Etliche Jahre gab es viele Arbeitsstellen für Hilfskräfte. Inzwischen sind die Angebote an Helferjobs aber stark gesunken. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Die Zahl der bedürftigen Haushalte steigt weiter, wenn auch etwas abgeschwächt. Die Lage im Jobcenter ist weiter sehr angespannt. Sorgen bereitet dem Leiter vor allem der Rückgang der Stellenangebote für Helfer. Die Beschäftigten leiden an einem Übermaß an Bürokratie.

Die Bilanz des Jobcenters der Stadt Stuttgart für das zurückliegende Jahr fällt durchwachsen aus. Zwar wird viel getan, um Erwerbslose in Arbeit zu bringen. Das wird aber zunehmend schwieriger, weil die für die Betroffenen passenden Stellenangebote deutlich zurückgegangen sind.

 

Lage hat sich noch nicht normalisiert Wenigstens ist im zurückliegenden Jahr die Zahl der Bedarfsgemeinschaften nur noch leicht gestiegen. Im September waren beim Jobcenter 22 195 bedürftige Haushalte gemeldet, 568 oder 2,6 Prozent mehr als ein Jahr davor (neuere Zahlen liegen noch nicht vor). In diesen Haushalten lebten insgesamt 40 866 Personen, das sind 1,6 Prozent (absolut 639) mehr als zwölf Monate früher. Nimmt man nur den Zeitraum von Januar bis September 2023, so hat sich der Zuwachs noch weiter auf unter ein Prozent abgeschwächt.

Zum Vergleich: Von Anfang 2022 bis Januar 2023 war die Zahl der bedürftigen Haushalte um 7,7 Prozent (plus 1584) nach oben geschnellt, die der Personen sogar um 9,2 Prozent (plus 3432). Diese starke Zunahme durch die kurzfristige Zuständigkeit der Jobcenter für die Ukraine-Flüchtlinge seit Juni 2022 hat man dort bis heute nicht völlig bewältigt. „Das hat uns von einem Tag auf den anderen überlastet“, sagt Jobcenter-Chef Jochen Wacker. „Und es ist immer noch eine Herausforderung, die Lage hat sich bis heute nicht normalisiert.“ Der Rat habe dem Jobcenter zwar weitere 80 Vollzeitstellen genehmigt, das sind etwa 120 zusätzliche Beschäftigte zu den bisherigen 670. Aber deren Einstellung und Einarbeitung brauche Zeit.

Etwa jeder vierte ist Geflüchteter Ende September waren im Jobcenter der Stadt unter allen Bürgergeldempfängern 29 458 als erwerbsfähige Leistungsbezieher registriert. Unter diesen ist der Anteil derer mit einem ausländischen Pass erneut gestiegen, auf nunmehr 59,5 Prozent. Zwar sei die Zahl der sogenannten Altfälle mit einem deutschen Pass weiter etwas zurückgegangen, diese Abnahme werde durch den Zugang von Geflüchteten aber „leicht überkompensiert“, so Jobcenterchef Jochen Wacker. Zumal der Anteil der Geflüchteten unter den erwerbsfähigen Leistungsbeziehern im Jobcenter mit 27,9 Prozent vergleichsweise groß sei. „Die Belastung in Stuttgart ist sehr hoch, das zeigen die Zahlen“, sagt Jochen Wacker. So liege diese Quote in München nur bei 17,6, in Nürnberg bei 21,2 Prozent. Und diese Entwicklung „geht weiter und hört nicht auf“, so Wacker.

Allerdings ist in Stuttgart auch die sogenannte Aktivierungsquote mit 22,7 Prozent besonders gut, also der Anteil der Menschen, die in Maßnahmen zur Arbeitsförderung sind. Die reichen vom Sprachkurs bis zur Berufsausbildung. „Stuttgart macht auch mehr als andere“, betont Jochen Wacker. Man investiere viel in die langfristige berufliche Perspektive der Menschen. In Baden-Württemberg liege die Aktivierungsquote bei 15 Prozent, in München bei 17,4 Prozent.

Viele Frauen mit Kindern Bis vor geraumer Zeit zeitigte diese Strategie gute Erfolge. Bei den Geflüchteten aus den klassischen Fluchtländern der Jahre 2015 und 2016 habe man eine hohe Integrationsquote von bis zu 41 Prozent erreicht, sagt der Jobcenterchef. Mit der Aufnahme der Ukraine-Flüchtlinge sei diese Quote „eingebrochen“. Einfach weil rund 4300 erwerbsfähige Leistungsbezieher dazugekommen seien, ohne dass diese auf die Schnelle eine Vermittlungschance gehabt hätten, schon weil es ihnen an Sprachkenntnissen fehlte und sehr viele Frauen mit Kindern darunter.

Belastbare Zahlen zur Gruppe der Ukrainer gibt es aktuell nicht, viele befinden sich noch immer in Sprachkursen oder Fördermaßnahmen. Auch die Geflüchteten der vorigen Welle hätten „rund fünf Jahre benötigt, bis sich die Erfolge mit hohen Integrationsquoten eingestellt haben“, so Wacker.

Weniger Hilfskräfte gesucht Derzeit macht dem Jobcenterchef eine andere Entwicklung mehr Sorgen. „Fachkräfte sind noch gesucht, aber Helfer nicht mehr“, hat er festgestellt. Seit November 2022 sei „innerhalb eines Jahres die Zahl der Helferstellen um mehr als 25 Prozent zurückgegangen“. „In anderen Städten ist der Rückgang deutlich niedriger“, so Wacker.

Diese Stellen aber seien wichtig für das Klientel des Jobcenters, betont Wacker. So sei der Arbeitsmarkt einige Jahre lang in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie, Lager, Logistik und Sicherheit „sehr aufnahmefähig“ gewesen. Das sei jetzt anders. Dabei steigt die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher im Jobcenter weiter. Die Vermittlungszahlen sind aber bereits zurückgegangen. Im Juni 2021 brachte man noch rund 325 Erwerbslose in Arbeit, im Juni 2023 nur noch 175. Dass dies ein bundesweites Phänomen sei, beruhigt den Jobcenterchef nicht. Jochen Wacker rechnet jedenfalls damit, „dass die Integrationen sinken werden“. Womöglich seien die absackenden Helferzahlen ein Frühindikator dafür, „dass der Arbeitsmarkt insgesamt nachgibt“.

Jobcenterchef klagt über Bürokratie Angesichts der angespannten Lage wünscht sich der Jobcenterchef wenigstens eine Entlastung der Beschäftigten durch Bürokratieabbau. Inzwischen benötigten die persönlichen Berater „die Hälfte ihrer Zeit für die Dateneingabe“. Man brauche daher einige Änderungen von Bundesgesetzen, fordert Wacker. „Da muss man ran, weil auch bei uns die Fachkräfte fehlen.“