Der Verbundpass ist eine bequeme Eintrittskarte in den Nahverkehr. Die Stadt subventioniert das Jahresticket für ihre Beschäftigten. Die Nachfrage ist höher als erwartet Foto: Leif Piechowski

Das vom VVS zum 1. April 2014 neu konzipierte, vom Arbeitgeber bezuschusste Jobticket entwickelt sich bei den Beschäftigten der Landeshauptstadt zum absoluten Verkaufsschlager. Statt erwarteter 1200 gab es 4550 neue Kunden. Problem: Die Stadt muss 1,3 Millionen Euro zusätzlich zuschießen.

Stuttgart - Um ihre 19 000 Beschäftigten vom Auto in Bus und Bahn zu lenken, zahlt die Landeshauptstadt seit dem 1. April 2014 für das neue Jobticket einen Zuschuss von im Schnitt inzwischen 28,15 Euro pro Monat. Dafür wurden im Doppelhaushalt bis Ende 2015 pro Jahr 2,118 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Nachfrage aber übertrifft alle Erwartungen. „Wir hatten Ende Dezember 2014 fast 10 000 Nutzer, das heißt 4550 zusätzliche Jahresabos oder ein Plus von 83,5 Prozent“, sagt Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle.

Die Stuttgarter Straßenbahnen AG, mit der die Stadt abrechnet, hatte dem Gemeinderat anhand von „Erfahrungswerten zur Preiselastizität“ nur 1200 Umsteiger vorhergesagt. Daher waren für diese und die bestehenden 5450 Abos nur 2,118 Millionen Euro im Haushalt vorgesehen worden. In diesem Jahr müssten 1,3 Millionen Euro über Plan aus der sogenannten Deckungsreserve bereitgestellt werden, sagt Wölfle auf Anfrage. Er will den Betrag am 4. März im Verwaltungsausschuss zur Abstimmung stellen. Für den Doppelhaushalt 2016/17 müssten bei geschätzten 10 300 Kunden für das Jobticketabo dann jährlich 3,5 Millionen Euro eingeplant werden.

Die Debatte um Sinn oder Unsinn der Subvention dürfte angesichts dieser Zahlen neu belebt werden. Die Stadt will den monatlichen Eigenanteil der Beschäftigten für die ersten zwei Zonen im Verkehrsverbund (VVS) bei 30, für die dritte Zone bei 50, die vierte bei 70, die fünfte bei 90 halten. Angesichts der jährlichen Preiserhöhungen im VVS würde der Zuschuss also weiter steigen. Damit die Beschäftigten zehn Prozent Rabatt auf die Jahresfahrkarte erhalten, muss der Arbeitgeber mindestens zehn Euro pro Monat zuschießen. Der VVS profitiere „durch die Zusatzabos überdurchschnittlich, weil wir einen so hohen Anreiz setzen“, sagt Wölfle und fordert für die Tarife ab 2016 neue Verhandlungen: „Wer mehr als zehn Euro Zuschuss zahlt, muss im Gegenzug mehr Rabatt erhalten. Mit einem Stufenmodell könnten zum Beispiel je fünf Euro ein Prozent Rabatt erworben werden. Wölfle spricht von einem „Hebeleffekt für umweltpolitische und verkehrspolitische Verbesserungen“.

Ohne Firmenzuschuss erhalten Arbeitnehmer nur fünf Prozent Rabatt vom VVS. Für langjährige Nutzer ein Skandal, denn bis 2007 waren es noch zehn Prozent. Bis Ende 2013 wurde der Rabatt auf sieben Prozent abgeschmolzen und dann auf fünf Prozent gesetzt. „Das ist eine versteckte Preiserhöhung“, sagt ein langjähriger Nutzer.

Firmen, die das Ticket über den Lohn direkt bezuschussen, geben dafür beim Verbund eine schriftliche Erklärung ab. Um den Rabatt zu erhalten, müssen mindestens 50 Beschäftigte gemeldet werden. Kleinere Betriebe können sich zu einer Bestellgemeinschaft zusammenschließen. „Wir können diese zur Not vermitteln“, sagt SSB-Sprecherin Brite Schaper.

Für die Mitgliedsbetriebe der City-Initiative (Cis), also der Händler in der Innenstadt, ist die Cis selbst Sammelstelle. „Wir haben zehn Firmen mit 60 Teilnehmer, jeden Monat kommen neue hinzu“, sagt Citymanagerin Bettina Fuchs. Die Cis selbst gewährt ihren Mitarbeitern 20 Euro im Monat. Erheblich mehr zahlt die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, nämlich 51,13 Euro pro Monat. Der Eigenanteil für zwei Zonen liegt dann nur bei rund zehn Euro. Den Zuschuss habe es in dieser Höhe schon vor der VVS-Tarifumstellung gegeben, sagt IHK-Sprecherin Anke Seifert. Alternativ könnten Mitarbeiter in der hauseigenen Tiefgarage an der Jägerstraße kostenlos parken.

„Wie viele Unternehmen sich für die neue Ticketform mit Zuschuss entschieden haben, das wissen wir leider nicht“, sagt Seifert. Die IHK biete auch keine Plattform für kleinere Firmen an: „Auch wenn das oft behauptet wird, wir machen keine Koordinierung.“ Auch die Handwerkskammer könne das bei 30 000 Betrieben und 176 000 Beschäftigten nicht leisten, sagt Sprecherin Alexandra Peschke. Eigene Mitarbeiter erhalten 75 Prozent des Ticketpreises, maximal aber 50 Euro erstattet. Von den 150 Beschäftigen haben 60 die Fahrkarte.

Doch das Ticket kommt nicht überall an. Die Landesbank, bei der laut dem stellvertretenden Personalratsvorsitzenden Walter Fröschle 7000 Menschen arbeiten, hat es abgelehnt, zehn Euro zu geben. Als Grund wird eine teure EDV-Umstellung für die Erfassung des geldwerten Vorteils genannt. „Das ist kein neues Thema, soll sich aber 2017 mit dem Anschluss an die Sparkassen-EDV erledigen“, sagt Fröschle. Bei der LBBW haben bisher 3500 Beschäftigte ein Firmenticket ohne Zuschuss. „Mir fehlt die Fantasie, dass wegen zehn Euro und fünf Prozent Zusatzrabatt mehr Autofahrer umsteigen“, sagt Fröschle. Wer in der LBBW-Tiefgarage parkt, muss 90 Euro pro Monat zahlen.

Stuttgarts OB Fritz Kuhn hatte bei Firmen mehrfach für einen Zuschuss zum Ticket geworben. Das hat 2014 aber weniger gefruchtet als der städtische Zuschuss. Laut Schaper gab es Anfang 2014 genau 21 703 Firmentickets, die über die SSB abgerechnet wurden. Eine Aufschlüsselung mit/ohne Zuschuss ist angeblich nicht möglich. Ende 2014 waren es 29 898 Jahreskarten, also 8195 mehr. Zieht man die 4550 der Stadt ab, bleiben 3645 von Firmen. Im gesamten VVS beträgt der Zuwachs 19 Prozent. Absolute Zahlen sollen bei der Pressekonferenz an diesem Freitag bekannt gegeben werden.

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