Sich gegen das Verbrenner-Aus zu stemmen, sei der falsche Ansatz, sagt Monika Schnitzer in Ludwigsburg. Gleichzeitig warnt sie davor, alle Energie in elektrische Antriebe zu stecken.
Wer Monika Schnitzers Lebenslauf liest, wird ihr eines ganz sicher nicht unterstellen: Faulheit. Promotion und Habilitation, mehrere Gastprofessuren an renommierten Universitäten wie dem MIT, Stanford oder Harvard, dazu zig Mitgliedschaften in Beiräten und Expertenkommissionen stehen darin. Trotzdem sagt die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen am Montagabend in Ludwigsburg ganz deutlich: „Ich setze sehr darauf, dass ich in 20 Jahren nicht mehr selber Autofahren muss, sondern ein selbstfahrendes Auto habe.“
Nun würde Schnitzer in 20 Jahren ihren 85. Geburtstag feiern, was schon allein ihre Sympathien fürs autonome Fahren erklären könnte. Aber natürlich geht es ihr bei diesem Satz gar nicht um die eigene Person. Er soll ein Beispiel sein, wie der Wirtschaftsstandort Deutschland sich fit für die Zukunft machen kann – und insbesondere die von der Autoindustrie abhängige Region Stuttgart.
Deutsche Wirtschaft zu stark von Exporten abhängig
Schnitzers Argumentation läuft am Montag ungefähr so: Der deutschen Wirtschaft geht es schlecht, weil sie bisher stark von Exporten – also dem weltweiten Markt – gelebt hat. „Wenn es in anderen Ländern gut lief, dann lief es bei uns auch gut, weil sie dann bei uns gekauft haben“, sagt sie. Dieser Zusammenhang sei in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das liege unter anderem an gestiegenen Kosten fürs Produzieren oder höheren Exportpreisen durch US-Handelszölle.
„Aber man muss auch ganz offen sagen, dass unsere Produkte nicht mehr so innovativ sind“, so Schnitzer. So verkauften sich deutsche Autos auf dem chinesischen Markt nicht nur deshalb nicht mehr so gut, weil sie teurer seien, sondern auch aus Mangel an Innovation. So weit, so bekannt. Aber was folgt daraus, insbesondere für die Region Stuttgart?
„Wir werden auch im Stuttgarter Raum Regionen erleben, die vom Strukturwandel hart getroffen werden“, erklärt Schnitzer. Dass genau diese Sorge vor einem Detroit 2.0 im Kreis Ludwigsburg schon seit Längerem umgeht, ist ihr offenbar bewusst. „Es geht darum, diese Regionen zukunftsfest zu machen.“
Interessant für einen Wirtschaftsstandort, der bislang vorwiegend durchs Auto reich geworden ist: Den Kampf um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt in Sachen Elektromobilität scheint Schnitzer aufgegeben zu haben – zu groß der Vorsprung Chinas. „Die Chinesen sind Weltmarktführer, haben massiv in die Batterieproduktion investiert. Dazu betreiben sie inzwischen die Hälfte der Windkraft- und Solarkapazität weltweit“, sagt die Expertin.
Die Bundesregierung dagegen sichere den Status quo in der Industriepolitik – beispielsweise durch die Senkung der Luftverkehrssteuer, einen Industriestrompreis und dem Versuch auf EU-Ebene, das Aus von Verbrennern zurückzunehmen. „Wer von beiden macht die zukunftsorientiertere Politik?“, fragt Schnitzer rhetorisch. „Meine Antwort ist da eindeutig.“
Chance in neuen Geschäftsmodellen
Eine Chance, die Krise der heimischen Wirtschaft zu überwinden, sieht die Wirtschaftsweise in Digitalisierung und künstlicher Intelligenz – allerdings gehe es nicht darum, damit nur die Arbeitskraft zu steigern, sondern neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und hier landet sie dann beim autonomen Fahren. Erst im vergangenen Jahr habe sie in San Francisco an jeder Straßenecke selbstfahrende Taxis gesehen.
„Wenn wir uns bei Elektroautos so schwertun, sollten wir auf jeden Fall auf autonom fahrende Fahrzeuge setzen“, fordert Schnitzer. „Wir sollten nicht darauf drängen, das Verbrenner-Aus zu kippen, sondern darauf dass die Regulierung bei selbstfahrenden Autos so vereinfacht und geöffnet wird, dass wir schnell aufholen.“
Damit das gelingen könne, müsse man die Menschen mitnehmen, und dafür müssten sich auch die Unternehmen verändern. „Aber das geht in Krisenzeiten einfacher“, glaubt Schnitzer. „Wenn es uns gelingt, dann haben wir doch noch eine Chance, nicht den Anschluss zu verlieren.“