2023 war für den Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) geradezu revolutionär. Doch woher künftig das Geld für den Nahverkehr kommt, ist offen.
„Wir können ja von Glück reden, dass wir unsere Pressekonferenz nicht am Mittwoch gemacht haben!“ Mit dieser Anspielung auf den jüngsten Streiktag im Stuttgarter Nahverkehr hat Thomas Hachenberger, der zusammen mit seiner Kollegin Cornelia Christian an der Spitze des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) steht, die Probleme des Nahverkehrs im vergangenen Jahr umrissen. Dazu gehörten nicht nur Streiks, sondern auch kurzfristig angekündigte Baustellen bei der S-Bahn, Verspätungen und struktureller Fahrermangel, der im Sommer sogar die sonst zuverlässigen Stuttgarter Straßenbahnen zeitweise ins Straucheln brachte.
Deutschlandticket lässt Streiks und Verspätungen vergessen
Dass 2023 dennoch für den öffentlichen Nahverkehr in der Region Rekorde brachte, hat einen einzigen Grund – das Deutschlandticket. Die Zahl der Abonnements im Verbund ist binnen eines Jahr um fast Dreiviertel auf 540 000 gestiegen. Das ganze Abo-Gefüge hat sich über Nacht radikal umgekrempelt. Nur noch 8000 Kunden sind bei den alten Abos geblieben, am ehesten einige Rentner, weil für sie der Preisunterschied zum bisherigen Seniorenticket minimal war. Zwei Drittel der Abo- Kunden kaufen aktuell das Deutschlandticket, das restliche Drittel sind Nutzer des inzwischen ebenfalls in ganz Deutschland geltenden JugendticketsBW.
Doch diese Zahlen spiegeln noch nicht einmal den ganzen Boom wieder. „Wir wissen immer noch nicht, wie viele Tickets über den Navigator der Deutschen Bahn verkauft worden sind“, sagt Hachenberger. Und so traut man sich bis April 2025 noch einmal einen weiteren Zuwachs von mehr als zehn Prozent auf 600 000 Abos zu. Das wäre im Vergleich zu 2022 fast eine Verdoppelung.
Dass dennoch der Nahverkehr unter der Nachfrage bisher nicht zusammengebrochen ist, hat auch damit zu tun, dass die Abokunden weniger häufig unterwegs sind. Das liegt einerseits daran, dass viele Arbeitnehmer in Zeiten des Homeoffice nicht mehr täglich pendeln, andererseits daran, dass sich das Deutschlandticket schon bei wenigen Fahrten lohnt. So schätzt der VVS, dass nur etwa zehn Prozent mehr Fahrten unternommen worden sind. Genau weiß man das aber nicht, weil es vor allem in den Bussen noch keine präzisen Zählsysteme gibt – eine Baustelle, die der Verbund in diesem Jahr angehen will. Die 344 Millionen für 2023 angenommenen Fahrgäste liegen deshalb immer noch deutlich unter dem Fahrgastrekord des Jahres 2019 mit 395 Millionen Fahrten.
Blindflug bei den Finanzen
Auch beim Geld gibt es weiterhin einen Blindflug. Wie das Defizit des Deutschlandtickets ab 2025 gedeckt wird, ist immer noch völlig offen, vor allem weil der Bund nicht weiter zahlen will. Zurzeit zehrt man im VVS auch noch von Unterstützungsgeldern aus der Corona-Zeit oder von Ausgleichszahlungen für die verlorenen Einnahmen durch einer Tarifzonenreform vor fünf Jahren.
Die Fahrgeldeinnahmen decken zurzeit nur etwa ein Drittel der Kosten. 85 Prozent der Kunden, die mit Abos unterwegs sind, werden auch die dritte Tariferhöhung binnen eineinhalb Jahren am 1. August um durchschnittlich 7,9 Prozent nicht spüren. Denn die Preise des Deutschlandtickets und des D-Tickets JugendBW bleiben stabil.
Zum Streit über Tariferhöhungen kein Kommentar
Den aktuellen Streit zwischen Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und dem Stuttgarter OB Frank Nopper (CDU) über die geplante Preiserhöhung will man seitens des VVS nicht kommentieren. „Das hat eine politische Dimension“, sagt VVS-Chefin Christian: „Es zeigt grundsätzlich, dass der öffentliche Nahverkehr eine Refinanzierung benötigt.“
Der VVS will zusätzliches Geld vor allem auch durch mehr Kunden erwirtschaften. 2023 hat gezeigt, dass das geht: Trotz billigem 49-Euro-Ticket sind die Einnahmen aus Zeitfahrkarten um mehr als Viertel gestiegen. Ein Schlüssel dazu soll ein weiteres Wachstum bei den Firmentickets sein, bei denen Arbeitgeber für ihre Beschäftigten das Deutschlandtickets subventionieren. Schon heute haben im Verbundgebiet ein Drittel der Nutzer ein solches rabattiertes Abo, das aus dem Deutschlandticket ein Ticket für höchstens noch 34,30 Euro im Monat macht.
VVS-Ticket mit der Mietwohnung?
Neu ist ein Ansatz, den Cornelia Christian von ihrer letzten Station vor dem VVS beim städtischen Verkehrsunternehmen in Bielefeld kennt. So genannte Mietertickets könnten in von größeren Immobilienunternehmen betriebenen Mietshäusern ein Teil des Mietvertrages werden. Ein Nahverkehrsticket wäre dann in der Miete enthalten. Der VVS würde von den Wohnungsunternehmen einen Ausgleich bekommen. Man sei hier aber noch am Anfang, sagt Christian.
Groß ausgeweitet wird das VVS-Angebot 2024 nicht. Im Gegenteil: Die S-Bahn muss wegen Fahrermangels ihr Angebot bis zum Sommer abends und an den Wochenenden leicht ausdünnen. Ausgebaut werden soll aber der 2023 gestartete Verkehr mit Rufbussen. Anfang des Jahres kam hier Göppingen dazu. Das Gebiet um Bietigheim-Bissingen und Besigheim soll in diesem Jahr folgen.