Nutzer von Zeitkarten in Bus und Bahn bekommen in naher Zukunft einen Fahrausweis in Kreditkartenformat. Foto: Leif Piechowski

Bus und Bahn fahren, Leihauto buchen, Park&Ride-Platz reservieren, Bücher ausleihen, und das Ganze vielleicht auch noch bezahlen: Das alles kann die neue Polygo-Card, die 500 000 Zeitkarteninhaber im Verkehrsverbund Stuttgart im Laufe des nächsten Jahres bekommen.

Stuttgart -

Die Vision

Öffentlicher Nahverkehr ist ein schwieriges Geschäft. Wer einen Fahrschein für Bus und Bahn kaufen will, müht sich möglicherweise am Automaten mit vielen Ticketarten ab. Oder – wenn er zu Monatsbeginn oder nur ein- oder zweimal im Jahr eine Zeitkarte kaufen will – er steht in der Warteschlange am Verkaufsschalter von Bahn oder SSB. Besser wäre es, wenn er die jeweilige Buchung online vornehmen könnte. Das ist ab sofort möglich, wenn der Kunde des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) in den Besitz einer sogenannten Polygo-Card gelangt. Ende August hat der Verbund mit der Auslieferung an zunächst 70 000 Scool-Abo-Inhaber außerhalb der Landeshauptstadt begonnen – mit Problemen.

Die Möglichkeiten

Besitzer der Polygo-Card sollen nicht nur Busse, S-Bahnen, Stadtbahnen und Regionalzüge komfortabel nutzen können, sondern auch weitere Angebote, die ihn bewegen. Zum Start kann man den Ausweis im Scheckkartenformat bei den Autoverleihern Car2go, Flinkster und Stadtmobil sowie den Fahrrad- und Pedelec-Verleihern Call a bike (in Stuttgart) und Nextbike (in der Region) registrieren lassen und damit deren Fahrzeuge buchen und abrechnen. Außerdem schaltet die Karte die Ladestationen der EnBW für Elektrofahrzeuge frei. Künftig sollen Besitzer P&R-Plätze an Bahnhöfen reservieren können und – zumindest in Stuttgart – Schwimmbäder besuchen, Bücher ausleihen, Parkausweise beantragen, Umweltplaketten bestellen oder Termine im Bürgerbüro buchen. SSB-Kunden können sie als Polygo-Card Pay mit einer Geldkartenfunktion ausstatten lassen oder bei der BW-Bank gleich als Kreditkarte anlegen lassen. Dafür sind 20 000 Karten vorgesehen.

Die Zielgruppe

Die gut 30 000 Scool-Abo-Inhaber in Stuttgart bekommen ihre Plastikkarten von der SSB erst zu Beginn des neuen Jahres. Davor werden rund 150 000 VVS-Kunden mit Jahres-, Firmen- und Seniorentickets ausgestattet, die bereits im vergangenen Frühjahr schriftlich auf die Umstellung hingewiesen wurden. Zuletzt sollen laut VVS-Geschäftsführer Horst Stammler rund 250 000 Verbundpassbesitzer, die Monatskarten lösen, zum Umstieg bewegt werden. In Kürze soll auch jeder andere eine Karte beantragen können. Für den Gelegenheitsverkehr setzt der Verbund seit 2011 auf Handytickets als digitale Alternative zum Papier-Fahrschein.

Die Kosten

Die Mobilitätskarte war keine einfache Geburt. Sie ist Bestandteil des seit 2012 laufenden Forschungsprojekts „Stuttgart Services“ von 23 Partnern unter Federführung der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Es kostet rund 25 Millionen Euro, von denen die Bundesregierung neun Millionen im Rahmen des Schaufensters Elektromobilität überweist. Große Brocken sind die Ausstattung der Bordcomputer von rund 1400 Linienbussen im Ballungsraum mit Scannern, die Polygo erkennen. Die Busse in den Landkreisen sind bereits ausgestattet, jene der SSB und der Bahntochter RBS noch nicht. Zum Projekt gehört der Vorläufer VVS-Mobilpass, der seit 2012 gut 30 000-mal ausgegeben wurde und mit dem die Dienstleistungen bisher genutzt werden können.

Der Name

„Polygo kommt dabei heraus, wenn 23 Köche mitmischen“, sagt ein Regionalrat, dem der Name nicht leicht über die Lippen will. „Poly heißt viel und go steht dafür, dass mit der Karte viel geht“, sagt Horst Stammler. Eine Arbeitsgruppe habe den Namen gefunden, der Offenheit demonstrieren soll. Außerdem nennen viele VVS-Kunden die Karte möglicherweise weiterhin ihre Jahreskarte oder so ähnlich. Stuttgart Service Card war der Regionalversammlung, die bis zu 3,3 Millionen Euro bezahlt, zu sehr auf die Landeshauptstadt konzentriert.

Die Probleme

Weil das Projekt nicht wie geplant bis Ende des Jahres umgesetzt ist, hat der regionale Verkehrsausschuss am Mittwoch beschlossen, es bis zum 30. Juni 2016 fortzuführen. So kann die Chipkarte bisher nicht zentral gemanagt werden, Inhaber müssen sich bei jedem Partner einzeln anmelden. Ein Informations- und Buchungsportal im Internet, das die Firma Bosch verantwortet, funktioniert noch nicht. Das Informationsangebot stellt vorerst der VVS bereit, der den Betrieb von Polygo für drei Jahre bis 2018 übernehmen soll.

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