheinmetall, der Mittelständler OHB aus Bremen, Reflex Aerospace aus Berlin oder Constellr aus Freiburg. Diese Start-ups sammeln erfolgreich Geld ein.
Aber auch in der Region Stuttgart tut sich etwas. Zum Beispiel beim Mittelständler dSpace, der Entwicklungswerkzeuge – Soft- und Hardware – produziert, mit deren Hilfe die verschiedensten Branchen vom Automobil- und Landmaschinenbau bis zur Medizintechnik ihre Produkte unter simulierten Bedingungen testen können. Der international tätige Mittelständler mit Hauptsitz Paderborn betreibt in Böblingen ein Projektzentrum mit 85 Mitarbeitern für die Automobilindustrie. „Bisher waren wir vor allem auf den Automobilbereich fokussiert. Jetzt wollen wir uns stärker für die Luft- und Raumfahrt öffnen“, sagte der Ingenieur und Marktentwickler Peter Hermle.
Aufbruchstimmung in der Raumfahrt erfasst auch Baden-Württemberg
dSpace hat bereits Erfahrung in der Luft- und Raumfahrt, konnte jüngst aber einen Coup landen, der zeigen könnte, wie die Neuausrichtung des Mittelstands im Land verlaufen könnte: Der Autozulieferer ZF nutzte Computer und Elektrik von dSpace, die bisher zum Einsatz kamen, um autonomes Fahren zu testen, um Bordcomputer, Sensoren und die Datenübertragung bei einem Satelliten des Raumfahrt-Start-ups Atmos Space Cargo realitätsnah zu testen.
Die erst vor zwei Jahren gegründete Firma mit 70 Mitarbeitern aus der Nähe von Baden-Baden erregte im Frühjahr einiges Aufsehen, als sie mit Hilfe der US-Raketenfirma SpaceX die waschmaschinengroße Mini-Raumkapsel „Phoenix-1“ ins Weltall und wieder zurück zur Erde brachte. Das hatte noch keine europäische Raumfahrtfirma geschafft. Und auch beim Hitzeschild, das beim Wiedereintritt des Raumfahrzeugs in die Erdatmosphäre gebraucht wird, ging Atmos äußerst innovative Wege: Der Hitzeschild der „Phoenix“-Kapsel wird aufgeblasen. Christian Grimm, Atmos-Mitgründer und leitender Ingenieur, zweifelt nicht daran, dass von der Aufbruchstimmung in der Raumfahrt auch Mittelständler aus der klassischen Industrie profitieren können. „Da gibt es viele Synergien, von der Hochleistungs-Software bis zu Fertigungsverfahren.“
Raumfahrt als Innovationstreiber für Deutschland und die Region Stuttgart?
Im Vergleich zu den USA sind Deutschland und Europa insgesamt im Weltraumgeschäft kleine Fische. Die privaten Raumfahrtunternehmen liegen Lichtjahre hinter Größen wie Elon Musks SpaceX. Und dennoch: Deutschland und Europa sind aufgewacht und wollen die Abhängigkeit von US-Fähigkeiten im All verringern. Die Raumfahrt ist, da sind sich viele Experten einig, für Deutschland einer der Schlüssel für Innovation, wirtschaftliche Entwicklung und Sicherheit. Deshalb hat man sich auf den Weg gemacht. „Wir können das nicht Amerikanern, Chinesen und Russen überlassen“, meinte in Stuttgart Sabine von der Recke von OHB.