Die Fahrt in der S-Bahn wird im Raum Stuttgart von April an deutlich günstiger. Folgen andere Verbünde im Land diesem Beispiel? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach der Einigung auf eine große Tarifreform im Verkehrsverbund Stuttgart will der Landesverkehrsminister Hermann auch anderswo im Land eine Entschlackung des Ticketsystems anstoßen. Doch seine Vorschläge gehen bisher ins Leere.

Stuttgart - Was für die Region Stuttgart gut ist, kann für das ganze Land nicht schlecht sein: Nach der Einigung auf eine radikale Reduzierung der Tarifzonen im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) von 52 auf fünf Zonen strebt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) auf Vorschlag der Regierungsfraktionen nun auch umfassende Tarifreformen in anderen Verkehrsverbünden im Land an. Bei einem Treffen in Stuttgart informierte das Ministerium über Fördermöglichkeiten. Allerdings reagieren die Verbünde bisher zurückhaltend. Die Struktur des Rhein-Neckar-Raums sei „nur schwer vergleichbar mit dem VVS“, sagte beispielsweise der Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN) in Mannheim, Axel Thiemann.

Vorsichtig äußerte sich auch der Karlsruher Verkehrsverbund. „Der KVV schaut sich sehr genau an, was die anderen Verbünde bieten. Wir prüfen derzeit, ob unser Tarifsystem optimiert werden kann“, sagte die Sprecherin Sarah Fricke. Dem Aufsichtsrat würden dann Vorschläge vorgelegt. Allerdings litt der für vergleichsweise günstige Ticketpreise bekannte KVV zuletzt unter anderen Problemen. Verspätungen und Zugausfälle wegen Fahrermangels und Baustellenumleitungen nagten am Image. Als einziger Verbund im Land verzeichnete er sogar Fahrgastrückgänge.

„Habe die Waben noch nie gezählt“

„Es geht uns um einen Paradigmenwechsel“, sagte Verkehrsminister Hermann gegenüber unserer Zeitung. Das Angebot des Landes ermögliche es, endlich „aus dem Automatismus jährlicher Preiserhöhungen“ auszubrechen. Zudem gehe es um eine Vereinfachung des Tarifsystems. Vielfach würden Kunden abgeschreckt, weil sie vor dem Lösen ihres Tickets auf einem unüberschaubaren Netzplan Zonen, Ringe oder Waben zählen müssten. Ihre Zahl müsse um mindestens 50 Prozent reduziert werden. Allerdings ist Hermann nicht entgangen, dass sich ländlichere Gegenden mit dieser Vorstellung schwer tun. So sieht man beim Donau-Iller-Nahverkehrsverbund (DING) in Ulm wenig Handlungsbedarf. Die Nutzer seien grundsätzlich zufrieden mit der Preisgestaltung, glaubt der Marketingchef Markus Zimmermann. Wie viele Waben es in seinem Verbund gibt, kann er aber nicht sagen. „Das habe ich noch nie gezählt.“

Auch beim Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau (Naldo), der von Reutlingen und Tübingen bis nach Sigmaringen reicht, ist man vom bestehenden Tarifsystem mit mehr als 30 Waben überzeugt. „Die Förderkriterien des Landes sind nicht für jeden Verbund geeignet“, kritisierte der Naldo-Geschäftsführer Dieter Pfeffer. So plane sein Verbund ein attraktives Ticket für junge Erwachsene bis 25 Jahren – ein „gutes Tarifmodell, das aber nicht unter die Förderkriterien fällt“. Tatsächlich hat das Land kein Interesse an Bonbons für einzelne Nutzergruppen. Gefördert werde nur eine Absenkung, die allen zugutekomme.

OB Palmer sieht Redebedarf

Mit seiner Kritik hat Pfeffer bereits Widerspruch beim Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) produziert. „Darüber wird noch zu reden sein“, kündigte Palmer auf Facebook an. Aus seiner Sicht sei die Schaffung von Großwaben für die Räume Tübingen und Reutlingen sinnvoll. Lob ernteten die Vorschläge aus Stuttgart in Südbaden. Sie gingen in die richtige Richtung, sagte der Sprecher der Freiburger Verkehrs-AG, Andreas Hildebrandt. Allerdings wähnt man sich selbst längst einen Schritt weiter. „Beim Einzelfahrschein gibt es bei uns drei Preisstufen, beim 24-Stundenticket zwei, und die Monatskarte für 55 Euro gilt im gesamten Gebiet. Viel einfacher geht es nicht“, sagte Hildebrandt.

Sehen Sie im Video das Sommer-Interview mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn zur Tarifreform:

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