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VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hat bei den Aktionären vergeblich um Verständnis geworben, dass nun doch kein umfassender Bericht zu den Hintergründen des Abgasskandals veröffentlicht wird. Auch das neue Vergütungssystem der Vorstände stieß nicht nur auf Beifall.

Hannover - Die eingeleitete Neuausrichtung von VW findet durchaus Beifall bei den Aktionären des Autoriesen. Viel Kritik wurde auf der Hauptversammlung in Hannover jedoch an den bisher bereitgestellten Informationen über die Hintergründe des Abgasskandals laut. „Legen Sie alle schlechten Karten auf den Tisch. Befreien Sie das Unternehmen von diesem Damoklesschwert“, forderte Christian Strenger, der frühere Chef der zur Deutschen Bank gehörenden Investmentgesellschaft DWS. Strenger warf dem Aufsichtsrat und dem Vorstand eine „Wagenburgmentalität“ vor und forderte ebenso wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) eine unabhängige Sonderprüfung der Manipulationen bei der Software zur Steuerung des Stickoxidausstoßes von Dieselmotoren.

DSW-Präsident Ulrich Hocker erinnerte daran, dass VW zunächst versprochen hatte, einen Abschlussbericht der US-Kanzlei Jones Day zum Dieselskandal zu veröffentlichen, dann jedoch einen Rückzieher machte. Der Fondsmanager Andreas Thomae von Deka Investment vermutete, dass die Ergebnisse der Untersuchungen wohl unter Verschluss gehalten würden, weil sie VW nicht gefielen. Möglicherweise, so Thomae, habe der Vorstand schon früher als bisher bekannt von den kriminellen Manipulationen gewusst. Die Fondsgesellschaft der Sparkassen ist Musterklägerin in einem Verfahren, in dem das Oberlandesgericht Braunschweig knapp 1500 Anlegerklagen in Deutschland gebündelt hat. Die Kläger werfen VW vor, zu spät über den Abgasskandal informiert zu haben.

Ermittlungen gegen Winterkorn, Diess und Pötsch

Unabhängig davon ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig, ob die Öffentlichkeit zu spät informiert wurde und damit Anleger geschädigt wurden. Im Visier der Staatsanwälte sind dabei der frühere Konzernchef Martin Winterkorn, VW-Markenchef Herbert Diess und auch Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Das vergangene Jahr sei auch für ihn persönlich schwer gewesen, sagte Pötsch mit Blick auf diese Ermittlungen. Die Kanzlei Gleiss Lutz habe auch bei ihm wie bei den anderen Vorständen und Aufsichtsräten überprüft, ob eine Pflichtverletzung vorliege. Eine eindeutige schwerwiegende Pflichtverletzung hätte eine Entlastung verhindert, was von mehreren Rednern auch gefordert wurde. An einer Zustimmung der Anteilseigner zur Entlastung von Aufsichtsrat und Vorstand gab es jedoch von vornherein keine Zweifel, weil rund 90 Prozent der Stimmrechte bei den Familien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen und dem Emirat Katar liegen.

Der Aufsichtsratschef verweist auf den Vergleich mit dem US-Justizministerium

Pötsch warb um Verständnis dafür, dass anders als zunächst versprochen kein Bericht der Kanzlei Jones Day veröffentlicht wird. Die Kanzlei habe mehr als 600 Interviews mit Mitarbeitern und Führungskräften geführt und mehr als 100 Millionen Dokumente gesammelt. Wesentliche Erkenntnisse von Jones Day seien in ein sogenanntes „Statement of Facts“ eingeflossen, eine frei verfügbare Faktensammlung, die Teil des Vergleichs mit dem US-Justizministeriums sei. VW habe sich bei diesem Vergleich zudem dazu verpflichtet, keine Informationen zu veröffentlichen, die im Widerspruch zu dieser Faktensammlung stehen. Damit drohten laut Pötsch unvertretbare rechtliche Risiken, wenn das Unternehmen einen Bericht veröffentlichen würde. Mehrere Redner äußerten Zweifel an dieser Begründung.

Kritisch beurteilt wurde auch die Neuordnung des Vergütungssystems der Vorstände. Diese Neuordnung, die vom laufenden Jahr an gilt, war angestoßen worden, weil die Vorstände auch für das Geschäftsjahr 2015, in dem das Unternehmen wegen des Abgasskandals einen Rekordverlust verbuchte, sehr gut bezahlt wurden. Insgesamt hatten sie rund 63 Millionen Euro erhalten. Dies hatten Aktionäre auf der letzten Hauptversammlung aufgespießt. „Keinen Cent“ hätten die Vorstände erhalten dürfen, schimpfte ein Redner. Einige Jahre zuvor hatte es bereits eine Diskussion über unanständig hohe Managergehälter gegeben, als der frühere Konzernchef Martin Winterkorn 2011 eine Jahresvergütung von 17,5 Millionen Euro kassiert hatte.

Die Aktionäre kritisieren höhere Fixgehälter für die Vorstände

Mit der Neuordnung wird nun eine Höchstgrenze von zehn Millionen Euro für den Konzernchef und 5,5 Millionen für die anderen Vorstände eingezogen, was auf der Hauptversammlung durchweg begrüßt wurde. Kritik gab es jedoch unter anderem daran, dass das Fixgehalt um 30 Prozent angehoben wurde, was auch zu markant höheren Altersbezügen führt. Vor kurzem war bekannt geworden, dass Winterkorn 3100 Euro Rente pro Tag bekommt.

Die Bewältigung der Dieselkrise habe unverändert die höchste Priorität, sagte Vorstandschef Matthias Müller, weil die rechtliche Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen sei und die Rückrufe noch liefen. Bisher seien weltweit etwa 4,7 Millionen Autos umgerüstet worden, davon 1,7 Millionen in Deutschland. Bis zum Herbst sollen die Rückrufaktionen abgeschlossen werden, so Müller. Der Konzern sei jedoch trotz Dieselkrise für den Umbruch in der Autoindustrie gerüstet. Bis 2025 will der Konzern weltweit die Nummer eins bei der Elektromobilität werden, eine starke Position bei neuen Mobilitätsdiensten aufbauen und deutlich profitabler sein als heute.

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