In der Werkstatt: Die VR-Installation entführt ins 15. Jahrhundert Foto: Landesmuseum

Wer hat die Reliquien geklaut? Das Landesmuseum Württemberg hat eine VR-Installation eingerichtet, an der man 3D ins Mittelalter reisen kann – uns das natürlich kostenlos.

Stuttgart - Wäre der Mensch nicht so ein schlimmer Sünder, wäre unsere Welt um manche Schönheit ärmer. Das schlechte Gewissen war schon immer eine profitable Sache, vor allem für die Kirche. Vermutlich war einst im 15. Jahrhundert auch Margarethe von Stein nicht ohne Schuld, weshalb sie großzügig in ihre Geldbörse griff. Sie stiftete einen prunkvollen Flügelaltar mit reichlich Gold für das Kloster Lichtenstern – und erhoffte sich, einst in besserem Lichte vor Gott zu stehen.

Doch im Moment ist die Äbtissin von Stein in heller Aufruhr. Jemand hat die Reliquie der Heiligen Jungfrau Ursula gestohlen – und wer im Alten Schloss eine der VR-Brillen ergattert, kann in einen virtuellen Krimi abtauchen, der ins Spätmittelalter führt, direkt hinein in die Werkstätten des Altarbaumeisters und auf den Markt, auf dem sich der Dieb herumtreibt. Denn das Landesmuseum Württemberg hat seit kurzem ein ungewöhnliches Projekt im Angebot: An der neuen Virtual-Reality-Station „Heilige und Halunken“ können die Besucher VR-Brillen aufziehen und dreidimensional den fiktiven Krimi aus dem 15. Jahrhundert durchleben.

Die Besucher drehen sich ständig auf ihren Stühlen hin und her

Zugegeben, hohe Filmkunst ist nicht, was da in der Kirche, in der Werkstatt und auf einem kleinen Markt gedreht wurde. Die Schauspieler agieren leidlich, die Bildqualität ist nicht überwältigend, das Interesse des Publikums aber trotzdem groß. Oft sind alle Brillen in Benutzung – und auf den Stühlen drehen sich Kinder wie Erwachsene hin und her. Erst wenn man selbst eine Brille aufsetzt, begreift man, warum. Wenn man Kopf und Körper bewegt, kann man die dreidimensionalen Räume mit den Augen durchstreifen, kann den Männern zusehen, die in der Werkstatt des Meisters Lienhard arbeiten, oder beobachten, wie die vornehme Herrin des Hauses Geld aus einem verschlossenen Kästchen holt, um „den besten Schreiner“ für seine Arbeit zu entlohnen.

Bei den Dreharbeiten war die schwierigste Aufgabe, passende Schauplätze zu finden. Die Kirche im Kloster Lichtenstern im Landkreis Heilbronn taugte nicht, weil die später eingefügte Kanzel und fest montierten Bänke nicht in die mittelalterliche Optik passen. Stattdessen wurden die Kirchenszenen im fränkischen Klosterzimmern gedreht, während die Werkstatt und der Markt im Freilandmuseum Bad Windsheim aufgenommen wurden, wo „Living-History-Akteure“, wie das heute heißt, in die passenden Kostüme schlüpften.

In Wirklichkeit ist aber nix passiert

„Heilige und Halunken“, von der Kuratorin Ingrid-Sibylle Hoffman und der Volontärin Katharina Wilke betreut, ermöglicht einen guten Zugang zu einer Materie, die vielen heute zwangsläufig fremd ist. Deshalb ist es schade, dass der Flügelaltar des Klosters Lichtenstern, um den es in dem Film geht, derzeit restauriert wird und darum nicht ausgestellt werden kann. Nach der VR-Reise hätte man gute Lust, ihn sofort genauer zu studieren. Das kann man derzeit zwar nicht am Original. Es wird aber immerhin ein 3D-Modell des Lichtensterner Altarretabels in Originalgröße im Ausstellungsraum projiziert. In der Sammlung stehen dafür authentische Dokumente dieser Zeit, die man nach dieser virtuellen Reise natürlich prompt mit ganz anderen Augen betrachtet. So wird Geschichte lebendig!

Der Altar entstand um 1465, als Margarethe von Stein als eine von zwanzig Nonnen in dem Kloster bei Löwenstein lebte. Der Tag der Zisterzienserinnen war streng geregelt und bestand aus Gebet, Arbeit und Ruhe – wenn eben nicht gerade Gespräche mit den Handwerkern anstanden oder etwas gestohlen wurde. „Diese war unsere Version“, heißt es allerdings am Ende des 3D-Kurzkrimis, den die Storz Medienfabrik in Esslingen produziert hat. Soll heißen: So könnte sich die Geschichte ereignet haben. Hat sie aber nicht. Für das ungewöhnliche VR-Projekt im Museum wurde der Diebstahl der Reliquie frei erfunden.

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