Thomas Lehenherr hat Bad Saulgau in eine artenreiche Vorzeigestadt verwandelt. Sein Biodiversitätskonzept könnte für andere Kommunen wegweisend sein. Er erklärt, was dahinter steckt.
Thomas Lehenherr hat als Umweltbeauftragter mit weiteren Mitstreitern seine Heimatstadt Bad Saulgau in eine artenreiche grüne Vorzeige-Kommune verwandelt. Das Magazin „Spiegel“ listete ihn unter den „100 Menschen, die Hoffnung machen“. Im Interview erzählt er, der am 15. April auf Einladung des BUND in Weinstadt-Beutelsbach (Rems-Murr-Kreis) zu Gast ist, wie Kommunen und Natur von seinem Biodiversitätskonzept profitieren können.
Herr Lehenherr, was war die Initialzündung zur Entwicklung des Biodiversitätskonzepts?
Bereits in den 1980er Jahren habe ich die eindringlichen Warnungen der Wissenschaft hinsichtlich Artensterben und Klimawandel sehr ernst genommen. Schon damals war mir bewusst, dass sich da eine tiefgreifende und bedrohliche Entwicklung abzeichnet. Nach dem Studium wollte ich in meiner Heimatstadt ein Konzept gegen das Artensterben entwickeln und umsetzen. Rückblickend haben sich die Prognosen der Wissenschaft nicht nur bestätigt, sondern sind noch viel schneller und intensiver eingetreten als erwartet. Gerade deshalb wollte ich einfach umsetzbare, praxisorientierte Ansätze anbieten, denn daran mangelte und mangelt es in Deutschland.
Das Konzept gegen Artensterben basiert auf fünf Säulen. Welche sind das?
Die Säule 1, Naturlehrpfade und Naturwanderwege, fördert das ökologische Grundverständnis. Die Säule 2 beschreibt die Renaturierung von Fließgewässern. Nirgendwo ist die Artenvielfalt so groß wie an und in naturnahen Gewässern. Die Säule 3, Biotopanlagen, umfasst noch größere Areale mit reichlich vielfältig geschaffener Struktur für eine große Artenvielfalt. Parallel hierzu haben wir es gewagt, das gesamte Einheitsgrün in der Kernstadt und allen unseren Ortschaften – überall wo es sinnvoll und möglich war – in artenreiches, ökologisch hochwertiges Grün umzugestalten. Das ist die vierte Säule 4 des Konzepts. Und zur besseren Übersicht haben wir alle vier Säulen auf einer Fläche von rund 60 Hektar in Stadtnähe zu einem Natur-Themen-Park zusammengefasst und um das Thema „Wald im Klimawandel“ ergänzt. Das ist die fünfte Säule.
Welche ersten Schritte zum Artenschutz raten Sie einer Kommune in der Region Stuttgart, wo jeder Quadratmeter Platz begehrt und teuer ist?
Heute ist leider in vielen Städten die Artenvielfalt größer als auf dem Land. Das liegt auch an der sehr intensiven Bewirtschaftung auf großflächigen Monokulturen. In der Stadt gibt es viele Möglichkeiten, Biotope zu schaffen, weil viele Flächen in öffentlicher Hand sind. Man kann Parkrasen in Blumenwiesen und ineffektive Stauden-Wechselbepflanzung in dauerhafte insektenfreundliche Staudenbeete umwandeln. Und bei den Gehölzen kann auf ökologisch hochwertige, hitze- und trockentolerante Bäume und Sträucher zurückgegriffen werden. Man kann auch Kleinobst, Kleingemüse, Küchen- und Gewürzkräuter in Pflanzkübeln für die Bevölkerung anbieten.
Viele Kommunen sind klamm. Was lässt sich mit wenig Geld umsetzen?
Gerade die Umwandlung von Einheitsgrün in artenreiches Siedlungsgrün erweist sich als ausgesprochen wirtschaftlich. Es braucht keine Pestizide und Mineraldünger mehr, der Pflegeaufwand ist geringer, die Mähintervalle bei Blumenwiesen sind deutlich reduziert. Unter Leitung unseres damaligen Stadtgärtners Jens Wehner haben wir in unserer kleinen Stadt und den Ortschaften etwa 100 Hektar Siedlungsgrün in artenreiches Grün umgewandelt. Heute bewirtschaftet die Stadtgärtnerei mit gleichem Personalbestand die doppelte Fläche bei gleichzeitig deutlich geringeren Kosten, insbesondere für Pflanzen und Zubehör. Darüber hinaus haben unsere Maßnahmen auch positive Effekte auf Tourismus und Kaufkraft, da sie als Bildungsangebote wahrgenommen werden und die Attraktivität der Stadt steigern.
Wie machen Sie das Konzept bekannter?
Wir haben das „Bad Saulgauer Netzwerk für biologische Vielfalt“ gegründet, das für unser Konzept wirbt. Da es von öffentlicher Seite her immer noch kein Konzept dieser Breite gibt, haben wir uns entschlossen, auf das Urheberrecht zu verzichten und es zur Nachahmung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wenn daraus kopiert wird, verlangen wir nur den Zusatz „aus dem Biodiversitätskonzept der Stadt Bad Saulgau“. Auf der Homepage der Stadt Bad Saulgau ist das Biodiversitätskonzept ausführlich beschrieben. Auch Gartenfibel und Präsentationen sind dort digital vorhanden. Wir wollen Lust machen, einzusteigen – die Umsetzung ist gar nicht so schwierig.
Ihr Konzept bekommt heute viel Lob und Anerkennung. Gab es zwischendurch auch mal Gegenwind?
Natürlich. Das haben wir einfach mal beiseite geschoben. Ganz zu Beginn waren Jens Wehner und ich mit unserem Konzept allein auf weiter Flur. Es gab im weiten Umkreis noch keine derartige Biodiversitätsstrategie, deshalb fingen wir 1992 einfach an. Mit den Auszeichnungen ist die Anerkennung gewachsen und ein „Wir-Gefühl“ in der Stadt entstanden, besonders als wir beim Wettbewerb „Entente Florale Europe“ als einzige deutsche Stadt die Bundesrepublik vertreten durften und auf Anhieb die Goldmedaille holten. Heute ist das Konzept in Bad Saulgau nicht mehr wegzudenken. Mir geht es aber weniger um Anerkennung, sondern um den Erhalt unserer wichtigsten Lebensgrundlage Natur. Die Auszeichnungen helfen jedoch, Aufmerksamkeit zu schaffen und das Thema voranzubringen. Positiv ist auch, dass die Uni Hohenheim bei uns immer wieder wissenschaftliche Studien über die Zunahme der Insektenvielfalt durchführt, um das Konzept zu verifizieren.
Eine Kommune auf ein solches Konzept umzupolen, ist nicht leicht. Aber wie nimmt man auch „Otto Normalgärtner“ mit?
Der Schlüssel liegt in der Überzeugungsarbeit – zunächst bei Kollegen und Verwaltung, dann bei den Gremien und parallel in der Bevölkerung. Öffentlichkeitsarbeit, die zu einem großen Teil auch psychologische Aspekte umfasst, macht einen hohen Prozentsatz des Erfolges aus. Naturlehrpfade, Naturwanderwege, gemeinsame Pflanzaktionen sowie kontinuierliche Berichterstattung schaffen Akzeptanz und Identifikation. Der Natur-Themen-Park ist heute überregional so beliebt, dass die Tourismusbetriebs GmbH mittlerweile acht Guides angestellt hat, die Führungen anbieten. Dort ist auch der Biber eingezogen und hat einen wesentlichen Teil mitgestaltet.
Gerade an neuen Gebäuden sieht man oft trostlose Gärten – der Kirschlorbeer ist nur ein Beispiel. Wie sehen Sie da die Rolle von Landschaftsgärtnern?
Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf, insbesondere in Neubaugebieten. Unsere ökologische Gartenfibel bietet detaillierte Informationen zu Dach- und Fassadenbegrünung und dient vielen Städten, Gemeinden und Landkreisen schon als Grundlage für ihre Bauleitplanung. Wir haben die Fibel an alle Landschaftsbauunternehmen im Umkreis von etwa 30 Kilometern versandt, verbunden mit der Bitte, Gärten möglichst ökologisch zu gestalten. Schottergärten etwa sind nach Landesgesetz verboten, das wissen auch die Landschaftsgärtner. Wir haben das Verbot schon vor langer Zeit in unsere Bauleitplanung integriert, arbeiten Ausgleichsvorschläge, Pflanzlisten in die Bebauungspläne ein. Trotzdem muss man natürlich bei der Umsetzung aufpassen, dass es dann auch so praktiziert wird, was personell für Verwaltungen stets herausfordernd ist.
Ich wohne mitten in der Stadt – immerhin mit Balkon. Was kann ich für den Artenschutz tun?
Auch auf dem Balkon lässt sich viel bewirken: Pflanzkübel mit ökologisch-insektenfreundlichen Küchen-, Tee- und Arzneikräutern, Kleinobst und Kleingemüse bieten wertvolle Nahrungsquellen für Insekten. Herkömmliche Zierpflanzen wie Geranien, Petunien haben dagegen kaum ökologischen Nutzen. Bereits kleine Maßnahmen wie etwa das Pflanzen geeigneter dauerhafter Stauden oder das Aussäen von Wildblumen können einen spürbaren Beitrag leisten.
Vor gut einem Jahr kürte Sie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zu einem von „100 Menschen, die Hoffnung machen“. Waren Sie überrascht?
Der Artikel in der Titelstory in der ersten Ausgabe 2025 des „Spiegel“ hat uns die ökologische Krone aufgesetzt und war der endgültige nationale „Durchbruch“ für das Bad Saulgauer Biodiversitätskonzept. Viele Fachmagazine haben zwar schon darüber berichtet und auch das Fernsehen war mehrfach da. Aber der „Spiegel“-Artikel war eine besondere Ehre. Dass ich jetzt einer der 100 deutschen Hoffnungsträger sein darf, ist eine Riesen-Anerkennung. Dennoch sehe ich dies als Gemeinschaftsleistung eines großen Netzwerks, das wir aufgebaut haben. Die Ehrung gehört allen Mitstreitern.
Ab Ende Mai sind Sie im Ruhestand. Was planen Sie für danach?
Angesichts der wachsenden Bedeutung unseres Themas sehe ich es als meine Aufgabe, aktiv zu bleiben, insbesondere durch Vorträge und fachliche Führungen. Mit Martin Sauter hat die Stadt einen hervorragenden Nachfolger für meine Arbeit im Amt gefunden. Er ist Naturwissenschaftler durch und durch und stellt unser Konzept noch mehr als bisher auf wissenschaftliche Beine. Auch in der Stadtgärtnerei läuft es genauso weiter. Unser ehemaliger Stadtgärtner Jens Wehner bietet fachliche Vorträge und Führungen vor allem zur „Umwandlung von Einheitsgrün in artenreiches Grün im Siedlungsraum“ an. Ab und zu sind wir gemeinsam auf Vortragsreise und verbreiten so unsere Botschaft. Auch bei fachlichen Führungen in Bad Saulgau arbeiten wir häufig zusammen.
Zur Person
Beruf
Thomas Lehenherr ist seit 1992 Umweltbeauftragter von Bad Saulgau. Als solcher hat er ein Konzept gegen das Artensterben entwickelt und umgesetzt, das viele Auszeichnungen erhielt. Er hat Allgemeine Agrarwissenschaften mit ökologischem Schwerpunkt an der Uni Hohenheim studiert und ein Umweltschutz-Aufbaustudium an der FH Nürtingen absolviert.
Vortrag
Am Mittwoch, 15. April, berichtet der Agrarwissenschaftler ab 19 Uhr im Stiftskeller in Beutelsbach, Stiftstraße 32, wie Städte zu artenreichen Refugien werden können. Eintritt frei. Infos zu Fachvorträgen und Führungen zum Bad Saulgauer Biodiversitätskonzept gibt es unter thomas.lehenherr@gmx.de oder 01 52/24 45 44 19.