Kater „Simba“ wurde im Tierheim Stuttgart abgegeben, weil er häufig auf Textilien gepinkelt hatte. Es stellte sich heraus, dass eine Blasenentzündung der Grund dafür war. Nun sucht er einen neuen Besitzer. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Im Frühjahr ist vermehrt Wurfzeit bei Katzen. Das Tierheim und die Katzenhilfe Stuttgart bereiten sich auf noch mehr Tiere vor – dabei sind sie jetzt schon am Limit. Woher kommen die vielen Katzen?

Mitte April hat der Deutsche Tierschutzbund in einer Pressemitteilung Alarm geschlagen: Auf die Tierheime in der Bundesrepublik komme – insbesondere im Mai – eine Flut von Katzen zu. Das ist jetzt auch in Stuttgart zu spüren: Petra Veiel ist die Pressesprecherin des Tierschutzvereins Stuttgart, dem auch das hiesige Tierheim angehört. „Wir sind sehr ausgelastet. Derzeit sind wieder allerhand Katzenübergaben“, sagt sie. Aktuell schwanke die Zahl der Katzen im Tierheim zwischen 80 und 100. Das könnten bald noch mehr werden, denn die Menge der Fund- und Abgabekatzen im Stuttgarter Tierheim betrug 2020 noch 127. Seither ist die Zahl von Jahr zu Jahr angestiegen und hat sich inzwischen auf 258 im letzten Jahr mehr als verdoppelt.

 

Allerdings soll das Tierheim nur ein vorübergehender Ort für die abgegebenen Tiere sein. Im Durchschnitt blieben Katzen drei Monate im Heim, bis sie einen neuen Besitzer fänden, schätzt Veiel. Doch die Menschen seien wählerisch: So hätten es Katzen mit Gebrechen und solche mit schwarzem Fell – aufgrund des Aberglaubens potenzieller Halter – schwer, ein neues Zuhause zu finden. Bis dahin bedürfen die Tiere viel Zeit, Geld und Pflege durch ehrenamtliche Helfer im Heim.

Streuner sind keine Wildkatzen

Ein neues Zuhause ist oft bitter notwendig für Straßenkatzen. Die Streuner sind nicht mit echten Wildkatzen zu verwechseln. Letztere leben tatsächlich dauerhaft wild in der Natur. Straßenkatzen hingegen sind ehemalige Hauskatzen oder als deren Nachkommen auf der Straße aufgewachsen. Anders als ihre wilden Verwandten haben sie kaum Überlebenschancen. Laut dem Katzenschutzreport des Tierschutzbundes beträgt die Lebenserwartung einer Straßenkatze nur wenige Monate. Zum Vergleich: Hauskatzen werden üblicherweise 20 Jahre alt. „Wenn Straßenkatzen überleben, sind fast alle geschwächt durch Krankheiten, Parasiten, Verletzungen und Hunger“, sagt Lea Schmitz, die Sprecherin des Verbands.

In der Arminstraße in Stuttgart-Süd fing die ehrenamtliche Katzenfängerin Angelika Metke drei unterernährte Kitten ein. Deren Mutter war überfahren worden. Foto: privat/Angelika Metke

Den Anblick übel zugerichteter Katzen kennt auch Angelika Metke nur zu gut. Die Katzenfängerin ist seit 1979 für den Verein Katzenhilfe Stuttgart im Einsatz und rettet regelmäßig kleinen Fellchen das Leben, die ansonsten auf der Straße verenden würden. So half sie im März in Stuttgart-Feuerbach einer Katzenmama mit vier frisch geborenen Kitten, die in einem Kellerschacht festhingen und nicht mehr herauskamen. Ein andermal war es ein Kater mit von Säure verätztem Fell oder jene Katzenfamilie, die jemand an der Reinhold-Maier-Brücke in Bad Cannstatt aussetzte. Seit 2016 hat Metke rund 1700 Katzen in und um Stuttgart gefangen, schätzt sie.

Straßenkatzen leben zurückgezogen

Es gibt in Stuttgart und der Region mehr Straßenkatzen als man gemeinhin annehmen würde. Anders als die typische Straßenkatze, die man als Deutscher aus Urlaubsländern kennt, sind diese hierzulande eher scheu und verstecken sich vor den Menschen. „Bei uns treiben sich Streuner in Gewerbegebieten herum“, weiß die Katzenretterin zu berichten. Auch Bauernhöfe, Industriebrachen und Schrebergärten sind Orte an denen Straßenkatzen leben.

Diesen von Säure verätzten Kater hat Metke in Stuttgart-Freiberg eingefangen. Foto: privat/Angelika Metke

Der Tierschutzbund hat eine repräsentative Umfrage unter ihm angehörigen Vereinen und Einrichtungen, wie etwa Tierheimen und Auffangstationen, durchgeführt. Demnach erlebten 78 Prozent jedes Jahr vor allem – aber nicht nur – im Frühjahr Kätzchen-Schwemmen. „Das bedeutet, dass in dieser Zeit vermehrt Katzen in den Tierheimen abgegeben werden oder Mitarbeiter verwaiste Kitten von Straßenkatzen finden“, erläutert Schmitz.

Weibliche Katzen könnten zwei bis drei Mal im Jahr werfen. Durchschnittlich kämen pro Wurf dabei vier bis sechs Kitten zur Welt. Unter natürlichen Lichtverhältnissen seien die weiblichen Tiere saisonal rollig, also empfangsbereit. Auf die Hauptpaarungszeit im Februar und März folge nach durchschnittlich 64 Tagen Tragzeit der erste Schwung Welpen im April und Mai. Doch auch bis in den Herbst hinein sei mit erhöhten Nachwuchsraten zu rechnen.

„Katzen-Boom“ während der Corona-Pandemie

Doch wie kommt es zu dieser Katzenvermehrung? Tierschützer wie Schmitz vom Tierschutzbund sehen vor allem im Haustierboom während der Corona-Pandemie die Ursache dafür. In den vergangenen zehn Jahren sei die Anzahl der Hauskatzen um ein Drittel gestiegen. Das belegen auch die Zahlen zu Katzen in deutschen Haushalten von Statista.com. Gab es im Jahr 2000 noch 6,8 Millionen Hauskatzen, so betrug ihre Zahl 19 Jahre später schon 14,7 Millionen. In den darauffolgenden zwei Pandemie-Jahren kletterte sie jeweils um eine Million bis zum vorläufigen Höhepunkt von 16,7 Millionen (2021). Ein Jahr später brach die Zahl dann auf 15,2 Millionen ein. Die Corona-Maßnahmen wurden gelockert und so manches Herrchen oder Frauchen hatte offensichtlich seine Lust am Tier verloren und gab es an ein Tierheim ab oder setzte es irgendwo aus.

„Je mehr Katzen in Deutschland gehalten werden, desto mehr Katzen können entlaufen, ausgesetzt werden oder sich mit Straßenkatzen weiter fortpflanzen“, sagt die Sprecherin. Damit werde das Katzenleid weiter angekurbelt. Aus einer repräsentativen Umfrage unter Katzenbesitzern geht hervor, dass vermutlich jede zehnte der bundesweit 15,7 Millionen Katzen in deutschen Haushalten nicht kastriert und damit noch fortpflanzungsfähig ist.

Tierschutz ist Sache der Gemeinden

Bei den Behörden auf Kommunal- und Landesebene rückt das Problem der Katzen-Schwemmen offenbar zunehmend ins Bewusstsein. So verweist ein Sprecher des Landes vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz auf den Entwurf einer Katzenschutzverordnung, der vom Land 2018 erstellt wurde. Diese verpflichtet Halter ihre Freigängerkatzen kastrieren, kennzeichnen und registrieren zu lassen.

Tierschutz ist in Baden-Württemberg allerdings Sache der Kommunen: Jede der 1101 Gemeinden im Land kann selbst entscheiden, ob sie die Katzenschutzverordnung erlässt oder nicht. Bisher haben nach Angaben des Sprechers nur 77 Kommunen eine solche erlassen. Stuttgart ist bisher – trotz mehrfacher Anläufe im Gemeinderat – nicht darunter.

Tierschützer fordern Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen

In der Landeshauptstadt kümmert sich die Tierschutzbehörde um die Streuner. Die Behörde sei „eindringlich auf die bestehende Problematik hingewiesen“ worden, wie ein Stadtsprecher auf Nachfrage mitteilt. Bis Jahresende erfolge in Zusammenarbeit mit Katzenhilfe und Tierheim eine Bestandsaufnahme über die Population der Straßenkatzen. Sowohl die Katzenhilfe als auch das Heim werden auch finanziell von Stadt und Land unterstützt.

Der Stadtsprecher betont hierbei besonders das Problem der Qualzuchten von Rassekatzen durch Privatpersonen: „Es ist ein stark zunehmender, freier, ungeregelter Handel und es sind immer mehr aus den Fugen geratene Züchtungen zu verzeichnen.“ Katzen würden als „Konsumgut“ angesehen, man könne sie schnell und einfach über das Internet bestellen. Das führe dann auch zum wachsenden Problem des „Animal Hoardings“. Was innerhalb der eigenen vier Wände passiere, erfahre die Tierschutzbehörde meist gar nicht, oder lediglich per Zufall, sagt der Sprecher. „Diese Missstände kann auch eine Katzenschutzverordnung nicht verhindern oder verbessern.“ Vielmehr liege hier die Verantwortung in den Händen der Katzenhalter. Diese müssten die Regeln kennen und sich daran halten.

Das sieht man aufseiten der Tierschützer anders. Petra Veiel setzt große Hoffnungen auf Katzenschutzverordnungen: „Es gehört gesetzlich verankert, dass eine Kastrationspflicht und eine Kennzeichnungspflicht bei Katzenhaltern eingeführt wird“, so Veiel. Es sei schade, dass man dazu ein Gesetz brauche, weil die menschliche Vernunft oftmals nicht ausreiche.