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Kettenreaktion könnte den Schwestervulkan von Eyjafjallajökull zum Ausbruch bringen.

Reykjavik - Verglichen mit Katla war Eyjafjallajökull ein kleines Licht: Er gilt als einer der aktivsten Vulkane auf Island und hat zehnmal mehr Kraft als der Berg, der Europa tagelang ins Chaos stürzte. Im 18. Jahrhundert brachte Katla zehntausend Isländern den Tod.

Nach dem Chaos kam zunächst die Erleichterung: Die von ungünstigen Winden nach Europa getragene Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull soll doch nicht so schädlich für Flugzeuge und das Weltklima sein wie zunächst befürchtet. Dennoch bleiben isländische Naturwissenschaftler vorsichtig mit Entwarnungen. Denn der gegenwärtige Ausbruch könnte nur der Auftakt einer Kettenreaktion in Südisland sein.

Das seismologische Augenmerk richtet sich vor allem auf den nur 20 Kilometer vom Eyjafjallajökull entfernten Vulkan Katla. Die Schwester ist zwar mit 1450 Metern gut hundert Meter niedriger als Eyjafjallajökull, ein Ausbruch könnte aber zehnmal heftiger ausfallen, eine Aschewolken deutlich höher in die Atmosphäre befördert werden. Katla liegt unter einer rund 500 Meter dicken Gletschereisschicht - mehr als doppelt so viel wie bei Eyjafjallajökull.

"Katlas Magmakammern liegen nah an der Erdoberfläche. Die vom Nachbarvulkan ausgehende Unruhe in der Erdkruste kann Katla in Gang bringen. Die Gefahr ist real", warnt Geologieprofessor Lennarth Bjorklund. Er vermutet, dass beide Vulkane eine gemeinsame Magmakammer haben. Zuletzt erwachte Katla dreimal kurz nach einem Ausbruch von Eyjafjallajökull. Die Eruption im Jahr 1918 dauerte 24 Tage.

b>18. Jahrhundert: Weltuntergang auf Island

Auch in den Jahren 1721 und 1755 hatte Katla folgenschwere Ausbrüche. Wozu der Vulkan fähig ist, beschreibt der Pfarrer Jín Steingrâmmson in seinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1783 und 1784. Seine sogenannten Feuerpredigten gingen in die Geschichte ein. Die Erde habe sich buchstäblich geöffnet, heißt es darin. "Die Pferde verlieren ihren Halt, dicke Geschwülste bilden sich um ihre Gelenke, die Schafe schwellen an und werden so voll von dem Gift, dass die Menschen davon sterben, wenn sie ihr Fleisch essen oder das, was davon noch übrig ist." Über die Aschewolke schreibt der Geistliche: "Mehr Gift fällt vom Himmel, als ein einzelner Mensch verstehen kann: Asche, Schwefel, Salpeter gemischt mit Sand. Das Wasser hat einen hellblauen Ton bekommen. Die Gewächse sind verdorrt, und die schreckliche Luft macht das Atmen so schwer, das ältere Menschen ihre Lungen nur noch zur Hälfte zu füllen vermögen." Die Wissenschaft bestätigt heute viele dieser Beschreibungen.

Durch die ausgestoßenen Aschewolken kam es damals zu einer Verdunkelung der Atmosphäre und zu einem deutlichen Temperatursturz in Island und in weiten Teilen der Welt, ergaben Studien. Die Sommer verliefen in diesen Jahren ungewöhnlich kurz. Island lag unter einem Schleier aus vulkanischen Gasen (Fluorid und Schwefeldioxid). In den zwei Ausbruchjahren sollen 100 Millionen Tonnen Gestein in die Luft gegangen sein. Aus 130 Kratern schoss Lava. 14,7 Kubikkilometer Basalt soll der Berg ausgespuckt haben. Das Material hat einen 565 Quadratkilometer großen Teil der Insel unter sich begraben.

In der Folge kam es zum Absterben der Vegetation, zu Missernten, dem Tod von 75 Prozent des Viehbestands und einer Hungerkatastrophe, die jedem fünften der damals 50.000 Isländer den Tod brachte. Auch in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent stiegen die Todeszahlen. Das belegt eine 2007 im schwedischen Wissenschaftsmagazin "Forschung und Fortschritt" zusammengefasste Studie zur sogenannten Vulkanseuche. Demnach gelangten damals rund 100 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Atmosphäre, was als "Höhenrauch" und "trockener Nebel" bezeichnet wurde.

Katlas einstige Wutausbrüche haben sichtbare Zeichen hinterlassen - zum Beispiel in der steintrümmerbesäten Umgebung des Küstenorts Vik. In der 300-Einwohner-Gemeinde probt man derzeit den Ernstfall. Laut einem streng durchexerzierten Evakuierungsplan muss der gesamte Ort samt Anrainerhöfe bei einem Ausbruch des Vulkans innerhalb von 20 Minuten geräumt sein. 30 Minuten war die bisherige Bestzeit, sagt Bürgermeister Sven Palsson. Würde Katla ähnlich stark ausbrechen wie im 18.Jahrhundert, würde der Vulkan wohl weit mehr Schaden anrichten als ein paar Tage Flugverbot.

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