Seit zehn Jahren kaum Fortschritte: Der Tower in der Morgensonne. Foto: Gottfried Stoppel

Zwei ehemalige Geschäftsführer und Investoren des Fellbacher Hochhauses müssen sich ab Donnerstag wegen Insolvenzverschleppung und Marktmanipulation vor Gericht verantworten.

Die Mühlen der Justiz, das Sprichwort ist bekannt und hat immer mal wieder seine Berechtigung, mahlen langsam. Man könnte es auch positiver ausdrücken: Gut Ding will Weile haben. Eine gute Entwicklung allerdings hat das Super-Hochhaus in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) seit dem Spatenstich im Jahr 2014 und der Pleite 2016 nicht genommen. Mit den damaligen Vorgängen beschäftigt sich nun auch das Landgericht Stuttgart – in einem Prozess gegen die beiden damaligen Investoren.

 

Kaum zu glauben, aber seit bald zehn Jahren geht seit dem verkündeten Baustopp und der Pleite des damaligen Investors auf der Baustelle nur marginal etwas voran.

„5 to 1“: Randbebauung wie eine Fünf um den Solitär

Der damalige Namen der Projektgesellschaft, die Gewa 5 to 1 Gesellschaft mit Sitz in einem vergleichsweise kleinen Büro in Esslingen-Mettingen, leitete sich zum einen ab von den Namen der damaligen Investoren, Michael G. Warbanoff und seinem Sohn Mark, der nicht von Beginn an dabei war, sondern etwas später einstieg. Die Ziffern wiederum spielen darauf an, dass sich aus der Vogelperspektive betrachtet um den Solitär in der Mitte, also dem Hochhaus, die Randbebauung wie eine Fünf schmiegt.

Das Projekt hatte zunächst vor allem der Vater ins Spiel gebracht, um das seit vielen Jahren brach liegende Gelände neben der Schorndorfer Straße in Fellbach zu beleben. Beim Richtfest des ebenfalls von Warbanoff umgesetzten Winnender Markthauses im Jahr 2006 sprach der damalige Fellbacher OB Christoph Palm Warbanoff an, ob er denn nicht Ideen für das als Fromm-Areal bekannte Gebiet habe.

Warbanoff hatte, und daraus entwickelte sich die Vision eines Fellbacher „Wolkenkratzers“ – zunächst 85 Meter hoch und sogar mal mit zwei Türmen angedacht, die spätere Variante kam auf die realisierten 107 Meter. Mit 34 Stockwerken sollte es das dritthöchste Wohngebäude in Deutschland sein. Seine Anmutung wurde vom Architekten Jörg Wolff in der Vorstellung in einer damaligen Gemeinderatssitzung mit als „eleganter, schlanker Bleistift“ skizziert.

Zwar formierte sich Widerstand, es gründete sich gar eine Bürgerinitiative unter dem Titel „Fellbach ist nicht Manhattan“, die den „Koloss von Fellbach“ ins Wanken bringen wollte. Der Gemeinderat, insbesondere die bürgerlichen Fraktionen CDU und Freie Wähler/Freie Demokraten, unterstützte allerdings mehrheitlich Palms Kurs, dem Baubeginn stand somit nichts mehr im Weg. Die geplante Fertigstellung prognostizierte Warbanoff damals in einem Gespräch mit unserer Zeitung für „Dezember 2014“.

 Baubeginn für den Gewa-Tower am 28. Mai 2014 mit prominenter Besetzung an den Spaten (3. von rechts: der damalige Fellbacher OB Christoph Palm). Foto: Sascha Sauer

So schnell ging’s dann freilich damals schon nicht, doch zum Spatenstich im Mai 2014 postierten sich Palm und weitere Honoratioren mit Warbanoff den Fotografen. In den zwei Dutzend Folgemonaten wuchs der Tower bis zur anvisierten Höhe, eigentlich schien alles auf eine Vollendung des Projekts hinauszulaufen – ehe im Frühherbst 2016 Gerüchte über mögliche finanzielle Probleme des Investors aufkamen. Der Bau sei ins Stocken geraten, ja sogar eingestellt, hieß es. Warbanoff wies dies gegenüber unserer Zeitung vehement zurück: Es gebe lediglich „die üblichen Baustellenprobleme“, doch von einem Baustopp könne überhaupt keine Rede sein.

Wenige Tage danach allerdings war die Pleite kein bloßes Gerücht mehr, sondern Realität. 2018 dann berichtete unsere Redaktion von Ermittlungen gegen die Verantwortlichen der Bauträgergesellschaft Gewa 5 to 1. Überschrift: „Staatsanwälte prüfen jetzt Gewa-Tower auf Insolvenzdelikte“.

Diese Prüfungen mündeten allerdings nicht in schnelle weitere Aktivitäten. Während beim Turm anschließend mehrere Besitzer hintereinander übernahmen und das Projekt in Schwabenlandtower 107 umgetauft wurde, war seitens der Justiz mit Blick auf die Anfänge nichts zu hören.

Erst im Juni 2024 dann erklärte das Landgericht Stuttgart auf Nachfrage unserer Zeitung: „Im Zusammenhang mit Vorgängen um den Gewa-Tower aus dem Jahr 2016 hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart am 20. September 2023 Anklage gegen zwei Beschuldigte erhoben.“ Diesen werde „eine vorsätzliche Insolvenzverschleppung in zwei Fällen, betreffend einer Kommanditgesellschaft sowie der Komplementär GmbH, vorgeworfen“, so ein Sprecher.

Außerdem werfe die Staatsanwaltschaft dem Duo Marktmanipulation in zwei Fällen vor. „Hierbei sollen die beiden Beschuldigten in einem Fall durch eine Ad-hoc-Mitteilung und eine Mitteilung gegenüber der Presse sowie im anderen Fall durch eine Ad-hoc-Mitteilung falsche Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse verbreitet und hierdurch den Börsenpreis der Gewa-Anleihe stabilisiert haben.“

Die Ermittlungen waren „verhältnismäßig komplex“

Die lange Zeitspanne zwischen den vorgeworfenen Manipulationen und der Anklage begründete der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart vor knapp zwei Jahren gegenüber unserer Zeitung folgendermaßen: „Die Dauer der Ermittlungen im angefragten Verfahren ist darauf zurückzuführen, dass die Feststellung der Zahlungsunfähigkeit der Gesellschaft vorliegend mit der sogenannten betriebswirtschaftlichen Methode ermittelt werden musste. Das heißt, dass die fälligen Verbindlichkeiten der Gesellschaft zunächst ermittelt werden, um diese dann den liquiden Mitteln der Gesellschaft gegenüberzustellen. Dieses Vorgehen ist verhältnismäßig komplex.“ Personenbezogene Daten zu den Beschuldigten könne die Staatsanwaltschaft im Übrigen, so hieß es seinerzeit, „weder nennen noch auf Nachfrage bestätigen“.

Das Landgericht Stuttgart hat mittlerweile jedenfalls die Anklage zugelassen. Vor der 11. Großen Strafkammer, der Wirtschaftskammer, müssen sich der 79-jährige Michael G. Warbanoff und sein 46 Jahre alter Sohn Mark G. Warbanoff verantworten. Prozessauftakt ist laut der Terminplanung des Landgerichts an diesem Donnerstag, 30. April, um 9.15 Uhr. Insgesamt sind bis zum 10. Juli zehn Fortsetzungstermine angesetzt.