Ein 75-jähriger Senior ist mit starken Atembeschwerden in der Notfallpraxis in Bietigheim ignoriert worden. Foto: Werner Kuhnle

Weil ein 75-Jähriger mit starken Atembeschwerden in der Notfallpraxis in Bietigheim ignoriert wird, erhebt seine Ehefrau schwere Vorwürfe. Was sagen die Verantwortlichen?

Wer dringend einen Arzt braucht und sich nicht erst in ein Wartezimmer setzen kann, für den sind die sogenannten Notfallpraxen die erste Anlaufstelle. Dort wird schnell und unkompliziert geholfen. Davon war auch eine Frau aus Bissingen ausgegangen, als ihrem Mann an einem Montag Mitte Dezember die Puste auszugehen drohte.

 

Ihr Ehemann habe am späten Nachmittag „Atemprobleme aufgrund einer Erkältung“ bekommen, erinnert sich die 72-jährige Ehefrau. Das Leiden verstärkte sich dermaßen, dass der 75-Jährige kaum noch Luft bekommen habe, er sei regelrecht in Schnappatmung verfallen. Deshalb entschied das Ehepaar, das nicht namentlich genannt werden möchte, in die Notfallpraxis nach Bietigheim zu fahren. Was es dort erlebt, macht die Frau immer noch einigermaßen fassungslos.

Ein Zeuge setzt den 75-Jährigen in einen Rollstuhl

Als sie ihren Mann anmelden und den Mitarbeiter an der Rezeption darauf hinweisen wollte, dass er dringend Hilfe benötige, sei sie „regelrecht angefahren“ und harsch ins Wartezimmer verwiesen worden. Stattdessen seien zwei Polizisten bevorzugt worden, die mit einem mutmaßlichen Delinquenten gekommen waren. Dass es dem 75-Jährigen nicht gutgeht, erkannten offenbar auch andere Wartende, die den Mitarbeiter an der Rezeption darauf aufmerksam machten. Der Zustand ihres Mannes habe den Verantwortlichen aber weiter „überhaupt nicht interessiert“, sagt die 72-Jährige.

Ein eigentlich Unbeteiligter, der ebenfalls im Wartezimmer saß, schnappte den Senior schließlich, setzte ihn in einen Rollstuhl und brachte ihn in die Notfallambulanz der Klinik, die sich ebenfalls auf dem Gelände befindet. An der Rezeption dort wurde das Ehepaar zurück in die Notfallpraxis geschickt, die Mitarbeiterin versicherte jedoch, dass sie dort anrufen werde, damit man sich schnell um den 75-Jährigen kümmert.

Wenn Laien den Notfall erkennen, warum nicht der Angestellte?

Zurück in der Notfallpraxis nahm den Senior dann auch eine Ärztin in Empfang und behandelte ihn. „Sie hat gleich gesehen, dass er total weiß war und dass er nur schlecht Luft bekam“, sagt die Ehefrau. Wie sich später herausstellt, litt der 75-Jährige an einer leichten Lungenentzündung.

Mittlerweile geht es ihrem Ehemann wieder gut, für seine 72-jährige Frau bleibt dennoch ein fader Beigeschmack. „Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein Mann, der anscheinend nicht erkennen kann, ob es sich um einen dringenden Notfall handelt, an der Anmeldung der Notfallpraxis sitzt und schalten und walten kann, wie er will“, sagt sie. Wenn Laien die Dringlichkeit erkannt hätten, „dann sollte das ein Mitarbeiter der Notfallpraxis auch erkennen, ansonsten ist diese Person für diesen Posten ungeeignet“, findet die Frau aus Bissingen. Im Fall ihres Mannes sei es glücklicherweise „nur“ eine Lungenentzündung gewesen. „Was aber ist, wenn da jemand einen Herzinfarkt hat?“

Verantwortliche: Nur „hochqualifiziertes“ Personal in der Notfallpraxis

Peter Sartorius ist der sogenannte Notfalldienstbeauftragte des nördlichen Landkreises Ludwigsburg und unter anderem auch für Beschwerden zuständig, die die Notfallpraxis betreffen. Er kennt die Vorwürfe der 72-Jährigen und hat auch mit dem Mitarbeiter und der Ärztin vom Dienst gesprochen. Eine Lungenentzündung – auch eine kleinere – sei selbstverständlich „nicht von Pappe“. Der Mediziner aus Hessigheim kommt dennoch zu dem Schluss: Ganz so dramatisch war das alles nicht. „Alle Vorgaben des Sozialversicherungsrechts für eine notwendige, zweckmäßige und ausreichende Behandlung sowie alle fachlichen Empfehlungen wurden mehr als erfüllt“, sagt Sartorius. Die Mitarbeiter in der Notfallpraxis seien allesamt „hochqualifizierte Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Notfallsanitäter und -sanitäterinnen oder langjährig tätige medizinische Fachangestellte“, versichert Sartorius. „Guten Willen und größtmögliches Bemühen um das Wohlergehen und die Sicherheit der Patienten stelle ich bei allen außer Frage.“

Der Mitarbeiter, der an dem fraglichen Tag Dienst hatte, habe Berichte aus dem Krankenhauslabor abgeholt, weshalb sich eine Traube von Patienten an der Anmeldung gebildet habe. „Generell überschätzen viele Menschen die Möglichkeiten der Einrichtung und der Medizin insgesamt, auf den ersten Blick mehrere Patienten innerhalb von Sekunden zu triagieren, bei Weitem“, sagt Sartorius. Und: Wartezeiten seien „an der vordersten Linie nicht zu vermeiden und aus verschiedenen Gründen nicht ganz unerwünscht“. Der Hauptgrund: Je länger ein Patient in einer Praxis wartet, desto mehr Eindrücke bekommt das Personal von ihm und kann seinen Zustand besser einschätzen – zumindest theoretisch. Mit geringerer Wartezeit steige die Gefahr, dass der Patient beziehungsweise dessen Krankheit verkannt werde. „Selbst erhebliche Atemnot durch ein Herz- oder Lungenleiden ist oft erst zu erkennen, wenn man mit den Betroffenen spricht oder wenn die Betroffenen eine Treppe steigen müssen“, sagt Sartorius. Die Notfallpraxis ist ebenerdig.

Frau wartet auf Entschuldigung

Dass die Polizei bevorzugt worden sei, räumt Peter Sartorius ein: Dies sei aber keineswegs böswillig passiert. „Wenn die Polizei kommt, dann wollen wir die schnell rein und wieder raus haben.“ Streitigkeiten oder sogar Auseinandersetzungen mit den Menschen, die die Beamten mitbringen, sollen möglichst vermieden werden.

Laut Peter Sartorius ist die Zahl an Beschwerden, die bei ihm auflaufen, insgesamt „sehr klein“. Generell wirbt er für etwas mehr Geduld und Vertrauen in das Personal. „Kranke haben doch Zeit“, sagt der Allgemeinmediziner, „Kollapsgefährdete legen wir selbstverständlich auf eine Liege, wenn sie sich zu erkennen geben, vom Personal oder von Mitpatienten als solche herausgegriffen werden.“ Im Fall des 75-Jährigen war das nicht so. Die 72-jährige Bissingerin dürfte für die Erklärungsversuche wenig Verständnis haben. Bis heute hat sich niemand bei ihr gemeldet. „Eine Entschuldigung wäre angebracht gewesen“, sagt sie.

Wohin im Notfall?

Praxen
 Im Kreis Ludwigsburg gibt es zwei Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung, gegenüber der Notaufnahme im Klinikum Ludwigsburg und im Gebäude des Krankenhauses Bietigheim. Die Notfallpraxen sind die erste Anlaufstelle für Patienten, die dringender Hilfe benötigen und nicht beim Arzt auf einen Termin warten können.

Notaufnahmen
 Die Einrichtungen in den Krankenhäusern sind für die schweren Notfälle, die auch mit dem Rettungsdienst oder per Hubschrauber kommen, zuständig. In der Zentralen Notaufnahme in Ludwigsburg werden jährlich rund 30 000 Patienten behandelt, in Bietigheim rund 13 000.