Viele Krankheiten haben ihre Ursache in Gewalt, Diskriminierung oder Selbstverleugnung, sagt die Backnanger Heilpraktikerin Ulrike Schlag.
Rund 80 Prozent aller Betroffenen von Autoimmunkrankheiten sind Frauen, sagt Ulrike Schlag, Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Backnang. Für sie ist das ein Hinweis darauf, dass psychische und physische Gesundheit mit fehlender Gleichberechtigung und Diskriminierung zusammenhängen. Beim „Congrès de Fémtastique“, organisiert von Equalize Rems-Murr anlässlich des Frauentags im Murrpott in Backnang, hat sie am Samstag über „Mentale Gesundheit und Chancengleichheit“ gesprochen.
In der allgemeinen Definition bedeute mentale Gesundheit, dass ein Mensch in der Lage ist, eigene Fähigkeiten auszuschöpfen, Lebensbelastungen zu bewältigen, produktiv zu arbeiten, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und sich wohlzufühlen. „Es geht nicht um Lebensglück, sondern darum, wie gut man funktioniert“, sagt Ulrike Schlag. Doch egal über welche Kompetenzen ein Mensch verfüge, es gebe Umstände, die das eigene Selbstvertrauen untergraben und Gefühle der Schuld, Scham und Wertlosigkeit hervorriefen. „Etwa, wenn Gewalt und ständige Diskriminierung erlebt werden.“ In ihrer Arbeit – bevor Ulrike Stark vor vier Jahren ihre Praxis eröffnet hat, hat sie im Justizvollzug gearbeitet – habe sich für sie ein Muster gezeigt. „Mentale Gesundheit ist kein persönliches, sondern ein systemisches Problem, das alle betrifft. Doch das ist ein noch relativ neuer Gedankengang.“
„Wir leben in einer Welt hoher Erwartungen“, sagt Ulrike Schlag. Und nicht nur, wie die Eltern einen erziehen, sondern auch wie es die Gesellschaft tut, mache die Sozialisation aus. Frauen galten im Allgemeinen als empathischer, sozial, ruhiger, angepasster, als Organisationstalente, aber auch als unberechenbar: „Oder wir haben unsere Tage.“ Frauen müssten sich auch viel öfter rechtfertigen und erklären als Männer. „Und wir haben gelernt, dass wir viel unterdrücken müssen.“ Das bedeute jedoch emotionalen Stress. Frauen und Flintas – das Akronym steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen – suchten die Schuld oft bei sich, erklärt Ulrike Schlag. Sie würden sich vorwerfen, zu sensibel, zu emotional oder zu unstrukturiert zu sein und deshalb den Anforderungen der Gesellschaft nicht genügen zu können. „Flintas haben gelernt, dass man anderen zur Last fällt, wenn man authentisch ist.“ Doch Authentizität stabilisiere die Persönlichkeit, anders als ständige Selbstkontrolle. „Was diese Verleugnung seines Innersten emotional macht, ist noch viel zu wenig analysiert.“ Statistiken belegten aber, dass in der LGBTQI*-Gemeinde zweieinhalb mal so viele Menschen depressiv erkranken als im Rest der Bevölkerung.
Frauen müssten sich nicht nur öfter erklären und rechtfertigen, sondern auch selbst verleugnen, erläutert Ulrike Schlag. „Dieses Self-Silencing könnte sich körperlich in Autoimmunkrankheiten zeigen.“ Den Konjunktiv verwendet die Heilpraktikerin deshalb, weil die Forschung dieses Thema noch nicht umfänglich bearbeitet habe. „Es gibt Studien, aber bisher leider nur wenige, und die sind dann meistens auch noch von Männern gemacht.“ Überhaupt existiere – ähnlich dem „Gender Pay Gap“ bei der Entlohnung, für den es ausreichend Belege gebe – ein „Medical Gap“ zwischen Frauen und Männer. Dabei seien 70 Prozent der Menschen in Psychotherapie Frauen und davon seien wiederum 80 Prozent Mütter. Doch die Pharmaindustrie hinke der Realität ebenfalls hinterher und beziehe Frauen in die Forschung nicht ein, so Ulrike Schlag. „Beim Testen von neuen Medikamenten werden als Probanden meist Männer genommen, mit dem Hinweis auf den komplexen Hormonhaushalt von Frauen.“
Spirale nach unten
Frauen arbeiten oft ohne Belohnung, etwa bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. Das könne zu autoaggressivem Verhalten führen, das sich nicht immer körperlich äußere, sagt Ulrike Schlag. „Sie sind psychisch instabil und innerlich einsam. Dieser Erschöpfungskreislauf ist eine Spirale, die nach unten führt.“
Das Patriarchat und Lösungsansätze
Akzeptanz, Wertschätzung, Authentizität, (Selbst)Vertrauen, Selbstwirksamkeit, Zusammenarbeit und das Verbot von Diskriminierung in jeder Form sind für Ulrike Schlag maßgebend für Chancengleichheit. „Doch das Patriarchat profitiert nun einmal davon, Flintas zu unterdrücken, zu belasten und ruhig zu stellen. Dabei leiden Männer selbst darunter, das zeigt die hohe Suizidrate.“