Der Baden-Württembergische Handwerkstag und die Bundesagentur für Arbeit warnen vor den Folgen der Fachkräfteengpässe. Diese hätten Konsequenzen für die Energiewende, wenn die Politik nicht eingreift.
Das Handwerk schlägt Alarm: Wegen des Fachkräftemangels seien zentrale Ziele bei der Klima-, Energie- und Mobilitätswende nicht zu erreichen. Bundesweit fehlen laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mindestens eine Viertelmillion qualifizierter Kräfte. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg schlägt in dieselbe Kerbe.
Wie groß ist der Fachkräftemangel? Die Arbeitsagentur hat in einem aktuellen Dossier auf Basis der März-Zahlen 18 000 vom Handwerk gemeldete offene Arbeitsstellen registriert, was 17 Prozent aller gemeldeten Stellen entspricht. Demgegenüber standen 13 000 gemeldete Arbeitslose, die Beschäftigung in einem handwerklichen Beruf suchen. „Auf einen Arbeitslosen mit Zielberuf Handwerk kommen also 1,4 gemeldete Arbeitsstellen“, sagt Christian Rauch, Chef der Regionaldirektion der Arbeitsagentur. Bezogen auf alle Berufe beträgt die Relation lediglich 0,5 Arbeitsstellen. „Das heißt, für Arbeitslose in Handwerksberufen sind die Chancen, eine Arbeitsstelle zu finden, vergleichsweise hoch – aber vielen Handwerksbetrieben dürfte es schwerfallen, ihre offenen Stellen kurzfristig zu besetzen.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So finden Sie einen Handwerker
Ausgeprägte Fachkräfteengpässe herrschten in den Bau- und Ausbauberufen. „Diese Engpässe stellen immer mehr auch eine Bremse dar, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren“, warnt Rauch, zumal die Nachfrage nach Fachkräften in Bau, Handwerk und Energietechnik wegen der Auswirkungen des Ukraine-Kriegs immer weiter steigen dürfte.
Der Baden-Württembergische Handwerkstag hat nach einer eigenen Umfrage ein Potenzial von etwa 60 000 offenen Stellen hochgerechnet. Im Durchschnitt bleibt eine Stelle 170 Tage unbesetzt – im Bereich der Ausbauhandwerke (etwa Trockenbau, Zimmerer, Glaser) sogar 221 Tage. „Zwei Drittel des Jahres bleibt eine Stelle frei“, sagt der Hauptgeschäftsführer Peter Haas.
In der Pandemie sei die Lage durch geringere Schulabgängerzahlen und den Mangel an Berufsorientierung verschärft worden. „Just in der Zeit, wo es in der Energiewende vorangehen soll und wir bei den Klimaschutzgewerken mehr Fachkräfte denn je brauchen, haben wir auf der Arbeitsangebotsseite eine dramatischere Situation als je zuvor“, betont er. Die gravierendsten Engpässe sieht er unter anderem in den Berufen Zimmerer, Maurer, Dachdecker und Maler. „Riesenprobleme“ hätten auch Lebensmittelhandwerke, nicht zuletzt wegen ihres ungünstigen Rufs bei Arbeitsuchenden.
Was lässt sich gegen den Mangel tun? Zunächst einmal sind Effizienzgewinne nötig: „Wir müssen es in den nächsten Jahren schaffen, dass wir durch Digitalisierung, teilweise Automatisierung sowie Unterstützung durch Robotik, aber auch durch eine bessere Vernetzung zwischen Büro und Werkstatt oder Baustelle die Arbeit mit weniger Personal erledigen“, sagt Haas. Das Handwerk müsse da effizienter werden.
Auch der Nachwuchs steht im Fokus: Nach Angaben der Arbeitsagentur erlernt etwa jeder vierte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Auszubildende einen Handwerksberuf. Daher sind junge Beschäftigte (unter 25 Jahren) in den handwerklichen Berufen überdurchschnittlich stark vertreten: Mit 20 Prozent ist der Anteil fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Berufe. „Das Handwerk ist mit seiner überdurchschnittlichen Ausbildungsleistung der Fachkräftelieferant der Wirtschaft und hat die Ausbildung auch während der Pandemie stabil beibehalten“, lobt Rauch. Sein Rat: Auch eine verstärkte Qualifizierung von Beschäftigten ohne Berufsabschluss könnte zur Reduzierung der Fachkräfteengpässe beitragen. Schließlich würden seit Jahren immer mehr un- und angelernte Helfer im Handwerk eingesetzt.
Auffällig ist der geringe Frauenanteil – er beträgt in Handwerksberufen lediglich 15 Prozent gegenüber 45 Prozent in der sozialversicherungspflichtigen Gesamtbeschäftigung. Extrem spärlich sind die Frauen mit nur zwei Prozent vor allem im Handwerksbereich Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik vertreten, während er im weitaus kleineren Bereich „Sonstige“ (etwa Körperpflege, Reinigung) knapp über zwei Drittel liegt. Dementsprechend ist die Teilzeitquote in Handwerksberufen mit zehn Prozent unterdurchschnittlich (insgesamt 27 Prozent).
Wie sind die Einkommensbedingungen? Der Arbeitsagentur zufolge sind die Löhne sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im Handwerk etwas geringer als im Durchschnitt aller Berufe mit vergleichbarem Anforderungsniveau. Haas verweist auf „ganz viele tarifgebundene Handwerksbetriebe, die freiwillig über Tarif zahlen, weil sie sonst keine neuen Leute mehr finden“. So gebe es bei den Effektivlöhnen schon deutliche Abstände zum Tarifgefüge. Bei den sogenannten Ecklöhnen sei man mit entsprechenden Abständen zum künftigen gesetzlichen Mindestlohn von zwölf Euro „gut unterwegs“.
In den größeren Bereichen Bau, Elektro, SHK (Sanitär, Heizung, Klima) und Kfz erhielten die Azubis spätestens im dritten Jahr eine vierstellige Vergütung. „Da sind wir gegenüber manchen kaufmännischen und industriellen Ausbildungsberufen konkurrenzfähig.“ Dass die Friseurin trotz relativ geringer Vergütung noch immer der Lieblingsausbildungsberuf der Frauen sei, zeige jedoch: „Es liegt nicht nur am Geld“, sagt der Hauptgeschäftsführer. Nötig sei auch ein Wandel in den gesellschaftlichen Einstellungen zum Handwerk – bei den Jugendlichen, vor allem aber bei ihren Eltern und Lehrern.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Fachkräfte sind nicht das einzige Problem