Vortrag am Ebelu in Stuttgart-Nord Ein Kämpfer gegen das Verbrechen

Von Elke Rutschmann 

Die Ebelu-Schüler lauschen dem Vortrag von Ronen Steinke über den ehemaligen Schüler Fritz Bauer. Foto: Elke Rutschmann
Die Ebelu-Schüler lauschen dem Vortrag von Ronen Steinke über den ehemaligen Schüler Fritz Bauer. Foto: Elke Rutschmann

Ronen Steinke spricht am Ebelu über Fritz Bauer. Der ehemalige Schüler der Schule in Stuttgart-Nord musste als Jude im Dritten Reich fliehen. Später brachte er als Staatsanwalt NS-Verbrecher vor Gericht.

S-Nord - Eigentlich begleitet Fritz Bauer die Schüler im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (Ebelu) auf Schritt und Tritt. Denn immer, wenn sie die geschwungene Treppe hinunter in das Foyer laufen, können sie unter dem Geländer ein bemerkenswertes Zitat des berühmten Schülers lesen, der 1921 hier sein Abitur abgelegt hat: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ „Er ist einer, auf den wir stolz sind“, sagt Schulleiterin Karin Winkler. Neben Bauer zählen auch Vicco von Bülow alias Loriot oder die Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg und dessen Bruder Berthold zu den prominenten Absolventen der Schule.

Doch niemand musste so lange auf seine Anerkennung warten wie Fritz Bauer. Die Deutschen haben sehr spät die Wertigkeit dieses mutigen Mannes erkannt, der als hessischer Generalstaatsanwalt die Verbrechen von Auschwitz fast im Alleingang vor Gericht gebracht hat. Ronen Steinke, Politikredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und Bauer-Biograph, ist einer, der den gebürtigen Stuttgarter mit seinem Buch „Fritz Bauer oder Ausschwitz vor Gericht“ dem Vergessen entreißen will.

Fritz Bauer wollte die Mauer des Schweigens brechen

Deshalb besucht er an diesem Donnerstag die angehenden Abiturienten im Fach Geschichte der Kursstufe II, um ihnen das spannende Universum des Fritz Bauernäherzubringen, sie für diesen Kämpfer gegen das Vergessen zu sensibilisieren und zu begeistern. Bauer, 1903 in Stuttgart geboren, war Jude und besaß zudem ein SPD-Parteibuch und wurde ins KZ eingesperrt. 1935 floh er nach Kopenhagen, später nach Schweden. Als er nach langem Zögern 1949 zurückkehrte in die alte Heimat, widmete er sich seinem Lebenswerk – die Mauer des Schweigens zu brechen, die auch zehn Jahre nach Kriegsende die Täter des Holocaust schützte. Er wäre auch gerne in die Politik gegangen. Aber ihm wurde gesagt, dass Deutschland noch nicht reif genug sei für einen jüdischen Politiker.

Steinke zeichnet Bauer als einen Menschen mit Schrammen und Verletzungen. „Er hat einen hohen Preis bezahlt, war der bekannteste und meist gehasste Staatsanwalt des Landes“, sagt der Autor. Bauer war umgeben von Beamten, die dem NS-Staat gedient hatten und bis auf wenige Ausnahmen im Amt belassen wurden. Von Bauer ist deshalb der Satz überliefert: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“

Er führte einen Prozess gegen 22 Täter aus Auschwitz

Steinke, selbst Jurist, nimmt die Schüler mit in den Gerichtssaal vom 20. Dezember 1963, als Staatsanwalt Fritz Bauer erstmals 22 Täter aus Auschwitz vor Gericht brachte – der größte Prozess in der Geschichte der deutschen Strafjustiz. Menschen, die inzwischen wieder als Buchhalter, Koch oder Krankenpfleger arbeiteten. Deutsche Jedermänner eben. Darunter war auch Robert Mulka, Adjutant von Rudolf Hess und SS-Hauptsturmführer, der nach dem Krieg als Exportkaufmann in Hamburg lebte. Er wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt. Nicht durchsetzen konnte sich Bauer allerdings mit seiner Ansicht, dass alle, die im Vernichtungslager als Teil der Tötungsmaschine ihren Dienst versehen haben, zu bestrafen seien. Weil er den von ehemaligen Nazis durchsetzten deutschen Behörden zu Recht misstraute, gab er Hinweise auf den Aufenthaltsort Eichmanns 1957 an den israelischen Geheimdienst weiter.

Zwischen Steinke und den Schülern entwickelt sich ein spannender Diskurs über Bauers Einflüsse auf die 68er-Generation, über die Dimension von Schuld, warum heute noch Prozesse gegen Greise geführt werden müssen, Bauers ambivalentes Verhältnis zum Judentum und den Gerüchten über seine mögliche Homosexualität. Bauer bezeichnete sich als glaubenslos und antwortete auf die Frage, ob er Jude sei: „Im Sinne der Nürnberger Gesetze: Ja!“

Ohne Bauer wäre das moderne Deutschland nicht vorstellbar

Inzwischen ehrt man Bauer im Kino mit dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, in Büchern und Magazinen. 2016 wird er mit einem Denkmal am Justizzentrum in Frankfurt gewürdigt, an der dortigen Uni ist ein Institut nach ihm benannt. Auch in Stuttgart wird Bauers moralisches Erbe am Leben erhalten. Das Ebelu hat 2013 den Fritz-Bauer-Preis für soziales Engagement ins Leben gerufen, der jährlich an drei Schüler verliehen wird.

Diskutiert wird auch über Bauers Motive. In einem ARD-Interview wird er 1967 nach seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Antisemitismus gefragt. Dazu erzählt er ein Erlebnis aus der Schulzeit in Stuttgart. Ein paar Mitschüler hätten ihn in der ersten Klasse vermöbelt, aus Neid über ein Lob des Lehrers. Dabei sei auch der Satz gefallen: „Deine Familie hat Jesus umgebracht.“

Fritz Bauer wollte keine Rache. Nur Recht. Und es ging ihm um Aufklärung und eine bessere Zukunft für Deutschland. Eine Schülerin fragt, ob es das wert gewesen sei. Steinke muss nicht lange überlegen. „Ja. Ohne den Einsatz von Fritz Bauer wäre das moderne Deutschland nicht vorstellbar. Ohne ihn wäre es viel länger düster geblieben“, sagt der Referent.

Redaktion Stuttgart-Nord

Ansprechpartnerin
Dr. Eva Funke
s-nord@stz.zgs.de

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