Der Umweltstaatssekretär Andre Baumann (rechts) bedankt sich bei Schäfer Dieter Hertler aus Deggingen für dessen großen Einsatz und wirbt für naturnahen Tourismus im Kreis Göppingen. Foto: Ines Rudel

Filsalb so schön wie Provence: Die Schafe auf den Wacholderheiden fressen sich an den besten Kräutern satt und sind ein besonders natürliches Nahrungsmittel – sagt ein Politiker der Grünen.

Kreis Göppingen - Wer am Haarberg-Wasserberg bei Reichenbach im Täle wandert, genießt nicht nur den schönen Ausblick ins obere Filstal, auch botanisch hat das größte Naturschutzgebiet im Kreis Göppingen viel zu bieten: Im Frühling blüht hier der seltene Enzian, und zahlreiche Orchideenarten sind hier ebenfalls zuhause. Gebüsche und Hecken, Eichen- und Buchenwälder sind genauso typisch für die Filsalb wie die europaweit einzigartigen und geschützten Wacholderheiden. Zu verdanken ist letztere landschaftliche Besonderheit den vierbeinigen Landschaftspflegern, wie sie auch Dieter Hertler einsetzt.

Die Landschaft ist Teil des europäischen Naturerbes

Der Schäfermeister aus Deggingen betreibt einen der letzten zehn großen Betriebe im Kreis. Für seinen unermüdlichen Einsatz im Dienst der Artenviefalt bedankte sich der Umweltstaatssekretär Andre Baumann bei Hertler jüngst bei einem Besuch. „Wir tragen die Verantwortung für die besonderen Kalkmagerwiesen und die Wacholderheiden, die Teil des europäischen Naturerbes sind. Ansonsten droht uns ein blauer Brief aus Brüssel“, sagte Baumann in Deggingen mit Blick auf die Einhaltung der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). „Dafür brauchen wir wieder mehr Schäfer“, erklärte der Umweltstaatssekretär, der auch für einen naturnahen Tourismus im oberen Filstal warb, denn die Landschaft sei hier genauso schön wie beispielsweise in der Provence.

Die Schafe fressen sich an den besten Kräutern satt

Auch wilder Thymian und Oregano von der Filsalb brachten Baumann regelrecht ins Schwärmen. Denn sie seien ebenfalls typisch für „unsere Heimat“. „Die Schafe fressen sich hier an den besten Kräutern satt. Ihr Fleisch ist das natürlichste und beste landwirtschaftliche Nahrungsmittel, das man sich denken kann. Da geht mit mir die Leidenschaft durch.“ Und überhaupt sei Lammfleisch viel besser als das von Rindern und Schweinen aus der Massentierhaltung. Klimaneutral und biologisch sei dieser Fleischgenuss obendrein. Baumann wünscht sich, dass die Menschen zweimal pro Monat Lammfleisch aus Baden-Württemberg essen und dazu auch noch Produkte von den Streuobstwiesen, damit diese Art der Landschaft erhalten wird.

Und Schafe seien dafür einfach unersetzlich. Versuche hätten gezeigt, dass weder Mulchen noch Mähen und auch nicht die Einsätze von Pflegetrupps die Vierbeiner ersetzen könnten. Baumann erinnerte an die große Schäfertradition im Kreis Göppingen und den Nachbarkreisen auf der Schwäbischen Alb. Sie reiche bis in die Bronzezeit zurück. Wie entbehrungsreich die Arbeit des Schäfers allerdings im Alltag ist, ließ der Gastgeber Dieter Hertler am Rande des Besuchs durchblicken. „Ich war mit meiner Frau zweimal im Urlaub“, erklärte der Schäfer, der den Betrieb in der dritten Generation führt und meinte damit nicht die Zahl der Urlaube pro Jahr, sondern während seines gesamten Berufslebens. Täglich zwölf Stunden Arbeit an 365 Tagen im Jahr und kaum ein freies Wochenende, das sei für einen Schäfer normal. Und dabei helfen seine Frau, die Schwiegertochter und der Sohn auch noch mit.

Ein Schäfer verdient nur 6,20 Euro pro Stunde

Er habe zwar schon den ein oder anderen Auszubildenden gehabt, doch keiner sei dabei geblieben. Dazu komme eine mehr als schlechte Bezahlung. Der Schäfereireport habe jüngst einen Stundenlohn von 6,20 Euro ausgewiesen. Für Sohn Andreas, Agraringenieur, ist das ein Unding: „Für so wenig Geld arbeiten, das macht doch sonst niemand.“ Dabei würde er die Familientradition eigentlich gerne fortsetzen.

Viele große Schäfereien schlachten selbst

Mit 318 Tierhaltern, die sich um 12 000 Schafe kümmern, sei der Kreis Göppingen ein bedeutender Schafhalterkreis, erklärt das Göppinger Veterinäramt. Im Kreis gibt es zehn Schafschlachtbetriebe, die meist Schäfereien sind. Das Verzeichnis der Direktvermarkter finden Verbraucher im Netz in einer Broschüre unter: http://stzlinx.de/goeppingen

Das europäische ökologische Netz „Natura 2000“ dient dem Schutz der Fauna-Flora-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) und der europäischen Vogelschutzgebiete. Im Kreis Göppingen gibt es elf FFH- und drei Vogelschutzgebiete. Darunter auch das Natura 2000 Gebiet Filsalb mit seinen besonderen Wacholderheiden.

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