Renate Sonnet Foto: Simone Käser

Die Kriminalhauptkommissarin Renate Sonnet gibt Tipps, wie Frauen sich vor Übergriffen schützen können.

Fellbach -

Es ist dunkel, spät am Abend und das Auto steht in der menschenleeren Tiefgarage – vielen Frauen, die allein unterwegs sind, macht das Szenario Angst. „Meist zu Unrecht“, sagt Renate Sonnet. „Die Frauen verkennen die eigentliche Bedrohung. Klar passiert auch mal was in der Tiefgarage oder auf dem Bahnsteig, aber vom eigenen sozialen Umfeld geht eine viel größere Gefahr aus“, sagt die Kriminalhauptkommissarin vom Polizeipräsidium Aalen, die in der Fellbacher Außenstelle, oder wie es im Volksmund heißt, im „Haus der Prävention“, Aufklärungs- und Beratungsarbeit leistet.

Unter dem Titel „Gewalt gegen Mädchen und Frauen – wie kann ich mich schützen?“ referiert die 57-Jährige auf Einladung der Fellbacher Gleichstellungsstelle am Mittwoch, 15. Juni, im Rathaus. Renate Sonnet wird auf die Gefährdung aus Sicht der Polizei eingehen. Aber auch die Frage erörtern, ob und wie sich Frauen gegen Übergriffe, auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, wehren können. Sie gibt Tipps, wie man sich in brenzligen Situationen verhalten könnte und möchte die Teilnehmerinnen sensibilisieren, aufmerksam zu sein, um problematische Situationen bereits im Vorfeld erkennen zu können und diese gegebenenfalls mit Unterstützung Dritter erfolgreich abzuwenden.

Renate Sonnet geht darauf ein, wo eine Grenzüberschreitung beginnt

Wichtig ist ihr dabei auch darauf einzugehen, was Gewalt überhaupt heißt und wo eine Grenzüberschreitung beginnt. „Für eine Frau ist es schlimm, wenn ihr nachgepfiffen wird, eine andere lacht darüber. Das ist subjektiv unterschiedlich und jeder darf es selbst definieren“, sagt die ehemalige Ermittlungsbeamtin. Egal ob strafrechtlich relevant oder nicht, wenn die persönliche Grenze, wo auch immer diese liegt, erreicht ist, muss klar Stopp gesagt werden. „Bei einem Abhängigkeitsverhältnis wie beispielsweise im Job, trauen sich viele Betroffene nicht, Nein zu sagen. Das darf man aber nicht hinnehmen, sondern muss seinen Standpunkt klarmachen, sagt Renate Sonnet.

Statt nicht mehr aus dem Haus zu gehen, weil man Angst vorm S-Bahn-Fahren hat, möchte die Kriminalhauptkommissarin Mut machen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben. „Selbstbehauptung fängt im Kopf an. Ein energischer Schritt mit selbstbewusster Körperhaltung spielt eine große Rolle. In heiklen Situationen hilft es, laut zu schreien und sich damit zu wehren.“

Was dagegen nicht helfe, weil es keine Rolle spielen dürfe, sei richtige oder falsche Kleidung. „Auch wenn die Frau einen Mini-Rock trägt, darf das niemals ein Grund für einen Übergriff sein“, sagt Renate Sonnet. Seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln seien zwar die Zahlen an Strafdelikten nicht gestiegen, wohl jedoch die Anfragen aufgrund von Unsicherheit.

Viel häufiger als Übergriffe auf der Straße sind Vorfälle in der Partnerschaft

Renate Sonnet verwies auf Zahlen aus der Statistik, die eines untermauern: Viel häufiger als Übergriffe auf der Straße sind Vorfälle in der Partnerschaft. „Nach wie vor liegt der Anteil von häuslicher Gewalt bei 70 bis 80 Prozent“, sagt die Kriminalhauptkommissarin und verweist unter anderem auf sogenannte Discobekanntschaft. „Da wird ein Wildfremder mit nach Hause genommen.“ Es gebe keinen 100-prozentigen Schutz, aber durch Achtsamkeit und Wissen könne man viel vermeiden, sagt die Kriminalhauptkommissarin, die selbst zwei Töchter hat und die Ängste vieler Eltern kennt. Renate Sonnet ist es ein Anliegen, auf die Rechte der Betroffenen hinzuweisen. So können sich Opfer an die Gewaltschutzambulanz in Heidelberg wenden. „Dort wird DNA-Material gesichert. Danach hat die Frau Zeit, sich klar zu werden, ob sie nach einem Übergriff Anzeige erstatten möchte.“

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