Die Rewe-Group hat nach der Empfehlung des Handelsverbandes sofort mit der Ankündigung einer freiwilligen Lohnanhebung reagiert. Foto: imago images/Future Image/Christoph Hardt

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat neuen Schwung in den Tarifkonflikt des Einzelhandels gebracht. Viele Unternehmen zahlen bald freiwillig höhere Löhne. Und Verdi zeigt Interesse am raschen Tarifkompromiss.

Die Empfehlung des Handelsverbands Deutschland (HDE) an die tarifgebundenen Unternehmen, eine Entgelterhöhung schon vor Tarifabschluss zu zahlen, hat Schwung in den zähen Tarifkonflikt gebracht. Immer mehr Arbeitgeber haben in dieser Woche diese Absicht geäußert.

 

Es war wohl eine konzertierte Aktion – mit prompten Reaktionen der Rewe-Gruppe (inklusive Penny, Lekkerland, Toom Baumarkt), von Aldi Nord und Süd, Netto, Ikea, der Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie der Otto-Group (Otto, Bonprix, Baur). Auch die Metro hat sich eingereiht. Sie alle wollen für ihre tariflichen Mitarbeiter vom 1. Oktober an freiwillige und später auf den Tarifabschluss anrechenbare Vorweganhebungen in Höhe von 5,3 Prozent leisten.

Konkurrenzkampf um die Arbeitskräfte

Die Unternehmen beleben damit auch den Konkurrenzkampf um die Arbeitskräfte, zumal laut HDE in der Branche 118 000 Stellen nicht besetzt sind. So betont Aldi Süd, ohnehin übertarifliche Löhne zu zahlen und „in Krisenzeiten immer wieder voranzugehen“. Ähnlich heißt es von der Schwarz-Gruppe, dass die Handelssparten „als Arbeitgeber großen Wert auf eine faire Vergütung legen“, wie ein Sprecher sagte. Die Beschäftigten der Drogeriemarktkette dm wurden am Donnerstag informiert, dass es für alle Mitarbeitenden sogar eine vorgezogene Tariferhöhung von sechs Prozent geben soll – und zwar rückwirkend zum 1. April 2023 mit der Auszahlung ab Oktober. Zudem werde eine Inflationsprämie von 650 Euro ausgezahlt.

Edeka Südwest teilt mit: „Bereits Mitte August – damit vor den Empfehlungen der Handelsverbände – haben wir entschieden, freiwillig vorab die Löhne und Gehälter unserer Beschäftigten im Großhandel und in den von uns in Eigenregie betriebenen Märkten um fünf Prozent zu erhöhen.“ Allerdings ist ein überwiegender Teil der selbstständigen Edeka-Einzelhändler nicht tarifgebunden. Etliche weniger namhafte Unternehmen hatten auch schon Vorweganhebungen angekündigt.

Wie viele Beschäftigte insgesamt von der Vorleistung ihrer Arbeitgeber profitieren, lässt sich nicht beziffern. Im Einzelhandel seien aktuell rund 3,2 Millionen Menschen beschäftigt, sagte HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke unserer Zeitung. „Für eine Schätzung ist es noch zu früh.“ Klar sei aber schon das große Interesse der Arbeitgeber, der Empfehlung bald zu folgen. Der HDE gehe „branchenweit von einer breiten Umsetzung“ aus. Nach mehr als fünf Monaten mit mehr als 50 Verhandlungsrunden bundesweit sei dies nicht verwunderlich, denn die Unternehmen wollten nicht immer noch länger zusehen, „wie ihre Beschäftigten wegen der fehlenden Einsicht der hohen Gewerkschaftsfunktionäre auf die benötigte finanzielle Entlastung warten müssen“.

Streikstrategie von Verdi bringt Erfolge

Die Gewerkschaft Verdi reagiert mit Empörung. „Die Beschäftigten warten seit Mai auf eine Einkommensverbesserung, weil ihre Lebenssituation wirklich dramatisch ist“, sagt Silke Zimmer, die neue Verantwortliche für den Handel im Verdi-Bundesvorstand. „Das, was wir auf dem Tisch haben, reicht bei Weitem nicht aus, weil es einen weiteren Reallohnverlust bedeutet.“ Am eigentlichen Problem, dass die Beschäftigten mit ihren Einkommen nicht ausreichend ihr Leben finanzieren könnten, ändere sich nichts, wenn einzelne Unternehmen freiwillig mehr zahlten. Die Strategie des HDE, mit der Empfehlung die Mobilisierung zu schwächen, „wird an der Stelle nicht aufgehen“, prophezeit Zimmer. Sie sei vielmehr der „Überzeugung, dass das eine Reaktion auf die anhaltenden Streiks und auf die Solidarität der Organisation war“. Denn es gelinge diesmal besser als in den vorigen Tarifrunden, gezielt den filialisierten Einzelhandel und die Zentrallager der Konzerne zu bestreiken. Diese „Knotenpunkte des Handels“ seien eine „feste Bank in den Arbeitskämpfen“, stellt Verdi fest.

„Wir werden jeden Tag mehr, und es vergeht kein Tag in der Bundesrepublik, an dem im Handel nicht gestreikt wird“, sagte Jürgen Schulz, Bundesfachbereichsvorsitzender Handel, viel bejubelt auf dem Verdi-Bundeskongress in Berlin. „Wenn es sein muss, steht Weihnachten vor der Tür – und wir auch.“

Zimmer hingegen meint, die Beschäftigten bräuchten dringend mehr Geld – daher habe Verdi „überhaupt kein Interesse“ daran, die Tarifrunde zu verzögern. „Ich will es sehr deutlich sagen: Unser Ziel ist es, im Sinne der Beschäftigten möglichst schnell auch zu einem Tarifkompromiss zu kommen.“ Der Handelsverband solle „seiner sozialen Verantwortung gerecht werden und möglichst schnell zu einer für beide Seiten tragfähigen Lösung kommen“, sagt Zimmer und nennt ausdrücklich den Oktober als Zielzeitraum.

Immerhin sendet die Arbeitgeberseite Signale der Einigungsbereitschaft: „Wir bekennen uns klar zum Flächentarifvertrag im Einzelhandel und streben weiter einen baldigen Tarifabschluss zum Wohle der Branche an“, betont Tarifgeschäftsführer Haarke. Es bleibe abzuwarten, „ob bei unserem Sozialpartner nach Abschluss des Bundeskongresses in dieser Woche wieder mehr Raum für wirtschaftliche Vernunft einkehrt und man endlich in ernsthafte Verhandlungen mit uns eintritt – dann könnte es aus unserer Sicht tatsächlich auch sehr schnell gehen“.