Das Klösterle ist wahrscheinlich nie ein Beginenhaus gewesen. Foto: Achim Zweygarth

Das Beginenwesen früher und heute ist Thema eines Vortrags der Historikerin Claudia Weinschenk. Beginn ist am Donnerstag, 24. Oktober, um 19.30 Uhr im Stadtmuseum Bad Cannstatt.

Bad Cannstatt - Die Recherchen zur Ausstellung „Geschichte und Geschichten: 550 Jahre Klösterle“ im Stadtmuseum Bad Cannstatt haben die Cannstatter Geschichte durcheinander gewirbelt. Das Fachwerkhaus am Ende der Marktstraße ist wohl weder das älteste erhaltene Wohnhaus auf Stuttgarter Gemarkung, noch war es wohl ein Beginenhaus.

„Das Klösterle war ein bürgerliches Wohnhaus“, sagt der Historiker Olaf Schulze. Daniel Georg Memminger, der Begründer der modernen württembergischen Landesbeschreibung und eine Zeit lang Lehrer in Cannstatt, habe die Beginen ins Klösterle „hineingeschrieben“.

Die älteste Klause stand vermutlich in der Brählesgasse

Dennoch scheine es Beginen in Cannstatt gegeben zu haben: „Es gab früher drei Klösterle“, sagt Schulze. Die älteste solche Klause habe in der Brählesgasse gestanden, vermutlich handelte es sich um ein Haus an der heutigen Stelle der Hausnummer 12. Das relativ große Haus wird in der Liste der Kulturdenkmale der Landeshauptstadt als ehemaliges Beginenhaus geführt. Das mit hoher Wahrscheinlichkeit letzte Beginenhaus in Cannstatt ist ebenfalls nicht mehr erhalten. Es stand an der Stelle der Vor-Vorläufer des Hauses an der Überkinger Straße 16, das wohl als das eigentliche Klösterle bezeichnet werden kann.

„Letztlich beziehen sich die wenigen sicheren historischen Quellen über die Beginen in Cannstatt alle auf das Gebäude an der Brunnenstraße“, sagt Schulze. So sind „die Schwestern“ in der Herdstättenliste von 1525 genannt. In der Übergabe-Urkunde nach ihrer Auflösung und ihrem Übergang in den städtischen Armenkasten sind neun Schwestern namentlich genannt.

Beginen verdienten ihren Lebensunterhalt selbst

Im Haus an der Brählesgasse sollen Tertiarinnen laut einer Abhandlung von Hermann Ziegler für das Jahr 1283 belegt sein. Die Beginenbewegung in Europa ist älter: Anfang des 12. Jahrhunderts bildete sich in Westfrankreich eine Frömmigkeitsbewegung, die das verweltlichte Leben der Kleriker kritisierte und ein religiöses Leben nach dem Vorbild der Urkirche forderte. Männer und Frauen aller Schichten schlossen sich der Armutsbewegung an. „Auffallend ist, dass überdurchschnittlich viele Frauen einen religiösen Weg einschlugen“, sagt Schulze. Sie schlossen sich entweder einem der neuen Reform- oder Bettelorden an oder wurden Beginen – Frauen, die ohne Gelübde ein frommes Leben führten.

In der Anfangszeit der Bewegung etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts lebten diese frommen Frauen häufig weiterhin entweder im elterlichen Haus oder zogen predigend durch das ganze Land. Später lebten sie in Gruppen in Beginenkonventen und -höfen zusammen in Demut, Keuschheit und Armut. Ihren Lebensunterhalt verdienten die Beginen selbst, unter anderem in der Landwirtschaft, im Textilgewerbe und in der Krankenpflege und Totenwache. 1541 verfügte Herzog Ulrich in Württemberg, dass diese Häuser geschlossen werden müssten.

Beginen heute

Name
: Der Begriff wird erstmals Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt. Bedeutung und Herkunft sind nicht geklärt, vermutet wird ein Zusammenhang mit den französischen Albigensern, eine Ableitung vom mittelhochdeutschen beggen für betteln oder von der beigen Tracht der meisten Beginen.

Heute:
Seit Anfang der 1990er Jahre finden sich wieder mehr Frauen, die nach dem Vorbild der mittelalterlichen Beginen eine neue Art des gemeinschaftlichen Wohnens und teilweise auch Arbeitens finden wollen. Im Jahr 2006 wurde der Dachverband der Beginen gegründet, in Bad Cannstatt hat sich im Jahr 2012 eine – allerdings nicht in diesem Verband organisierte – Initiative für ein Beginenhaus im Stadtbezirk gegründet.

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